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Dossier Romantik

Staatsanzeiger: Ausgabe 36/2006
Von: Vogel, Thomas 

Viel Sehnsucht

Seit 25 Jahren existiert mit dem Theater Lindenhof in Melchingen ein neo-romantisches Projekt

Von Thomas Vogel, Tübingen

„Schön im Süden Schwabens, über dem Neckartal, hinter den sieben Bergen liegt Melchingen. Die Alb ist eine eigene Gegend. Der Sommer mit hohem Licht, der Winter mit klarer Kälte, glanzvoll eventuell der Herbst, auch die Mehrheiten, die Ansichten, die Feinde soweit klar, hier und da noch Natur. Irland manchmal. Wind wie vom Meer, Mittelalter leidvoll und köstlich, Kargheit und Vitalität. Eine gute Gegend für Geschichten. Hier liegt das Theater Lindenhof. Mitten im Dorf unter den Linden an der Allee, Kneipe und Kultur, Theater und Lebensform.“

So schön romantisch steht es in der Chronik des Theaters Lindenhof. Seit 25 Jahren. Nichts daran hat sich geändert. Und doch ist heute alles anders. Aus dem Theaterexperiment einiger „Spinner“ wurde Baden-Württembergs einziges Regionaltheater. Es war oft genug und der Alb gemäß ein steiniger Weg, auf dem den Melchingern nichts geschenkt wurde, ihnen selten etwas in den Schoß fiel. Aber sie gingen kämpferisch ihren Weg, lustvoll, eigensinnig, unverdrossen. Und uns, dem Publikum, den Freunden und Begleitern, wurde viel geschenkt.

Jedem Anfang, heißt es, wohne ein Zauber inne. Und sei es der Zauber des Leichtsinns. Als ein paar Aussteiger Ende der 70er Jahre mehr wollten als eben lediglich das dräuende bürgerliche Dasein eines Schulmeisters, eines Sozialpädagogen oder Schusters, da waren es die Träume von Romantikern, die auf der Suche nach sich selbst waren, nach wahrhaftigeren Lebensformen und nach Möglichkeiten, sich spielend, Theater spielend, zu entdecken und zu entwerfen. Da war es die Unschuld des Anfangs, die zur Entscheidung führte, einen leer stehenden Gasthof auf der rauen Alb zu kaufen.

„Eines Tages“, so erinnert sich der heutige Präsident Uwe Zellmer, „da kam der Bernhard mit einer Anzeige: ‚Landgasthof auf der Sonnenalb‘. Das war der Ausgangspunkt.“ Denn, so der Intendant Bernhard Hurm, „da war alles schon drin: die Sonne, das Land, der Gast und der Hof.“ Man kannte sich aus Tübingen und Umgebung, kannte sich vom Theaterspielen. Die Biografie dieses Theaters ist zuallererst eine Menschengeschichte. Sie beginnt mit ihren Gründungsmitgliedern, mit dem Studienreferendar Uwe Zellmer und dem Schüler Bernhard Hurm, der hat wiederum eine Freundin, Dietlinde Ellsässer. Sie teilten eine verrückte Sehnsucht nach Theater-Spiel, für sie damals, in den ausgehenden 70er-Jahren, eine Art Überlebenstraining. Nach und nach entstand ein schwäbisches Familienunternehmen der Wahlverwandtschaften, das sich aber bis heute nicht als geschlossene Gesellschaft empfindet. Denn bis heute finden immer wieder neue Mitglieder Aufnahme in diesen Familienclan.

Von Anfang an wollte man Volkstheater spielen, nicht mit dem krachledernen Hauruck-Charme der Mundartbühnen, und noch weniger so, wie sich Mundart, angereichert mit Schnaps und Schwachsinn, durchs Fernsehtheater witzelt. Sondern Theater mit Leichtigkeit und Zärtlichkeit und politischem Anspruch. Eigene Geschichten wollte man erzählen, aus dem Spiel heraus die Stücke entwickeln. Bei der Suche stieß man in der Heimatchronik auf die Geschichte der Adlerwirtin Katharina Memlerin, die, „wund vor Schmerz über den Verlust ihrer Familie“, schließlich als Hexe verbrannt wurde. In dreijähriger Arbeit entstand Nacht oder Tag oder Jetzt, ein Volksstück, das 1984 Premiere hatte, den Volksstückpreis des Landes Baden-Württemberg erhielt, bis in die 90er Jahre hinein auf dem Spielplan stand, und schließlich als Fernsehfilm mit Dietlinde Ellsässer in der Hauptrolle produziert wurde.

Bereits Mitte der 80er Jahre erfanden und spielten die Melchinger in Tübingen eine eigene Form des Sommertheaters. Nicht mehr auf den klassischen Spielraum beschränkt, sondern unter freiem Himmel, ein schwäbisches Stück über den romantischen Dichter Hölderlin, am Ort des Geschehens, am Neckar, zwischen Burse und Hölderlinturm. Die Enten auf dem Neckar spielen mit, der Wind und die Bäume, die Fledermäuse und der Sonnenuntergang.

Theaterspielen war für die Leute vom Lindenhof von Anfang an kontrovers geführte Heimat-Suche. Heimat als Erinnerung, Heimat als Utopie. Eine schwierige Auseinandersetzung mit einem der schillerndsten Begriffe unserer Zeit. In fast jeder Inszenierung wird aufs Neue nach Antworten gesucht, im Polenweiher von Thomas Strittmatter, in Bauernsterben von Franz Xaver Kroetz, in Zellmers Jerg Rathgeb, Maler, ebenso wie in der von Franz Ott geschriebenen schwäbischen Tüftlersonate Hoimetaberau, einer preisgekrönten Inszenierung aus dem Jahr 1994. Ort der Handlung: eine Bastlerwerkstatt, das Reich zweier eigenbrötlerischer Junggesellen. Zwischen Kurbeln und Pleuelstangen, Keilriemen, Lederbändern, Eisen, Stahl und Draht, zwischen Schwiegel, Bajonettverschluss und Transmissionswelle bleibt noch genug Raum für kauzig-philosophisches Räsonieren.

Auch bei dieser Inszenierung stand der Schriftsteller Peter Härtling, seit dem „Hölderlin“ Freund und Weggefährte der Melchinger, wieder Pate. Ihm verdankt der Lindenhof auch die faszinierende Winterversion des Open-air-Theaters. Härtlings Melchinger Winterreise stand drei Jahre lang, von 1997 bis 2000, mit gleich bleibendem Erfolg auf dem Programm. Gespielt wurde dieser Theaterspaziergang draußen auf der Albhochfläche unter den Windrädern, erst im zweiten Teil dann fand man sich in der geheizten Theaterscheune ein.

Die Geschichte in Melchingen ist gekennzeichnet von Sehnsucht, von Suchen und Finden. Und: von Mut und Wagnis. Mutig allemal die Wahl der Stücke, gewagt die immer neue Suche nach den Spiel- Theater- und Phantasieräumen, die den realen Horizont sprengen, dem Publikum den Blick freigeben für ein anderes Zuschauen, Mitmachen. So, als es in diesem Sommer zu zauberhaft-romantischem Spiel hinunter in die Nebelhöhle ging. Natur als Erzählraum. Als Teil solcher Inszenierungen rücken wir uns mit unseren Träumen auf den Leib.

Die romantische Reise dieses einzigartigen Regionaltheaters ist in Baden-Württemberg auch nach 25 Jahren längst noch nicht zu Ende. Glaubhaft bis heute, ausgestattet mit Kopf und Herz, romantisch und doch auch mit aufklärerischem Impetus. Glaubhaft auch im stets vorhandenen Verzauberungswillen, oder, wie Walter Jens es formulierte, in der Suche nach der Dialektik zwischen dem Nahesten und dem Fernsten: „Es ist die Schwäbische Alb und es ist der Himmel, es ist Melchingen, es sind die Sterne, und beides zusammen macht den Reiz dieses wirklich einzigartigen Theaters aus.“

 

Thomas Vogel ist Schriftsteller und stellvertretender Studioleiter und Leiter der Redaktion Kultur am SWR-Studio in Tübingen. Außerdem hat er eine Honorarprofessur für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen inne.

Davor Bakara, 34, ist Illustrator und Diplom-Designer in Stuttgart und macht Zeichnungen, Portraits, Collagen, Logos für Unternehmen, Agenturen, Magazine, Zeitungen, Verlage. www.davorbakara.com

Illustration: Bakara

 

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