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Leseprobe Momente 4|2015
Erbe retten und mit Verantwortung nutzen

Das Museum der Universität Tübingen MUT setzt seine reichen Sammlungen für Forschung, Lehre und Bildung ein – aktuell auch mit einer Ausstellung zur NS-Geschichte der Universität Wer eine Sammlung erbt, muss klären, wie er damit umgeht.

Die Universität Tübingen und ihr Museum MUT nutzen die wissenschaftlichen Sammlungen sowohl in der Lehre wie auch für die öffentliche Aufklärung.

Wie traditionsreiche deutsche Universitäten mit ihrer Geschichte umgehen, wird seit Längerem diskutiert. Viele von ihnen haben sich mit Einzelaspekten oder Personen ihrer NS-Vergangenheit auseinandergesetzt. In der aktuellen Debatte fallen immer wieder Namen wie Martin Heidegger, Walter Jens und Theodor Eschenburg. Jedoch ereigneten sich Diskussion und Aufklärung meist im engeren Kreis der wissenschaftlichen Öffentlichkeit – auf der Basis von Publikationen, Fachtagungen und kleineren Spezialpräsentationen.

Nun ging das Museum der Universität Tübingen MUT mit seinem besonders umfangreichen Bestand von rund 50 wissenschaftlichen Fachsammlungen – übrigens den meisten an einer deutschen Universität – einen anderen Weg. Zu seinem Jahresthema 2015 machte es die Rolle der Universität Tübingen im Nationalsozialismus. Die Objekte, Bilder und Zeugnisse aus den universitären Sammlungen sollen das heikle Thema einer größeren Öffentlichkeit anschaulich machen – inner- wie außerhalb der Universität. Das MUT, das seit seiner Gründung im Jahr 2006 zu den Vorreitern der Wiederentdeckung und Professionalisierung wissenschaftlicher Universitätssammlungen in Deutschland zählt, setzt damit einmal mehr Maßstäbe in der deutschen Universitätslandschaft.

Aufklärung und Forschung über die dunklen Seiten der Universitätsgeschichte im Nationalsozialismus haben seit vielen Jahren große Fortschritte gemacht. Dennoch schien es notwendig, gerade angesichts gegenwärtig zu beobachtender gesellschaftlicher Tendenzen der Intoleranz, der Ab- und Ausgrenzung, diese historische Phase mit dem Brennspiegel erhöhter Aufmerksamkeit zu beleuchten.

Das Jahresthema entwirft durch mehrere Aktivitäten und Perspektiven ein Panorama der historischen Epoche: Die Kabinettausstellung des Frühjahrs, „In Fleischhackers Händen. Tübinger Rassenforscher in Łód´z 1940 – 1942“, präsentierte erstmals die „Karriere“ des Tübinger Rassenforschers Hans Fleischhacker. Über 600 Handabdrücke von jüdischen Insassen des Ghettos Litzmannstadt fanden sich im Fundus des ehemaligen Rassenbiologischen Instituts der Universität. Ein erschütternder Sammlungsbestand.

Die bis 27. September verlängerte, überdisziplinär angelegte Jahresausstellung des MUT „Forschung – Lehre – Unrecht. Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus“ versucht dagegen anhand von Objekten und Dokumenten die Geschichte als Ganzes überdisziplinär zu zeigen. Schließlich wird im kommenden Herbst/Winter 2015/2016 eine Ausstellung der Berliner Stiftung Topographie des Terrors übernommen, die die komplexe persönliche Geschichte des gebürtigen Bad Cannstatters Hans Bayer erhellt. Bevor er unter seinem Schriftstellerpseudonym Thaddäus Troll bekannt wurde, war er als Kriegsberichterstatter an der Ostfront tätig.

Begleitend zu diesen drei Ausstellungen vertiefte eine Ringvorlesung des Studium Generale im Sommersemester 2015 das Jahresthema ebenso wie eine Filmreihe des Kinos Museum. Zahlreiche Sonderveranstaltungen boten weitere Plattformen zur Aufklärung der Rolle von Universität und Stadt Tübingen im Nationalsozialismus.

Die gezeigten Objekte und diskutierten Themen können nur Ausschnitte sein. Dies war jedoch kein Grund für das MUT, nicht doch zu versuchen, erneut Schlaglichter auf die Vergangenheit zu richten und die Relikte in ihren historischen Zusammenhang zu stellen. Vor allem über das Medium der Ausstellung können die Geschichte und einzelnen Schicksale einem größeren Publikum besser vermittelt werden, als es die wissenschaftlich publizierten Forschungsbeiträge erlauben. Die Motivation des MUT für dieses Jahresthema 2015 war daher nicht, in Konkurrenz zu treten mit den existierenden Untersuchungen zur NS-Geschichte der Universität Tübingen. Konkretes Ziel war es, den Problemkomplex „Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus“ im positiven Sinne zu popularisieren, und zwar durch virulente Objekte, Bilder und Dokumente, die zum Teil erstmals veröffentlicht werden.

Mit Blick auf die drei Kernaufgaben der Universität „Forschung – Lehre – Bildung“ wurde dann auch der Ausstellungs- und Publikationstitel „Forschung – Lehre – Unrecht“ gewählt: Der Begriff der „Bildung“ wurde durch das Wort „Unrecht“ ersetzt, da unter der Diktatur des Nationalsozialismus mit seiner rassistischen Ideologie und dem allgegenwärtigen staatlichen Terror jede Form staatlicher Bildung zwangsläufig zu Unrecht werden musste.

Auch dieses schwierige Jahresthema des MUT ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, dass durch die überlegte Präsentation von Objekten aus denkbar unterschiedlichen Fachsammlungen neue Bedeutungen jenseits disziplinärer Zusammenhänge entstehen können. Dies haben schon die vorangegangenen überdisziplinären Jahresthemen des MUT gezeigt – etwa zur Polarität von Schönheit und Wissenschaft oder zu den Themen „Himmel“ oder „Körper“. Nicht zuletzt werden die Sammlungen damit der inner- wie außeruniversitären Öffentlichkeit nähergebracht.

Einen Weg, um die oft unbekannten Sammlungen der Universität überhaupt erst zu entdecken, beschreitet das MUT mit seinen zweisemestrigen Praxisseminaren. Sie finden im Rahmen des Drittmittelprojekts „MAM|MUT“ statt (es bildet das Akronym für „Museologische Aufarbeitung von Museumsbeständen am MUT“). Großzügig gefördert wird MAM|MUT vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden- Württemberg im Rahmen seines Innovations- und Qualitätsfonds (IQF).

Eine Absicht des zunächst auf drei Jahre (2013–2016) angelegten Projekts ist vor allem die langfristige Installation einer praxisorientierten Lehrstruktur mit museumskundlicher Ausrichtung. Dabei werden unbekannte oder gar bedrohte Sammlungen der Universität in jeweils einjährigen Praxisseminaren gerettet, das heißt sie werden gesichtet und sortiert, sachgerecht deponiert, inventarisiert, evtl. digitalisiert und schließlich der allgemeinen Öffentlichkeit in Fachausstellungen präsentiert. Das aktuell laufende Projekt „Vom Sammeln. Strandgut der Wissenschaft“ widmet sich einem Fundus von naturwissenschaftlichen Geräten und Relikten, die an den „Strand“ des MUT gespült wurden. Die mit Studierenden erarbeitete Ausstellung läuft noch bis 27. September auf Schloss Hohentübingen.

Die Praxisseminare dienen dabei auf idealtypische und kostengünstige Weise der Verfolgung ganz unterschiedlicher Ziele, denn sie stellen eine – wenn auch arbeitsintensive – Win-win-win-win-win- Situation für alle Beteiligten her: Sie bieten große Vorteile für die Universität, für Forschung und Lehre, für die Studierenden, für das Land und nicht zuletzt für die interessierte Öffentlichkeit.

Erstens wird damit die Bewahrung, die Erfassung und systematische Erschließung von Sammlungen an der Universität gewährleistet. Damit können diese Sammlungen zweitens dauerhaft für die Erforschung, die Lehre und öffentliche Vermittlung, auch über die Universität hinaus, nutzbar gemacht werden. Drittens greift das Projekt auf die Ressourcen der Hochschule zurück und bereichert das interdisziplinäre, praxisorientierte Lehrangebot für die Studierenden. Zu den Kernbereichen der praxisorientierten Lehre zählen in diesem Fall insbesondere die Objektinventarisierung und die Konzeption von Ausstellungen. Viertens erlaubt diese Konstruktion dem Museum der Universität und damit der Universität Tübingen ihren Verpflichtungen dem kulturellen Erbe gegenüber gerecht zu werden. Und schließlich dient das Projekt fünftens durch die Rettung, die Erschließung und die Aufwertung nahezu unbekannter Sammlungen der weiteren Stärkung des Profils der Universität Tübingen. Schon jetzt ist sie Vorreiterin auf dem Gebiet der Neubewertung kultur- und wissenschaftsgeschichtlicher universitärer Sammlungen.

Ein Beitrag von Ernst Seidl in Momente 3|2015.

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