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Leseprobe Momente 2|2016
Das Wirtshaus zum Kranen in Heilbronn, gezeichnet von Carl Dörr (Foto: Städtische Museen Heilbronn)
Das Wirtshaus zum Kranen in Heilbronn, gezeichnet von Carl Dörr. Zum Zeitpunkt der Auswandererbefragung durch Friedrich List am 30. April 1817 hatte hier „eine Zahl von pp. 6 bis 700 Auswanderern zum Teil in den Schiffen, zum Teil aber auf dem freien Plaze sich gelagert..., um auf den 1. May abzugehen“ (Foto: Städtische Museen Heilbronn)

Die Auswanderungswelle von 1817

Badener und Württemberger auf der Flucht vor widrigen Lebensverhältnissen

Die Ernteausfälle 1816, die durch die extreme Witterung bedingt waren, führten zu stark gestiegenen Getreidepreisen. Von der darauf folgenden Teuerung der Lebensmittel waren Menschen am unteren Rand der Gesellschaft besonders hart betroffen. Die Katastrophe traf in Südwestdeutschland überdies auf Menschen, die unter den erst kürzlich beendeten napoleonischen Kriegen sehr gelitten hatten; den Schwächsten unter ihnen drohte der Hungertod.

Zu den Folgen dieser Katastrophe, die über die Zeitgenossen hereinbrach, gehörte die Auswanderungswelle von 1817. Die Auswanderung

war im Hungerjahr 1817 einer der Wege, der existenziellen Not in der Heimat zu entkommen. Allein zwischen Januar und Mai bzw. Juli 1817 verzeichneten das Großherzogtum Baden 16.361 und das Königreich Württemberg 17.216 Auswanderer. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 2,3 Millionen entsprach das einem Bevölkerungsverlust von 1,4 Prozent in nur sechs Monaten. Weder in Baden noch in Württemberg wurde dieses Ausmaß in einem so kurzen Zeitraum vorher oder nachher übertroffen.

Wie viele Auswanderer Südwestdeutschland im Jahre 1817 tatsächlich endgültig verließen, ist allerdings schwer zu bestimmen, da nicht alle beantragten Auswanderungen auch durchgeführt werden konnten. Dass viele wegen Geldmangel schon unterwegs aufgeben mussten, werden im weiteren Verlauf des Textes Beispiele aus den damaligen Oberämtern Tuttlingen und Spaichingen von der Südwestalb zeigen.

Generell lagen die wichtigsten Zielregionen der Auswanderung von 1817 einerseits in Osteuropa, vor allem in Russland und Ungarn, sowie andererseits in den Vereinigten Staaten von Amerika. Im südwestdeutschen Raum hattesich, im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands, bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert eine Tradition von Fern- bzw. Überseewanderungen in diese Gebiete ausgebildet. Dabei waren die Migrationspfade im 18. Jahrhundert weitestgehend entlang konfessioneller Trennlinien verlaufen – Katholiken gingen nach Ungarn, Protestanten vorwiegend nach Nordamerika.

Sowohl in westliche Richtung über den Atlantik als auch über die „trockene Grenze“ nach Südosteuropa waren die Reisenden zur Überbrückung der weiten Strecke auf das Schiff als Transportmittel angewiesen: Die meisten Auswanderer aus Baden nutzten den Rhein als Wasserstraße und wagten über die niederländischen Seehäfen Rotterdam oder Amsterdam die Überfahrt nach Nordamerika. Die Mehrzahl der württembergischen Auswanderungswilligen sah dagegen 1817 eine bessere Zukunft im Osten, vor allem in Südrussland, wo zu dieser Zeit religiöse Splittergruppen evangelikal geprägter Separatisten das gelobte Land der Verheißung zu finden hofften. Gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren deutsche Siedlungsgebiete in Russland, vor allem im Schwarzmeergebiet und später im Kaukasus, entstanden.

Ein weiteres wichtiges Ziel der südwestdeutschen Auswanderung war Ungarn. Über die Donau waren seit dem Ende des 17. Jahrhunderts erste Siedler aus den südwestdeutschen Territorien dorthin gelangt und hatten sich im Laufe des gesamten 18. Jahrhunderts in großer Zahl im ungarischen Teil der Habsburgermonarchie niedergelassen. Damals wie heute wird die Richtung der Folgemigration in der Regel davon beeinflusst, an welchen Zielorten verwandtschaftliche Bande der Migranten bestehen.

Die Auswanderungswelle aus Südwestdeutschland im Krisenjahr 1816/1817 setzte schlagartig ein, als der Getreidepreis schwindelerregende Höhen erreichte und eine Hungersnot auslöste. In Trossingen auf der Baar z.B. verdarben im Jahr 1816 das Getreide und die Kartoffeln infolge dramatischer Witterungsverhältnisse. Das Vieh konnte nicht ausreichend gefüttert werden, die Kühe gaben keine Milch mehr. Im Frühjahr 1817 war dort die Hälfte des Viehbestandes an einer Seuche eingegangen. Die ärmeren Schichten der Bevölkerung ernährten sich von Kleiebrot, das mit Sägemehl gestreckt worden war. Die Trossinger Gemeindeverwaltung reagierte auf die Not der Bevölkerung bereits im Herbst 1816. Sie stellte öffentliche Suppenküchen auf und verteilte als Vorschuss gedachtes Brot- und Saatgetreide an Bedürftige, allerdings sollten diese sich verpflichten, den Geldwert des Getreides bis zum Abschluss des nächsten Rechnungsjahres zurückerstatten.

Ähnlich zugeknöpft zeigte sich der württembergische König Friedrich. Dem gesamten Oberamt Spaichingen – einem der vom Hagelschlag am 9. August 1816 am schwersten betroffenen Landstriche auf der Südwestalb, wo die Saaten „total zerstört und zernichtet“ worden waren – ließ er zwar einen Betrag von 5.000 Gulden von der Staatskasse anweisen. Er bestimmte aber, „dass sich diese königliche Huld und Gnade dahin beschränke, dass jede Gemeinde das, was sie an der Summe von 5.000 Gulden erhalte, bei der dereinstigen [= künftigen] Abrechnung als Vorempfang zu betrachten habe“.

Den Akten der schwer getroffenen Gemeinde Aldingen am Fuße der Südwestalb ist zu entnehmen, dass sie nach Verteilung des Geldes ganze 198 Gulden und 42 Kreuzer erhielt. Die dem König angezeigte Schadenssumme für die Ernteausfälle hatte die Gemeinde auf 19.609 Gulden taxiert. In den Befreiungskriegen zwischen 1813 bis 1815 war die Gemeindekasse bereits stark belastet worden, hatte doch Aldingens Unterstützung der Anti-Napoleon-Koalition 36.500 Gulden betragen. Und bevor sich Napoleons Schicksal in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 gewendet hatte, waren Baden und Württemberg dem Verbündeten Frankreich Lieferungen und Dienste verschiedener Art schuldig gewesen.

Kurz: Der finanzielle Spielraum der Gemeinden im Krisenjahr 1816/17 war auch deswegen so beschränkt, weil es in so kurzem Abstand auf die napoleonischen Kriege folgte, die besonders den Südwesten stark in Mitleidenschaft gezogen hatten.

Der fluchtartige Charakter der Auswanderung und die Verzweiflung der Menschen im Frühjahr 1817 lassen sich daran ablesen, dass aus einzelnen Auswanderungsanträgen nicht genau hervorgeht, ob nun Amerika oder Russland das Zielland sein sollte. Wohin ausgewandert wurde, war demnach weniger wichtig als die Tatsache, dass man die Heimat   verlassen wollte. Zuweilen stehen Zielstaaten in ein- und demselben Auswanderungsantrag nebeneinander.

Auch kam es vor, dass sukzessive mehrere Anträge zur Auswanderung in verschiedene Zielländer gestellt wurden: So stellte der Spaichinger Bäcker Caspar Braun für sich und seine siebenköpfige Familie am 26. Februar 1817 einen Auswanderungsantrag nach Kaukasien, am 3. Mai einen nach Russland oder Österreich und am 2. Juni einen nach Ungarn. Zwei Jahre später, im Juni 1819, kehrte seine Witwe mit vier minderjährigen Kindern nach Spaichingen zurück. Ihr Ehemann und ein Sohn waren in Ungarn verstorben. Auch Susanne Dieringer aus dem benachbarten Deilingen kehrte im Dezember 1817 aus dem ungarischen Banat in die Heimat zurück, „nachdem sie ihre Familie in Temesvar verloren hatte“. Insgesamt war die Rückkehrerquote aus Südosteuropa höher als die aus Nordamerika.

Dass der Aufbruch bei vielen etwas Fluchtartiges hatte, machte sich auch an einer oft höchst mangelhaften Reisevorbereitung und -durchführung bemerkbar. Scharenweise waren die Auswanderer aufgrund nicht ausreichender Reisemittel gezwungen, ihr Vorhaben bereits vor der Abreise aufzugeben oder unterwegs die Reise abzubrechen. So kam die neunköpfige Familie des Schneiders Alois Zimmerer aus Frittlingen mit einem Vermögen von immerhin 150 Gulden im Mai 1817 auf dem Weg nach Nordamerika nur bis Köln und war dort zur Umkehr gezwungen. Die Familie konnte froh sein, dass ihre alte Gemeinde sie wieder aufnahm, fristete jedoch nach der Rückkehr ein kümmerliches Dasein, wie einem Bericht des Oberamts zu entnehmen ist: Zimmerer sei ein „arbeitsamer, rechtschaffener, aber äußerst armer Mann“, „die Kinder betteln“. Das Mitleid habe die Gemeinde zur Wiederaufnahme dieser Familie bewogen.

Zum Antrag von Remigi Mattes aus Böttingen bemerkte die Gemeinde: „Darf nur auswandern, wenn er die Reisekosten bezahlen kann, andernfalls würde die Gefahr bestehen, daß er an den verschiedenen Grenzen oder spätestens in Amerika als Bettler und Vagant abgewiesen werde.“ Bei Christian Leute, der ebenfalls von Böttingen nach Amerika auswandern wollte, heißt es: „So wenig Vermögen, daß er wohl nicht einmal die Reisekosten aufbringen kann.“ Die Auswanderung des Maurers David Maier aus dem Heubergort Bubsheim mit seiner achtköpfigen Familie nach Russland im Juni 1817 kam nicht zustande, „weil er durch sein langes Aufhalten hier sein geringes Vermögen aufgezehrt hat“.

Noch nicht 1817, sondern erst in den 1830er- und verstärkt in den krisenhaften 1840er-Jahren, als die nächste große Auswanderungswelle anschwoll, begriffen die Kommunen – die badischen noch stärker als die württembergischen – die Auswanderungsförderung als soziales Ventil. Ventil in dem Sinne, dass es sozialpolitisch wie finanziell erstrebenswert sein könnte, die Auswanderung mittelloser Gemeindeangehöriger zu fördern, die im Krisenfall von der Unterstützung der Gemeinde abhängig waren und vermeintlich sozialen Sprengstoff  bargen.

1816/17 jedoch waren vom König bzw. Großherzog angefangen bis hinunter zur lokalen Verwaltungsebene Staat, Regierung und Verwaltung mit der krisenhaften Situation überfordert. Inkompetenz der Behörden, die Willkür einzelner Beamter sowie eine hohe Steuer- und Abgabenlast waren unter den Gründen für die Ausreise, die der württembergische Rechnungsrat Friedrich List protokollierte. König Friedrich hatte ihn mit der Befragung von Auswanderern aus den Oberämtern Heilbronn, Weinsberg und Neckarsulm beauftragt, die List Ende April, Anfang Mai 1817 an den genannten Orten durchführte.

Insgesamt handelte es sich bei der Auswanderungswelle von 1817 um die unmittelbare Reaktion auf eine in einem anderen Erdteil eingetretene Naturkatastrophe. Deren unmittelbare Folgen für das globale Klima beeinflussten in Teilen Europas die Umweltbedingungen so stark, dass sie sich dort in einer Versorgungs- und Ernährungskrise niederschlugen. Dieser Herausforderung begegnete die Obrigkeit, also Herrscherhaus, Regierung, Oberämter und Kommunen, mit nicht adäquaten Mitteln, weshalb es in Baden und Württemberg zu einer fluchtartig anmutenden, bis zur eingebrachten Ernte im Jahr 1817 stellenweise massiven Auswanderungsbewegung kam – von den Teilen der notleidenden Bevölkerung, die sich die Auswanderung überhaupt leisten konnten.

Die Auswanderungswelle von 1817 markierte gleichzeitig einen Übergang: von den gleichermaßen nach Westen wie nach Osten gerichteten Wanderungsbewegungen des 18. Jahrhunderts hin zu den im 19. Jahrhundert wirtschaftlich aufblühenden Vereinigten Staaten von Nordamerika. Sie werden das wichtigste und nahezu konkurrenzlose Fernwanderungsziel. Migranten, die „in der Hoffnung auf besseres Glück“ ihre Heimat verlassen, haben eben durchaus konkrete Vorstellungen davon, wo es am wahrscheinlichsten ist, dieses Glück anzutreffen.

Ein Beitrag von Dr. Jochen Krebber in Momente 2|2016.

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