Anmelden
Dossier Genie und Genius Loci
Denken ohne Geländer
Die Philosophin Hannah Arendt erforschte den Totalitarismus und ist mit ihrer Formel von der Banalität des Bösen unsterblich geworden - Von Christoph Müller, Freiburg
100 Jahre wäre Hannah Arendt (1906-1975) am 14. Oktober geworden. Sie studierte in Heidelberg und blieb auch - nach der Flucht und Ausbürgerung - im Exil der dort erworbenen Philosophie des Existenzialismus verbunden. Deutschland blieb ihr lediglich Heimat im Sinne der Muttersprache, der Philosophie und der Dichtung.
„Und denken Sie nicht, dass ich Heimweh hätte, nach Heidelberg oder sonst wohin. (Heimweh hätte ich noch am ehesten nach Paris.) Auch kein Heimweh nach der Jugend.“ So schreibt Hannah Arendt 1946, gerade vierzig geworden, in einem Brief an ihren alten Doktorvater Karl Jaspers, der damals noch in Heidelberg Philosophie lehrte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sie schon ein bewegtes Leben hinter sich, ihre großen Werke, Ruhm, Erfolg und Wirkung lagen jedoch noch vor ihr. Heidelberg, wo sie von 1926-1928 studierte, war für sie der Ort der Ruhe inmitten von Stürmen gewesen: nach der existenziellen Erfahrung einer leidenschaftlichen Affäre der jungen Philosophiestudentin mit dem doppelt so alten und verheirateten Martin Heidegger, für sie die erste, wenn nicht die große Liebe ihres Lebens vor den Existenz gefährdenden Jahren der Verfolgung, Flucht und Staatenlosigkeit. In Heidelberg schloss sie viele Freundschaften, die Jahrzehnte oder gar fürs Leben hielten: mit Hans Jonas, dem späteren Münchner Philosophieprofessor und Karl Blumenfeld, einem der führenden deutschen Zionisten.
Menschen handeln. Heidelberg, das war der Ort, an dem Hannah Arendt, von Heidegger empfohlen, bei dessen zeitweiligem Freund und Kampfgefährten der Philosophie, Karl Jaspers, studierte und 1928 promovierte: mit einer Arbeit über den Begriff der Liebe bei Augustinus, dem spätantiken Kirchenvater. Ein Thema, bei dem sie - trotz aller abstrakten Wissenschaftlichkeit - ihre persönlichen Anliegen einbringen konnte. Das war im Sinne Heideggers und Jaspers. Philosophie muss ihnen zufolge die Wirklichkeit von der individuellen Existenz des Menschen aus zu erklären versuchen, von Phänomenen wie Geburt und Tod. Sie ist etwas, das in das Leben des Einzelnen eingreift und es verändern kann. Wie Rüdiger Saffranski sagt, hat Arendt „Heideggers revolutionären Bruch mit der Tradition des philosophischen Denkens mitvollzogen, sie hält also an der Einsicht fest, dass der Weltbezug des Menschen primär kein erkennend-theoretischer, sondern ein besorgend-handelnder ist“.
Verfolgung und Exil. Auf der Grundlage des Existenzialismus von Jasper und vor allem Heidegger zu einem eigenständigen und originellen politischen Denken zu finden, das sollte später Arendts originäre Leistung werden. Politik oder ihre jüdische Herkunft - geboren in Hannover, wuchs sie in einer assimilierten Familie in Königsberg auf - hatte bis dahin in ihrem Leben keine große Rolle gespielt. Nach ihrer Zeit in Heidelberg änderte sich das von Grund auf. Hitler ändert alles. „Die Ereignisse des Jahres 1933 machten die junge Frau, wie sie später mehrfach sagte, auf einen Schlag zur bewussten Zionistin“, so die Arendt-Biographin Antonia Grunenberg. „Wenn man als Jude angegriffen wird, muss man sich auch als Jude wehren“, sagte Arendt selbst. Schon am 1. Januar 1933 schrieb sie: „Für mich ist Deutschland die Muttersprache, die Philosophie und die Dichtung.“ Heimat aber nicht oder nicht mehr.
Sie erfährt Verfolgung, Vertreibung, Ausbürgerung und Exil. Zweimal entkommt sie nur knapp dem Tod, wobei sie persönlichen Mut und Initiative beweist. Systematisch befasst Hannah Arendt sich erst in der Emigration mit Politik und politischer Theorie. In Paris traf sie auf den deutschen Kommunisten Heinrich Blücher, der über ein gerüttelt Maß an politischer Erfahrung verfügte, Kommunist und Revolutionär war und ihr zweiter Ehemann wurde.
Schließlich gelangte sie in die Vereinigten Staaten, wo sie - wie schon vor dem Krieg in Europa -für jüdische Organisationen sowie als Essayistin und Journalistin tätig wird. Spät kann sie nun auch ihre akademische Karriere fortsetzen. Als erste Frau wurde sie 1959 in Princeton Professorin. 1965 war sie ebenfalls die erste, die in Günter Gaus Sendung „Zur Person“, jahrzehntelang eine Institution des deutschen Fernsehens, interviewt wurde. Berührungsängste gegenüber Nachkriegsdeutschland hatte sie keine, zu Besuchen bei Heidegger in Freiburg und vor allem Jaspers (nun in Basel) kam sie regelmäßig dorthin. Ihre Haltung gegenüber Deutschland blieb sehr skeptisch, doch nie grundsätzlich ablehnend; von Ressentiment gar ist bei Arendt nichts zu spüren. Die Idee einer Kollektivschuld lehnte sie entschieden ab. Sie forderte aber die Aufarbeitung des Geschehenen. Für das selbst erlittene Unrecht, die vereitelte akademische Laufbahn, erstreitet sie sich nach langem Prozess 1971 eine Entschädigung. Die so genannte Lex Arendt machte dann den Weg für andere, ähnliche Schadenersatzzahlungen frei.
Erforschung totalitärer Herrschaft. Zwei Dinge verbindet noch heute jeder interessierte Zeitgenosse mit dem Namen Hannah Arendt: Den Begriff „Totalitarismus“, der freilich nur im Titel ihres politologischen Hauptwerks auftaucht, und die Formel von der „Banalität des Bösen“, die auf Eichmann gemünzt, seither tausendfach gebraucht worden ist. Als politische Denkerin wurde Arendt in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts schlagartig bekannt, mit ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, einer wahren Pionierarbeit. Arendt „war die erste Theoretikerin, die das Phänomen des Totalitarismus als eine in der Menschheitsgeschichte völlig neue Form politischer Macht verstand“, so Seyla Benhabib, Politikprofessorin an der Yale-University in Amerika.
Linken Kritikern wie etwa Rudolf Bahro galt der von Arendt mitgeprägte Totalitarismusbegriff freilich als „Fehlkonstruktion“ und „Grundbaustein zu der Ideologie des Kalten Krieges“. Stets wieder, gerade auf der Linken aber auch von falschen Freunden auf der Gegenseite, wurde Arendt als Antikommunistin vereinnahmt. Sehr zu Unrecht, wie kürzlich Gesine Schwan klarstellte: „Die sensationelle These der Totalitarismustheorie lag ja gerade darin, dass sie strukturelle Übereinstimmungen zu Tage brachte und trotzdem den ideologischen Gegensatz betonte.“ Arendt sah den Anti-Kommunismus im Übrigen selbst in der Gefahr, zu einer Ideologie zu werden. Wie ihre philosophischen Lehrer lehnte sie Ideologien und Weltanschauungen ab. So sehr ihr Totalitarismus-Buch Aufsehen erregte und Debatten anstieß, die Politikwissenschaft bewegte sich schon bald auf anderen Bahnen. Seit den 70er Jahren wurde zudem kritisiert, dass ihr Ansatz, der den Terror als Wesensmerkmal des Totalitarismus ansah, nicht geeignet sei, erkennbare Veränderungen innerhalb totalitärer Systeme zu erklären.
Eichmann in Jerusalem. Weltberühmt und weit über akademische Kreise hinaus bekannt wurde die Wissenschaftlerin durch eine eher journalistische Arbeit. 1961 beobachtete sie in Jerusalem den Prozess gegen Adolf Eichmann, der im NS-Regime die Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager in Osteuropa verwaltete. In ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ spricht sie davon, dass dieser gerade „kein Teufel in Menschengestalt“ sei. Als „ein beliebiger Hanswurst“ verkörpere dieser „Durchschnittsbürokrat“ vielmehr die „Banalität des Bösen“. Das wurde zur geflügelten Redewendung und trug ihr harsche Kritik ein. Wo sie die „vollständige Abwesenheit des Denkens und damit auch der Selbstreflexion in der Person des Täters“ (Grunenberg) in den Blick nimmt, werfen ihr andere Verharmlosung und Schlimmeres vor.
Ihre Originalität, das Zukunftsweisende ihres Denkens findet sich in weniger bekannten Arbeiten. Arendt verstand, anders als die westliche Tradition, Politik nicht als Herrschaft, sondern als Handeln. Dieses sei die schlechthin politische Tätigkeit, weil es dazu anderer Menschen bedürfe. Damit eng zusammen hängt ihre Philosophie der Natalität. „Die Geburt eines Menschen ist der Anfang eines handelnd selber anfangenden und insofern freien Wesens.“ Damit kehrt sie zu ihren eigenen Anfängen zurück. Arendt entwickelte eine Philosophie des Anfangs beziehungsweise der Natalität, die bereits in ihrer Heidelberger Dissertation angelegt ist. „Der Mensch wurde geschaffen, damit ein Anfang sei“, heißt es bei Augustinus.
Euphorie angesichts der Achtundsechziger. Für die (Neu)Anfänge, die „Geburten“ der Geschichte, und das heißt Revolutionen, hegte sie zeitlebens besondere Sympathie - wenn ihr Handeln wirklich auf Freiheit ausgerichtet war und von einer Pluralität von Akteuren getragen wurde. So wie, ihr zufolge, in der Gründungsphase der USA. Fast euphorisch begrüßte sie die Studentenunruhen, die in Berkeley ihren Ausgang nahmen: „Mir scheint, die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr 1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848.“ Sah sie doch dort eine sich demokratisch konstituierende Bewegung entstehen. Die Parteiendemokratie kritisierte sie, das radikaldemokratische Rätesystem kam ihrem Ideal näher. So mag es durchaus sein, dass sie die globalisierungskritische Bewegung der Gegenwart vielleicht begrüßt hätte. Heutige Bürgerinitiativen oder NGOs mögen so durchaus dem nahe kommen, was ihr letztlich vorschwebte.
Fertige Rezepte freilich, wie Politik und Handeln zu gestalten seien, bietet Hannah Arendt nicht an. Obwohl Philosophin, ist sie gerade keine Systemdenkerin. „Ich habe keine politische Philosophie, die ich in einen Ismus fassen könnte“, so Arendt selbst. Ihre Sache war vielmehr das „Denken ohne Geländer“, das aber nicht im stillen Kämmerlein oder gar dem Elfenbeinturm stattfand, sondern in oder jedenfalls für die Öffentlichkeit. Wie Kant, der ebenfalls aus Königsberg stammte, forderte sie die Menschen dazu auf: Selbst denken! Jeder Mensch sei zum Denken und damit zur Politik befähigt, der politische Raum dürfe nicht für Spezialisten reserviert werden. Denn nach Arendt wird die Wahrheit auf der Grundlage von Freiheit und Differenz in jeder Generation neu ausgehandelt. Ihr Anliegen ist ein Optimismus des Handelns. Dieser täte vielleicht gerade einer Zeit gut, in der alles Sachzwängen zu unterliegen scheint und Veränderungen bestenfalls noch als schrittweise Reformen möglich scheinen.
Hannah Arendt im Mai 1971 in München. Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach:

