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Leseprobe Momente 1|2013
Lesezimmer des Stuttgarter Arbeiterbildungsvereins in seinem Arbeiterheim an der Heusteigstraße, vor 1913
Lesezimmer des Stuttgarter Arbeiterbildungsvereins in seinem Arbeiterheim an der Heusteigstraße, vor 1913 (Foto: Stadtarchiv Stuttgart, 1058 Bü 107)

Bildung macht frei

Mit eigenen Bibliotheken wirkten die Arbeiterbildungsvereine für die „geistige Hebung“ ihrer Mitglieder

„Aufstieg durch Bildung“ – dieser Satz führt mitten in die aktuellen Diskussionen über das Bildungssystem. Gleichzeitig verweist er auf den Beginn der Arbeiterbewegung, als Handwerksgesellen zu genau diesem Zweck Arbeiterbildungsvereine gründeten. Deren Bibliotheken bildeten jahrzehntelang den geistigen und geselligen Mittelpunkt der Vereine – trotz politischer Differenzen, wie die Beispiele aus Württemberg zeigen.

Am 25. Dezember 1848 schrieb Bernhard Schiftlering, Vorstand des Ulmer Arbeiterbildungsvereins, an den örtlichen Stadtrat:

 „[…] vielfach durch Erfahrung belehrt, daß der Staat für praktisch-gewerbliche Bildung immer noch nicht genug thut, daß die Gewerbeschulen, wo solche bestehen, zu theoretisch und doktrinär, daß sie nicht von dem lebendigen und schöpferischen Hauche des Zeitgeists getragen und […] die Handwerksgesellen stets auf den Spruch angewiesen sind: ,Hilf dir selber‘; […] in Rücksicht dessen haben sich […] Bildungsvereine für Arbeiter gebildet, in denen die Mitglieder nicht schulmäßig, sondern praktisch wie freie Männer unter Ihresgleichen ihre Kenntnisse gegenseitig mittheilen, […] eine allseitige Bildung auf gesellschaftliche Weise sich aneignen und die Tagesfragen über gewerbliche Verhältnisse besprechen.“

Zwischen 1848 und 1852 entstanden außer in Ulm auch in 27 weiteren württembergischen Städten berufsübergreifende Arbeiterbildungsvereine. Die darin vereinten Gesellen nutzen damit das in der Revolution erwirkte Vereins- und Versammlungsrecht. Mit gemeinsamen Bildungsmaßnahmen wollten sie den ihnen drohenden gesellschaftlichen Abstieg verhindern. Das wichtigste Bildungsmittel der Vereine waren Schriften, die aus Mitgliederbeiträgen erworben oder von bürgerlichen Unterstützern gespendet wurden. 

Da seinerzeit noch nicht alle Mitglieder hinreichend lesen konnten, war das Vorlesen fester Bestandteil der wöchentlichen Vereinsversammlungen. Meist schloss sich eine Diskussion über das Gehörte unmittelbar an.

Darüber hinaus öffnete in nahezu allen Arbeiterbildungsvereinen sonntags und an bestimmten Abenden das Vereinslokal oder ein separates Lesezimmer, teilweise gekoppelt mit den Ausleihstunden der Bibliothek. Besonders in den Wintermonaten wurde davon rege Gebrauch gemacht, da die Vereinsräume gut beheizt und beleuchtet waren – anders als viele Unterkünfte der zumeist jungen und unverheirateten Mitglieder.

Das Leseinteresse konzentrierte sich auf Zeitungen und Zeitschriften demokratischer und frühsozialistischer Prägung: etwa die wechselnden Verbandsorgane der württembergischen und reichsweit organisierten Arbeiterbildungsvereine, die religiös wie politisch motivierten Zeitungen „Lucifer“ und „Kirchenfackel“ oder das Karikaturenblatt „Der Eulenspiegel“. Daneben waren in vielen Vereinen auch vorhanden: ein „Hülfsbuch für Handwerker“, die „Volksgewerbelehre“ von J.H.M. Poppe, Wilhelm Binders „Geschichte der französischen Revolution

von 1789“, eine „Elementargeographie“, eine Broschüre über die Arbeitervereine in der Schweiz, „Schillers Werke“ oder Eugène Sues Roman „Der ewige Jude“. Die Vereinsbibliotheken boten dem einzelnen Arbeiter eine sonst nicht erschwingliche Fülle an Lektüre sowie die Teilhabe an der öffentlichen Diskussion. Damit wurden sie zu Zentren für die gemeinschaftliche Orientierung, Emanzipation und Weiterbildung.

Der landesweit wichtigste und größte Arbeiterbildungsverein war der im Mai 1848 konstituierte und stets über 100 Mitglieder zählende Verein in Stuttgart. Mit 150 bis 300 oder sogar mehr Bänden sowie vielen Presseabonnements besaß der Arbeiterbildungsverein Stuttgart zugleich die umfangreichste Bibliothek. Auch im nationalen Vergleich war sie respektabel, zumal es seinerzeit üblich war, wenige Schriften intensiv und räsonierend zu lesen.

Die Bibliothek überdauerte sogar die Reaktionszeit. Als der Stuttgarter Arbeiterbildungsverein im März 1852 zur Selbstauflösung gezwungen wurde, bewahrten nämlich einige Mitglieder die Schriften und nutzten sie weiter. Mehr als 115 Bände flossen zurück in den Verein, der sich im Januar 1863 reorganisierte, und bildeten den Grundstock von dessen Bibliothek. Doch nicht nur im Fall des Stuttgarter Vereins wirkte die Bibliothek als Kontinuum über die kurze erste Vereinsphase hinaus. Auch für die Arbeiterbildungsvereine Ulm, Esslingen und Göppingen gibt es entsprechende Hinweise, die jedoch teilweise vage bleiben. 

Ab 1862 führten die Gewerbefreiheit und das dadurch erhöhte Informationsbedürfnis zu einer zweiten Gründungswelle von Arbeiterbildungsvereinen in Württemberg. Viele Vereine knüpften dabei an Traditionen von 1848/52 an. Und wiederum erfuhren sie die Unterstützung von bürgerlicher Seite. Aufgrund der starken Interessenidentität zwischen Arbeiterschaft und liberalem Bürgertum hatte die Mehrheit der württembergischen Arbeiterbildungsvereine bis Mitte der 1860er- Jahre liberale Bildungsideale. Unter dem Motto „Bildung macht frei“ setzten sie auf Selbsthilfe und eine individuelle Aufstiegsmentalität. 

Der im Mai 1863 gegründete „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein“ stieß bei den württembergischen Arbeiterbildungsvereinen daher auf wenig Resonanz. Vielmehr schlossen sich diese im Juni 1863 dem „Vereinstag Deutscher Arbeitervereine“ (VDAV) an, der von den sozialharmonischen und genossenschaftlichen Ideen Hermann Schulze-Delitzschs geprägt war.

Wie der Stuttgarter Verein verfügten auch die meisten anderen württembergischen Arbeiterbildungsvereine der 1860er-Jahre über eigene Schriftenbestände. Von dem 1865 gegründeten Arbeiterbildungsverein Rottweil haben sich bis in die Gegenwart 308 Bibliotheksbände erhalten. Davon dürften 79 Bände schon kurz nach der Vereinsgründung zum Schriftenbestand gezählt haben: so die Zeitschrift „Die illustrierte Welt. Blätter aus Natur und Leben, Wissenschaft und Kunst“, zwei Bände von „Das neue Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien“, die Werkausgaben von Goethe, Lessing, Hauff, Thümmel, Pyrker und Byron, ein Seeroman von James F. Cooper und „Familiengeschichten“ von Otfried Mylius. Zu den Pressetiteln, die im Rottweiler Verein gelesen wurden, zählten unter anderem der „Beobachter“ und das „Demokratische Wochenblatt“ als Organ des VDAV bzw. ab August 1869 als Organ der neu gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP).

Die Diskussion um die Neuordnung Deutschlands und die wachsende Ernüchterung über den geringen Erfolg der Selbsthilfemaßnahmen führten schon bald zu einer zunehmenden Politisierung der Arbeiterbildungsvereine. So trat der Bildungsauftrag der Vereinsbibliotheken gegen Ende der 1860er-Jahre immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen wurden die Bibliotheken bis zur Spaltung der Arbeiterbildungsvereine 1868/70 in den Dienst der politischen Information, Kommunikation und Agitation  gestellt. Dabei dominierte jeweils die Meinungspresse der vereinsintern vorherrschenden Politikrichtung, wie das Beispiel des entschieden demokratischen und teils klassenkämpferischen Rottweiler Vereins zeigt. Dem 1869 vom VDAV vollzogenen Schritt in die SDAP folgten in Württemberg nur 8 von seinerzeit 25 Arbeiterbildungsvereinen. Die demokratisch und liberal orientierte Mehrheit der württembergischen Vereine ging hingegen nach 1870 in der unpolitischen Volksbildungsbewegung auf.

Ihre Bibliotheken wandelten sich zu universellen und politisch weitgehend neutralen Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsquellen. Das auch in den 1860er-Jahren noch gepflegte Vorlesen an Vereinsabenden gehörte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts endgültig der Vergangenheit an. Die individuelle Lektüre im Lesezimmer sowie das häusliche Lesen ausgeliehener Bücher rückten in den Vordergrund. Den Leseinteressen ihrer Mitglieder sowie derer Familien folgend, bauten die Arbeiterbildungsvereine ab den 1890er-Jahren ihr Angebot an Romanen und Jugendliteratur immer stärker aus. Infolgedessen nahmen ihre Bibliotheken nach 1900 zunehmend den Charakter von unterhaltend-belehrenden Familien- und Freizeitbibliotheken an.

Besonders differenziert lässt sich diese Entwicklung für den lange Zeit liberal orientierten Arbeiterbildungsverein Stuttgart belegen. Seine bis 1939 existierende Bibliothek verfügte ab 1890 über großzügige Bibliotheksräume im „Arbeiterheim“ in der Heusteigstraße. 1918 zählte sie 3.533 Bände. Damit war sie württembergweit wiederum die größte Bibliothek eines Arbeiterbildungsvereins.

Ein Beitrag von Elke Brünle in Momente 1|2013.

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