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Dossier Planstädte
Eine Stadt fällt aus dem Rahmen
Freudenstadt wird durch das Quadrat bestimmt
Von Hans Jürgen Breuning, Neuhausen
Sie haben schon einmal Mühle gespielt? Und dabei noch nie an eine Stadt gedacht? Sollten Sie aber. Denn mit der Idealfigur des Quadrats, das in seiner Mitte einen von vier Seiten begrenzten Platz für ein Schloss entstehen lässt, haben Sie bereits die Grundzüge des Stadtplans von Freudenstadt vor Augen. Ist es bei Karlsruhe der Kreis, der die Fächerstadt dominiert, herrscht in Freudenstadt das vollkommene Quadrat - genau so hatte es der Architekt und Stadtplaner Heinrich Schickhardt geplant. Das war Ende des 16. Jahrhunderts, die Zeit des großen europäischen Glaubensstreites, als Herzog Friedrich I. von Württemberg diese \"Idealstadt\" gründete. Heinrich Schickhardt, der herzogliche Baumeister, entwarf 1599 für die Bergleute der Silbergrube Christophstal die erste Stadtfigur Deutschlands, die einem streng am Reißbrett gezeichneten winkelförmigen Plan entsprang.
Nicht nur die geometrische Form ist hier eine andere - auch die Zeit: Die Stadtplanungen Freudenstadts reichen bis in die Renaissance zurück, jene von Karlsruhe hingegen sind geprägt von barocken Zirkelschlägen des 18. Jahrhunderts. Und genau dieser Zeitsprung äußert sich im räumlichen Verständnis der Stadt. Während sich in Karlsruhe alle Gebäude einem Gesamtbild unterordnen, also der großen Idee des Fächers folgen, ist die Renaissance-Planung für Freudenstadt eine winklige und trotz aller Ordnung recht unübersichtliche Angelegenheit.
Eine Idealstadt, die jedoch weniger aus purer Faszination an der Geometrie entsteht, sondern vor allem ausreichend Schutz bieten muss: Denn die bis dahin bekannten Befestigungen und Burgen boten zur Verteidigung nicht mehr die gewünschte Sicherheit. Eine veränderte Waffentechnik und die moderne Art der Kriegsführung nahmen den alten Wehranlagen ihren Wert. Auch die hohen Türme und Mauern der Stadtbefestigungen konnten den mauerbrechenden Feuerwaffen kaum noch widerstehen. An ihre Stelle musste ein in der Tiefe gestaffeltes System von Basteien mit geböschten starken Mauern treten. Albrecht Dürers Befestigungslehre, die 1527 in Nürnberg herausgegeben wird, ist daher ein wichtiger Bezugspunkt für die Planung von Freudenstadt. Die ideale Stadt der Renaissance musste also vor allem eines sein: möglichst sicher. Und bevor der Feind überhaupt bis zur Schlossanlage durchdringen konnte, hatte er mehrere Bahnen des Mühlespiels zu durchbrechen. Die Häuser der Bergleute, die diese streng quadratischen Bahnen rahmten, boten derweil dem Fürsten einen soliden Verteidigungsgürtel.
Aber weshalb ist trotz aller Sicherheitsüberlegungen alles ein bisschen unübersichtlich? Das kann man vielleicht etwas besser nachempfinden, wenn man sich in die engen Straßenzüge hineinversetzt - oder leicht schlaftrunken den gedankenschweren Kopf langsam auf das Mühlebrett senkt. In beiden Fällen wird klar: Die Orientierung auf einen bestimmten Punkt, wie etwa den Karlsruher Schlossturm, ist hier nicht mehr möglich. Die Bahnen des Mühlespiels weisen lediglich in die Ecken. Die Renaissance-Stadt ist also allenfalls klar gegliedert, um gut kontrolliert werden zu können - nicht etwa, um beeindruckende Blickachsen zu schaffen: Ein Sinnbild für Ordnung, das den Wünschen eines souveränen Herrschers entspringt, der sich um seine Sicherheit sorgt und deshalb seine Residenz nicht stolz und offen präsentiert, sondern lieber etwas versteckt. Albrecht Dürers Zeichnung einer quadratischen Königsstadt mit einem Schloss in der Mitte hat nicht zufällig große Ähnlichkeit mit Freudenstadt.
Auch Heinrich Schickhardt (1558-1634), der durch seine überaus vielseitigen Tätigkeiten den Ehrennamen \"schwäbischer Leonardo\" führte, hatte für Freudenstadt ein stolzes Residenzschloss - größer als das Stuttgarter Schloss - genau in der Mitte der Stadtanlage vorgesehen. Doch mit dessen Bau wurde nie begonnen. Quelle dieses Plans war der gewünschte enge Anschluss an das württembergische Besitztum Mömpelgard (Montbéliard im heutigen Frankreich). Am 22. März 1599 steckt Schickhardt die ersten Häuser \"mitten im förchtigen Wald\" ab. Doch schon 1608, als Herzog Friedrich I. stirbt, muss auch der Traum von einer großen Residenzstadt begraben werden: Freudenstadt wird zu einer Stadt der Handwerker, der Nagelschmiede und Tuchmacher.
Dabei hatte alles so viel versprechend begonnen. Bereits 1602 wuchs die Einwohnerzahl der Stadt durch protestantische Glaubensflüchtlinge aus der Steiermark, Kärnten und Krain. Nach den Vorstellungen des Herzogs sollten 3500 Bürger hier leben - Berlin hatte damals gerade 6000 Einwohner. Und die stadtplanerischen Vorbereitungen für Freudenstadts Residenzschloss waren schon getroffen: Der bewusst groß dimensionierte Platz, der 225 auf 225 Meter misst, wird an allen vier Seiten von Arkadenreihen umsäumt - in den Ecken stehen in der Planung die vier wichtigsten Häuser der Stadt als winkelförmige Gebäude. Die ersten Wohnhäuser der Bergleute sind meist nur zweigeschossig, haben ein steiles Satteldach und blicken mit ihren Giebeln zum Platz. Von dieser idealen Stadtplanung Schickhardts zeugt die von ihm erbaute evangelische Stadtkirche (1601-08), in deren Winkelhakenform die beiden Kirchenschiffe rechtwinklig aufeinander stoßen. Eine solch außergewöhnliche Kirche mit je einem Turm an den Schmalseiten hat nur Freudenstadt. Aber damit nicht genug - auch der gegenüberliegende \"Schickhardtbau\" (1606-09) präsentiert sich als Kauf- und Rathaus im Winkelhaken.
Vergleichbare Planstädte, die stets sehr starken Festungscharakter besitzen, gibt es im Übrigen nicht nur in Italien - hier hatte der Baumeister Filarete die Idealstadt Sforzinda in Form eines achteckigen Sterns entworfen - sondern besonders auch in Frankreich. So etwa die bereits 1545 von dem italienischen Techniker Marini angelegte Planstadt Vitry-le-François. Welch eine Faszination an Linien und Winkeln, die von diesen \"idealen\" Stadtplanungen ausging!
Und obwohl Freudenstadt bis heute das eigentliche Herzstück fehlt, sind die Einwohner stolz auf ihren \"größten Marktplatz Deutschlands\". Das war schon 1784 so, als die \"Oberamtei\" für die staatliche Verwaltung auf dem Marktplatz errichtet wurde und sich die Bürger und der Gemeinderat gegen dieses neue Haus auf dem Platz aussprachen. Fast hundert Jahre später, ab 1876, gelingt es dem Stadtschultheiß Alfred Hartranft, in mehr als 40-jähriger zielstrebiger Arbeit aus einem \"Hinterwäldlerstädtchen\" einen \"weltbekannten Höhenluftkurort\" zu machen - schon 1879 folgte mit der \"Gäubahn\" der Anschluss an den Schienenverkehr nach Stuttgart.
Dass ausgerechnet Freudenstadt noch einmal aus dem Rahmen fallen würde, hatte jedoch damals noch niemand erahnen können. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, beinahe in den letzten Kriegstagen, kommt es indes zur Katastrophe: Am 16. und 17. April 1945 wird die Innenstadt durch Artilleriebeschuss und die dadurch ausbrechenden Feuer nahezu völlig zerstört. 597 Gebäude werden durch den Angriff französischer Truppen zerstört - 1400 Familien sind obdachlos. \"Von den verantwortlichen Parteigrößen war niemand mehr anwesend, sie haben Freudenstadt fluchtartig verlassen\" , notiert der damalige Staatsschreiber Schwarz. Und blickt man auf den Schadensplan von 1945, so wird erschreckend deutlich, dass von den Planungen Schickhardts nur noch ein großer Trümmerhaufen übrig blieb:
Wie sollte es nun weitergehen mit der Renaissancestadt und deren markantem Grundriss? Oder sollte man der Stadt mit einem \"Neuen Bauen\" ein völlig neues Gesicht geben? Schließlich bietet die Stadtfigur einer geschlossenen Festung kaum Chancen für eine Erweiterung. Die einen plädieren für eine möglichst exakte Rekonstruktion des historischen Ensembles, die anderen wollen der Stadt eine neue Prägung verleihen. Das ist grundsätzlich nicht so außergewöhnlich, denn diesen Konflikt musste in der Nachkriegszeit jede deutsche Stadt, die unter schweren Zerstörungen gelitten hatte, austragen.
Bezeichnend für Freudenstadt ist jedoch die überaus heftige Auseinandersetzung -nicht nur zwischen Laien und Fachleuten. Namhafte Architekten wie Paul Schmitthenner (1884-1972) unterbreiten ihre Vorstellungen für ein neues Freudenstadt, jeder hält seinen Ansatz für den besseren und auch die Fachleute sind sich längst nicht einig: \"Zehn Fachleute und elf verschiedene Urteile: Diese Tatsache ist der größte Kummer aller, die bauen müssen und des Rates dieser Fachleute bedürfen.\" Urteilt der Architekt Ludwig Schweizer 1950 in der Schwarzwaldzeitung \"Der Grenzer\". Und tatsächlich gibt es jede Menge hitziger Wortgefechte. Schmitthenner möchte seine \"Stadt der schönen Giebel\" bauen, Adolf Abel (1882-1968) hätte gerne eine Hälfte des Marktplatzes überbaut und muss dann resigniert feststellen: \"Was soll ein Architekt an einem Ort, wo kein Verständnis für schöpferischen Sinn vorhanden ist? Dort kann man nur in den gewohnten Gedanken aus der Vergangenheit etwas erreichen!\"
Jenes Gespür für die Vergangenheit entwickelt Ludwig Schweizer (1910-89) am besten. Sein Vorschlag zeichnet das Bild des zerstörten Marktplatzes mit seinen wichtigen Winkelgebäuden wieder nach -er möchte keinen radikalen Neuanfang, sondern vielmehr die Vergangenheit mit modernen Mitteln fortschreiben. Alles bleibt an seinem Platz, die Stadthäuser werden lediglich um 90 Grad gedreht: Aus den Giebelhäusern werden jetzt traufständige Gebäude, die einzigartigen Arkaden bleiben erhalten, in betont \"menschlichem Maßstab\". Aus den ehemals schmalen Gassen macht Schweizer \"breite und schöne Straßen\", aber alles mit Bedacht und Respekt vor dem historischen Stadtgrundriss. Auch der Platz selbst wird nicht von weiteren Verkehrsadern durchkreuzt oder gar zusätzlich überbaut - es bleibt beim Stadthaus und der Post.
Die Bewohner Freudenstadts und die Kurgäste freuen sich über diesen gelungenen Wiederaufbau, die Fachwelt aus Architekten und Planern erteilt Schweizers Konzept einer nur leicht veränderten Vergangenheit das Etikett des \"Rückschrittlichen und Unzeitgemäßen\". Und heute sieht so mancher Kritiker die Dinge wieder ein bisschen anders. Schweizers \"gebaute Heimat\" hat vor allem eines gewahrt: Freudenstadts Identität - und genau das ist es auch, was man vom Wiederaufbau dieser Idealstadt der Renaissance bis heute noch mitnehmen kann. An der zentralen, identitätsstiftenden Rolle für die Stadt hat sich derweil nichts geändert. Auch der 1999 eingeweihte \"untere Marktplatz\" mit seinen Wasserfontänen steht in seiner Bedeutung deutlich hinter der Schickhardt-Planung zurück. Das vierhundert Jahre alte, quadratische Mühlebrett der Idealstadt bleibt weiterhin sichtbar. Gewiss, es besitzt für die heutige Stadtplanung keine Relevanz mehr, doch man kann von ihm so einiges lernen.
Große Teile von Schickhardts Idealplan sind bis heute in Freudenstadt zu sehen. Die ursprüngliche Idee, in der Mitte des Platzes das Residenzschloss zu errichten, wurde nie verwirklicht.

