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Leseprobe Momente 3|2016
Der Stahlhochbau war eine weitere Spezialität der Maschinenfabrik Esslingen. Hier entsteht Stück für Stück Stuttgarts großes Kaufhaus Breuninger im Jahre 1930. (Foto: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg)
Der Stahlhochbau war eine weitere Spezialität der Maschinenfabrik Esslingen. Hier entsteht Stück für Stück Stuttgarts großes Kaufhaus Breuninger im Jahre 1930. (Foto: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg)

Von Lokomotiven, Kaufhäusern und Schiffen

Das Archiv der Maschinenfabrik Esslingen ist jetzt im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg zugänglich

Das Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg feierte im Juli 2015 eine der größten Archivgutübernahmen seiner Geschichte: Aus den Mercedes-Benz Classic Archiven der Daimler AG kamen die historischen Unterlagen der Maschinenfabrik Esslingen (ME), der Württembergischen Baumwollspinnerei und Weberei sowie der Firmen Gotthilf Kuhn und Gebrüder Decker & Co. Damit kann das Wirtschaftsarchiv nun vier Unternehmen, die wesentlich zur Industrialisierung des Landes beigetragen haben, zu seinen über 600 Beständen zählen.

In den ersten Jahren des württembergischen Eisenbahnzeitalters erschien in Esslingen folgendes Rundschreiben: „Unter dem 11. März 1846 hat sich in 

Stuttgart eine Gesellschaft zur Errichtung und zum Betrieb einer Maschinen-Fabrik in hiesiger Stadt gebildet; es sollen in derselben vorerst Lokomotiven, Wagen und sonstige beim Bau und Betrieb der Eisenbahnen erforderliche Maschinen und Werkzeuge angefertigt werden. Der Sitz der Gesellschaft ist in Eßlingen und ihre Firma: Maschinen-Fabrik Eßlingen.“ Mit diesen Worten gab der Ausschuss der Gesellschaft im Mai 1846 die Gründung der ME bekannt. Als ersten Direktor konnten sie Emil Kessler (1813 – 1867) gewinnen, der fünf Jahre zuvor in seiner Karlsruher Maschinenfabrik eine der ersten Lokomotiven Deutschlands, die Badenia, konstruiert hatte.

Hintergrund war der beginnende Eisenbahnbau in Württemberg. Erste Teilabschnitte der Strecke Heilbronn – Stuttgart – Ulm – Friedrichshafen waren bereits fertig gestellt. Lokomotiven und Wagen hatte man bisher aus den USA bezogen, plante aber eine Produktion im Königreich Württemberg. Zur Herstellung von Lokomotiven und Waggons benötigte Württemberg eine große Maschinenfabrik, die die nötigen Kapazitäten besaß, um den Bedarf auf der neuen Bahnstrecke zu decken. Kessler kalkulierte 1845 in seinem Angebot an die württembergische Regierung ein Minimum von 67 Lokomotiven sowie 480 Waggons. Damit diese Produkte gefertigt werden konnten, sollte das Betriebsgelände eine Dreherei, Schmiede, Kesselschmiede, Lokomotiv- und Wagen-Werkstätte, Gießerei für Eisen und Messing, Schlosserei sowie eine Verwaltung umfassen. Kessler schreibt weiter: „Der Zukunft wegen möchte es jedoch nicht ganz ratsam sein, ein Etablissement anzulegen welches vollständig obigen Bedarf decken kann, indem wohl vorauszusehen ist, daß nach und nach in den einzelnen deutschen Staaten Etablissements entstehen werden, welche den späteren inländischen Bedarf zu decken im Stande sind; das Etablissement in Esslingen wird sich dann mehr auf den Bedarf der württembergischen Bahn beschränken und das zur jährlichen Produktion Fehlende in Arbeiten für die übrige Industrie suchen müssen.“

Mit der Absicht, die Produktion von vornherein auf eine breitere Produktpalette einzustellen, bewies Kessler einen enormen Weitblick. Aufgrund dieser Einstellung finden sich bereits in seinen ersten Prospekten auch Dampfmaschinen, Gebläse, Triebwerke, Hammer- und Walzwerke. Später kamen neue Produktlinien wie Brücken, Weichen, Kessel, Pumpen, Gießerei-Erzeugnisse und Kälteanlagen hinzu. Die zentralen Produkte der ME blieben allerdings Loks und Waggons: In seiner 122-jährigen Geschichte kam das Unternehmen auf die beachtliche Stückzahl von über 5.000 Lokomotiven und 25.000 Wagen.

Zwar entstanden, wie von Kessler vorhergesehen, zahlreiche andere Fabriken in diesem Sektor, dennoch wuchs die ME innerhalb kürzester Zeit zu einem der größten und wichtigsten Maschinenbauunternehmen Süddeutschlands. Das Gelände wurde zu klein und musste 1912 von seinem damaligen Standort an der Pliensaubrücke zur heutigen Emil-Kessler-Straße in Mettingen verlegt werden.

Die Bekanntheit der ME und ihrer Produkte endete nicht an den deutschen bzw. an den württembergischen Grenzen. Die Maschinenfabrik lieferte ihre Produkte auch nach Argentinien, Japan oder Russland. Um die zahlreichen Aufträge der italienischen Staats- und Privatbahnen besser bedienen zu können, gründete sie 1887 eine Zweigniederlassung unter den Namen „Maschinenfabrik Esslingen, Costruzioni Meccaniche Saronno“ in Saronno bei Mailand, die 1918 an ein italienisches Konsortium verkauft werden musste.

1851 kristallisierte sich mit dem Bootsbau ein neuer, heute weitgehend in Vergessenheit geratener Produktionszweig bei der ME heraus. Hierzu wurde eine Werft in Ulm errichtet, auf der Schiffe für den Verkehr auf Donau, Neckar und Bodensee produziert wurden. Der Bootsbau musste jedoch nach einigen Jahren mangels Aufträgen wieder eingestellt werden.

Mit der kurzen Phase des Schiffsbaus durch die ME und mit ihrem Leiter Emil Kessler ist die Anekdote über eine weitere Unternehmensgründung verknüpft: die Entstehung der Württembergischen Baumwollspinnerei. Sie sei hier kurz geschildert, weil dieser Unternehmensbestand ebenfalls 2015 von der Daimler AG ans Wirtschaftsarchiv übergeben wurde: 1852 überführte die Maschinenfabrik Esslingen zwei Dampfboote auf dem Neckar nach Heilbronn. Emil Kessler war an Bord eines der Schiffe und wurde bei Brühl nahe Esslingen auf eine Stromschnelle im Neckar aufmerksam. Eine Messung ergab eine Kraft von 400 PS, eine Stärke, die sich für das Betreiben einer Fabrik gut eignete.

Die württembergische Staatsregierung griff die Erkenntnis auf und fasste den Entschluss, dort eine Spinnerei und Weberei zu errichten. Sie wurde als eigenständiges, von der ME unabhängiges Unternehmen gegründet und blieb es auch bis zum Ende ihrer Geschichte. Hierzu gewann die Staatsregierung die in diesem Bereich erfahrene Schweizer Firma Johannes Rieter & Co. aus Winterthur. Um das nötige Eigenkapital zu generieren, schrieben 1856 die Bankhäuser Kgl. Württembergische Hofbank, Gebr. Benedikt und Doertenbach & Co. 2.400 Aktien zum Kauf aus. Zwei Jahre später waren bereits 20.000 Spindeln und 310 Webstühle in Betrieb und der Umsatz stieg immer weiter an.

Im Zuge der Krise der Textilindustrie beendete 1961 auch die Württembergische Baumwollspinnerei ihre Produktion und verpachtete ihr Firmengelände an die Daimler-Benz AG. Der Aktienverkauf in den 1850er-Jahren ist in zwei Büchern festgehalten, die einen Einblick in die Aktionärslandschaft der Baumwollspinnerei gewähren. Die besondere Bausituation am Neckar und die daraus resultierende Entwicklung des Unternehmensareals lassen sich an den überlieferten Bauakten sehr gut nachvollziehen.

Als die ME 1965 aufgrund mangelnder Nachfrage nicht mehr rentabel war, erwarb die damalige Daimler-Benz AG eine Mehrheitsbeteiligung und übernahm große Teile der Belegschaft. Damit gehörte die ME zu den großen Anlagegesellschaften der Daimler-Benz AG, die 2003 endgültig mit Daimler verschmolzen wurde.

Schon die Geschichte der ME war durch Fusionen geprägt, die unter anderem zur Erweiterung der Produktpalette beitrugen. Heute gehören auch die Unterlagen dieser fusionierten Unternehmen zum ME-Archiv. 1882 übernahm die ME die 1863 gegründete Maschinenfabrik Gebrüder Decker & Co., die ein namhafter Produzent von Brücken und Wasserrädern war. Damals fand eine Neuverteilung der Produktionsstandorte statt. Die Gießerei wurde zentral auf das Werksgelände der Gebrüder Decker in Bad Cannstatt verlegt. Hier produzierte die ME nun Brücken und Gießerei-Erzeugnisse. In Esslingen wurden Lokomotiven, Wagen und Kessel gefertigt. 1902 kaufte die ME die Firma Gotthilf Kuhn von dessen Söhnen. 1851 hatte Gotthilf Kuhn eine mechanische Werkstatt im Gaugerschen Bierkeller in Stuttgart-Berg aufgebaut, aus der die berühmte Dampfkesselfabrik entstand, die schnell expandierte und Niederlassungen im In- und Ausland gründete. Nach Kuhns Tod 1890 war die Firma nicht mehr rentabel und die beiden Söhne verkauften sie Jahre später an die ME. Das ehemalige ME-Werksarchiv beschäftigte sich auch mit der Geschichte dieser fusionierten Firmen und bewahrte Herstellungsverzeichnisse, Aufsichtsratprotokolle, Baupläne, Produkt- und Bilanzunterlagen auf. Von beiden Unternehmen konnten 2015 zusammen vier laufende Meter Archivmaterial vom Wirtschaftsarchiv übernommen werden.

Es ist ein Glücksfall, dass die Geschichte eines seit Längerem aufgelösten Unternehmens heute noch so umfassend erhalten ist. Der Gründungsvorgang inklusive des Ausschreibungsprozesses der Maschinenfabrik, die kaufmännische Abteilung, die technische Produktentwicklung wie auch die soziale Seite sind umfangreich überliefert. Mithilfe einer nahezu vollständigen Personalkartei und der dazugehörigen Personalakten können wichtige Aspekte der ME nachvollzogen werden. Protokolle und Geschäftsberichte geben über die genaue Entwicklung und die möglichen Ursachen für den Untergang des Unternehmens Auskunft. Eine umfassende Fotosammlung von 40 laufenden Metern rundet den Bestand ab.

Die vier Bestände der genannten Unternehmen umfassen eine Laufzeit von 1834 bis 1974 und füllen zusammen knapp 380 Regalmeter in den Magazinräumen des Wirtschaftsarchivs. Seit der Übernahme 2015 erfreuen sich die Archivalien großer Beliebtheit: Aus dem In- und Ausland stammen die Anfragen und Benutzungsanträge von Wissenschaftlern, Bahnliebhabern, Ahnenforschern und Gutachtern.

Ein Beitrag von Christian Müller in Momente 3|2016.

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