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Job und Karriere
Akademiker am Krankenbett
Stuttgart/Brüssel. Er hat für Aufregung gesorgt, der Vorschlag der „Europäischen Kommission für modernere Regeln zur Anerkennung von Berufsabschlüssen“, die Mindestanforderungen für Pflegeberufe zu heben und das Eingangsniveau für die Ausbildung von Krankenpflegepersonal und Hebammen von einer zehnjährigen allgemeinen Schulbildung auf zwölf Schuljahre anzuheben. Das erschwere den Einstieg und führe dazu, dass das ohnehin schon mangelnde Pflegepersonal noch zurückgehen wird, warnen Kritiker.
Die EU beruhigt in einer Mitteilung: Für Altenpfleger ändere sich nichts, Ängste vor einem stärkeren Pflegenotstand in Altenheimen seien daher völlig unbegründet. Der Vorschlag betreffe beim Pflegepersonal lediglich Klinikkrankenpfleger, Klinik- Krankenschwestern und Hebammen. Auch wolle die Kommission kein Abitur als Voraussetzung für die Ausbildung zur Klinik-Krankenschwester vorschreiben.
„Der Vorschlag sieht zwar zwölf Schuljahre als Bedingung vor, lässt allerdings auch gleichwertige Lösungen zu und verlangt damit kein Abitur. Damit nimmt der Vorschlag gerade auf Deutschland mit seinem Bildungssystem und der dualen Berufsausbildung Rücksicht“, heißt es in der Mitteilung.
Lehrer: Anhebung ist logischer Schritt
Für Horst Pfeiffer, Lehrer für Pflegeberufe am Zollernalb Klinikum, ist die Anhebung der schulischen Zugangsvoraussetzungen ein logischer Schritt: Mittelfristig führe kein Weg an der Akademisierung von Krankenpflegeberufen vorbei, zumal Deutschland, Österreich und Luxemburg europaweit die einzigen Länder seien, in denen Pflegeberufe noch nicht akademisiert sind. „Das Pflegepersonal hat eine hohe Verantwortung und teilweise müssen Tätigkeiten aus dem ärztlichen Bereich mit übernommen werden“, erklärt er.
Außerdem würden die Berufsbilder zunehmend verwissenschaftlicht. „Die Tätigkeiten müssen in ihrer Sinnhaftigkeit bewiesen werden, die Mitarbeiter müssen die Fähigkeit des wissenschaftlichen Arbeitens mitbringen“, sagt Pfeiffer, der eine grundlegende Novellierung im Pflegeausbildungsbereich kommen sieht.
In Ravensburg gibt es bereits einen akademischen Ausbildungsgang
Er könne sich zum Beispiel vorstellen, dass die dreijährige Ausbildung wegfallen und durch die akademische ersetzt werden kann und dass die einjährige Krankenpflegehilfeausbildung auf zwei Jahre aufgestockt wird. Dann hätten auch Menschen, die weniger als zwölf Jahre die Schule besucht haben, eine Chance darauf, im Krankenpflegerischen Bereich zu arbeiten. Und lauter Akademiker am Krankenbett könnten sich die Krankenhäuser vermutlich auch gar nicht leisten.
An der Oberschwabenklinik in Ravensburg gibt es bereits einen akademischen Ausbildungsgang für Krankenpfleger und Krankenschwestern. Jährlich zum 1. September beginnt das ausbildungsintegrierte Studium mit der schulischen Ausbildung an der Gesundheitsakademie. Während die schulische Ausbildung in Blockwochen organisiert ist, findet in den Semesterzeiten einmal wöchentlich ein Vorlesungstag statt. Nach drei Jahren schließen die Teilnehmer die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger mit der staatlichen Prüfung ab. In drei weiteren Vollzeitsemestern erreichen die Studenten dann den akademischen Grad „Bachelor of arts“ und können dadurch in bloß 4,5 Jahren zwei Abschlüsse erzielen.
Speziell zugeschnittener Ausbildungsplan
Bei der praktischen Ausbildung lernen die Studenten die unterschiedlichen Arbeitsfelder eines Gesundheits- und Krankenpflegers kennen. Zwischen den mehrwöchigen Unterrichtsphasen sind sie mehrere Wochen lang in Krankenhäusern eingesetzt und werden dort von Praxisanleitern und Praxislehrern betreut. Ein speziell auf sie zugeschnittener Ausbildungsplan führt sie durch verschiedene Abteilungen. Begleitend lernen die Studenten auch praktische Einsätze außerhalb der Klinik kennen, unter anderem in psychiatrischen Einrichtungen, in Einrichtungen der Altenpflege, in ambulantenPflegediensten und Rehabilitationseinrichtungen.
Der Sprecher der Oberschwabenklinik, Winfried Leiprecht, findet diesen Studiengang sehr vielversprechend, weist aber darauf hin, dass man auch mit Ausbildungen im dualen Bereich und entsprechenden Fortbildungen gut auf die immer steigenden Anforderungen im Gesundheitswesen reagieren lasse. Hier, sagt Leiprecht, gebe es zahlreiche und sehr gute Angebote.
Sozialministerin begrüßt Trend zur Professionalisierung der Pflegeberufe
„Ich begrüße zwar den Trend zur Professionalisierung bei den Pflegeberufen. Junge Leute ohne Abitur will ich aber auch nicht von diesen Berufen ausschließen. Schließlich brauchen wir angesichts des Fachkräftemangels, etwa in der Altenpflege, alle, die in diesem Beruf arbeiten wollen“, sagt Sozialministerin Kathrin Altpeter (SPD). „Deswegen setze ich mich dafür ein, dass es möglich sein wird, während der dreijährigen Berufsausbildung in einem Pflegeberuf die Fachhochschulreife zu erhalten“, so Altpeter weiter.



