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Leseprobe Momente 1|2014
„Das alles ich erfaren und zesammen bracht hab“

Der berühmteste Bericht vom Konzilalltag in Konstanz 1414 – 1418 entstand durch gründliche Recherche

Ulrich Richental (1360 – 1437), der Chronist des Konstanzer Konzils, spricht im Interview mit MOMENTE erstmals selbst über seine berühmte Chronik und sein Leben in Konstanz zur Zeit der Kirchenversammlung. Das Gespräch, das so hätte stattfinden können, zeichnete der Konstanzer Museumsdirektor Dr. Tobias Engelsing auf Grundlage der bekannten Fakten zum Leben des Chronisten auf.

MOMENTE: Herr Richental, alle Welt kennt Ihr Buch, aber Sie selbst sind über die vielen Jahrhunderte hindurch als Person eher im Hintergrund geblieben. Wollen Sie uns anlässlich des Jubiläums nicht endlich von sich erzählen? 

RICHENTAL: Über mich gibt es nichts Spektakuläres zu berichten, ich stehe gerne hinter meiner Chronik zurück, die zu meiner großen Freude solchen Weltruhm erlangt hat.

Nur nicht so bescheiden! Sie haben zur Zeit des Konzils doch wirklich gelebt oder sind Sie etwa eine Kunstfigur und Ihre Chronik wurde von einem Ghostwriter geschrieben?

Na hören Sie mal! Natürlich hat es mich gegeben und die Chronik mit all ihren reichen Details und Alltagsschilderungen aus den Konziljahren stammt von mir, so wie ich es in der Handschrift in meiner alemannischen Mundart vermerkt habe: „Das alles ich erfaren und zesammen bracht hab.“ Wir wissen aber immer noch nicht, wer Sie waren, ein armer Schlucker in einer bischöflichen Schreibkanzlei oder ein reicher Patriziersohn? Da Sie nun partout keine Ruhe geben, will ich es Ihnen erzählen: Meine Vorfahren waren aus dem Dorf Richental bei Luzern nach Konstanz zugewandert. Mein Großvater Georg war einfacher Schmied, aber er machte eine gute Partie und heiratete Margaretha von Sunchingen, die Tochter eines kaiserlichen Notars, der seinerseits eine Tochter der Konstanzer Patrizierfamilie Schneewis geheiratet hatte. So stiegen wir einfachen Schweizer Zuwanderer in die gehobene Konstanzer Gesellschaft auf! Mein Vater Johannes machte sogar Karriere und war drei Jahrzehnte lang Konstanzer Stadtschreiber, ein sehr angesehenes Amt. Er hat das älteste heute noch erhaltene Ratsbuch angelegt und die Aktenführung der Stadt grundlegend erneuert.

Jetzt wird einiges klar: Sie haben das schriftstellerische Talent also von Ihrem Vater geerbt?

Nicht nur das, er schickte mich auf die Lateinschule, dann habe ich bei ihm das Schreiberhandwerk erlernt und schließlich ließ er mich zum Kanoniker ausbilden. Ich sollte sogar Geistlicher werden, doch meine Bewerbung um eine Konstanzer Pfründe scheiterte an kirchenpolitischen Schwierigkeiten.

Und dann wurden auch Sie Ratsschreiber?

Nein, auf offizielle Ämter hatte ich keine Lust, diese ewig langen Ratssitzungen, in denen alle Ratsherren fünf Mal das Gleiche sagen und man jeden Hennenschiss protokollieren soll – das war nichts für mich. Meine Familie hatte mir ein ganz ordentliches Vermögen hinterlassen, mit einem eigenen Haus an der heutigen Wessenbergstraße, einem Mietshaus, einem Landgut im Grünen und etlichen gut angelegten Gulden auf der hohen Kante. So konnte ich ungebunden bleiben und musste keinem Brotberuf nachgehen.

Sie waren also ein wohlhabender Privatier mit solider Bildung und guter Vernetzung in der städtischen Oberschicht. Stimmt es, dass Sie schon in der Vorbereitungszeit des Konzils in halboffizieller Mission unterwegs waren?

Ja, das stimmt. Ich unterhielt mit meiner Frau Anna Eglin eben gute Beziehungen zu anderen wichtigen Familien und zum Adel der Region. Landgraf Eberhard von Nellenburg aus dem Hegau, auf dessen Vorschlag sich König Sigismund für Konstanz als Konzilort entschieden hatte, beteiligte mich bald darauf an den Vorbereitungen. So haben wir beispielsweise geprüft, ob man hochstehende Konzilherren auch im nahen Thurgau unterbringen konnte. Und wir haben überall Heu zusammengekauft, das wir dann wahrend des Konzils mit sehr gutem Gewinn verkaufen konnten. Heute wurde man wohl sagen, das waren nicht ganz korrekte Insidergeschafte. Man sieht meiner Chronik mit ihren vielen statistischen Angaben etwa zu den Teilnehmerzahlen und den Marktpreisen durchaus an, dass ich auch mit Zahlen gut umgehen konnte.

Ein gutes Stichwort: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie eine Chronik zum Alltag in Ihrer Heimatstadt während der Konziljahre geschrieben haben?

Für uns Konstanzer war das große Kirchenkonzil ja eine wirklich bedeutende Sache: Stellen Sie sich nur vor, wir mussten Tausende von hochrangigen Herrschaften aus der ganzen damals bekannten Welt unterbringen, verköstigen, in jeder Hinsicht betreuen, in der Freizeit unterhalten und dafür sorgen, dass die Sicherheit dieser VIPs gewährleistet war. Uns war von Anfang an klar: Das wird eine Jahrhundertsache! Und darüber wollte ich Buch führen, auch, um späteren Generationen wahrheitsgemäß zu belegen: Wir können Konzil!

Nun waren Sie aber kein offizieller Konzilteilnehmer, wie also kamen Sie an all die großartigen Insider-Informationen? Wie haben Sie recherchiert?

In meiner Chronik habe ich es so formuliert, dass ich „es aigentlich von hus ze hus erfaren hab“, also mit ungezahlten Leuten direkt am Ort des jeweiligen Geschehens gesprochen habe. Wenn Sie so wollen: Ich war das, was Sie heute einen „Reporter vor Ort“ nennen. Natürlich habe ich da und dort auch mal einen Gulden ausgeben müssen, wenn mich ein Bischofsschreiber oder ein Kardinalssekretar nicht gleich in die Originalakten schauen lassen wollte. Schmieren und salben hilft allenthalben..... 

Man hat Ihnen früher vorgeworfen, Sie hätten da und dort übertrieben und auch manche Zusammenhänge nicht so ganz überblickt.

Ich widerspreche entschieden, denn ich habe mich mehr an einen selbst gesetzten Pressekodex gehalten als heutige Medienleute. Mein Credo lautete: „Ich getrotst sy nit zu schreiben, wann ich gantze wahrhait darumb nit erfinden kund.“ In heutiger Sprache: Ich wagte nicht, über einen Sachverhalt zu schreiben, wenn ich die ganze Wahrheit des Vorgangs nicht ermitteln konnte. Faktencheck nennt man das heute wohl. 

Welche Ereignisse während des Konzils haben Sie selbst am meisten beeindruckt?

Natürlich waren der feierliche Einzug von Papst Johannes XXIII. und die Anreise von König Sigismund mit seiner Frau Barbara an Weihnachten 1414 erhebende Momente für alle Stadtburger. Die großen Prozessionen durch die Stadt, die Kerzenspenden des Papstes aus dem Bischofspalast neben der Domkirche, seine Flucht aus der Stadt, der Tod des Johannes Hus: Das hat mich als ehemaligen Kanoniker schon sehr bewegt. Aber auch die alltäglichen Details weckten meine Neugier: Als die Versorgungsschiffe plötzlich teuren griechischen und italienischen Wein für die Konzilherren brachten, als die Preise für Unterkünfte ins Unermessliche stiegen, das musste ich alles sofort genau notieren. 

Heute sind auf der ganzen Welt 16 Handschriften und zahlreiche Exemplare aus drei Drucklegungen Ihrer Chronik erhalten. Ohne Sie wüssten wir nur sehr wenig über den Alltag in den Gassen, Häusern und Palästen von Konstanz während der Konziljahre. Sind Sie stolz auf Ihr einziges Buch?

Habent sua fata libelli, Bücher haben ihre Schicksale! Ja, das kann man wohl sagen: Ich war schon zu Lebzeiten sehr stolz darauf, Augenzeuge dieses Jahrhundertereignisses gewesen zu sein und zusammen mit meinen Illustratoren der Welt einen anschaulichen und lebensnahen Bericht davon gegeben zu haben.

Ein Beitrag von Tobias Engelsing in Momente 1|2014.

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