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Leseprobe Momente 4|2014
Rede Lists über Zollpolitik, um 1843 (Foto: List-Archiv)
Rede Lists über Zollpolitik, um 1843 (Foto: List-Archiv)

„… das Werthvollste was ich besitze“.

Wie die Franzosen mit den Nachkommen ihrer Besatzungssoldaten umgingen

Dass der Nachlass von Friedrich List einmal in seine Geburtsstadt Reutlingen kommt, war angesichts seines rastlosen Lebens nicht zu erwarten. Von der Übergabe durch Lists Tochter 1889 bis zur heutigen professionellen Betreuung im Stadtarchiv war es ein langer Weg.

Friedrich List, am 6. August 1789 in der damaligen Freien Reichsstadt Reutlingen geboren, zählt zu den prägenden Köpfen des Vormärz in Deutschland. 28-jährig erhielt er 1817 den Lehrstuhl an der neu geschaffenen Staatswirtschaftlichen Fakultät in Tübingen, 1819 wählten ihn die Reutlinger zu ihrem Abgeordneten in die zweite württembergische Kammer. Dort tat er sich bald als eifriger Reformer im jungen Königreich Württemberg hervor und wurde als solcher politisch verfolgt. Darüber hinaus gilt List als Ideengeber für den deutschen Zollverein und das Eisenbahnnetz. Vor allem aber war er ein ungemein innovativer ökonomischer Denker. 

Edgar Salin schrieb 1962: „Außer Tocqueville und Marx hat kein Staatslehrer und kein Ökonom solch aufregende, hellsichtige ‚Blicke in die Zukunft‘, das heißt: in unsere Gegenwart getan“. Die anhaltende internationale Beachtung Lists in den Wirtschaftswissenschaften bestätigt diese Einschätzung zur Genüge.

Dass Lists Nachlass überhaupt in Reutlingen landete, verdankt sich letzten Endes dem Engagement der Stadtväter und vieler Bürger um eine würdige Ehrung des „großen Sohnes“ der einstigen Freien Reichsstadt. Seit 1863 ziert das Denkmal Lists den Vorplatz des Reutlinger Bahnhofs. Die dortigen Feierlichkeiten anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahr 1889 beeindruckten Lists älteste Tochter Emilie (1818-1902) so sehr, dass sie sich entschloss, die von ihr bislang in München gehüteten Papiere der Stadt zu übergeben. Aus diesem Anlass schrieb sie, die zu Lebzeiten des Vaters zuweilen als seine Sekretärin fungierte: „Nicht besser glaube ich meinen Dank ausdrücken zu können, als wenn ich das Werthvollste was ich besitze, den literarischen Nachlaß meines Vaters, der Obhut seiner Vaterstadt anvertraue.“

List selbst hatte seine Korrespondenz – erhalten sind rund 1.400 Briefe und Briefentwürfe von oder an List – systematisch gesammelt und wohl auch grob geordnet. Schon früh, noch vor der Abgabe nach Reutlingen, fand sich mit dem Heidelberger Historiker Ludwig Häusser ein Biograf, der die Unterlagen nutzte – und bei dem leider auch das eine oder andere Stück dauerhaft verblieb. Weitere schmerzliche Verluste erlitt der Nachlass 1870, als sich die Tochter entschloss, besondere Stücke – darunter Korrespondenz mit dem berühmten General Marquis de Lafayette – zu veräußern. Dennoch waren mit der Überführung nach Reutlingen 1889 die Voraussetzungen für eine weitere wissenschaftliche Beschäftigung geschaffen – auch wenn die Nutzung des List-Archivs ihre Besonderheiten hatte, war es doch zunächst zusammen mit der reichsstädtischen Überlieferung in einem der Chorseitentürme der Reutlinger Marienkirche untergebracht. Der Eisenbahnhistoriker und Listforscher Max Höltzel berichtet über seinen Aufenthalt in Reutlingen 1902: „Stadtpfleger Brucklacher hatte mich in den Turm der Marienkirche geleitet und mich wieder allein gelassen mit der Versicherung, ich würde von niemand in meiner Arbeit gestört werden. Ich war allein in dem luftigen Raum, vor dessen Fenstern Tauben hin und her trippelten, die geängstigt aufflatterten, als ich einen Ausblick auf die Dächer tief unter mir wagte (…).“

Ein wichtiger Schritt hin zu einem modern erschlossenen Archivbestand erfolgte mit der Werkausgabe der Schriften und Briefe Lists. Sie war schon 1914 begonnen, dann aber durch den Krieg unterbrochen worden. 1927–1935 erschien sie im Auftrag der 1925 in Heidelberg gegründeten Friedrich-List-Gesellschaft im Berliner Verlag von Reimar Hobbing. Auch wenn das Werk nach heutigen Maßstäben nicht in jeder Hinsicht zufriedenstellend ist, führten die Arbeiten zu einigen wertvollen Neuzugängen wie beispielsweise den Listpapieren Friedrich Pachers von Theinburg, eines Nachfahren von Lists Tochter Elise. Erst nach Abschluss der Arbeiten, 1934, erhielt das Archiv eine angemessene Unterbringung, zunächst in dem damals als Stadtbibliothek genutzten Spendhaus, 1939 dann im neu eingerichteten Heimatmuseum im ehemaligen Königsbronner Klosterhof. Mit der Indienstnahme des nach den Luftkriegszerstörungen Reutlingens 1965–1966 neu erbauten Rathauses gelangte der Bestand schließlich an seinen heutigen Ort und wurde Teil des nun professionell besetzten Stadtarchivs. Mit die erste Aufgabe von Stadtarchivar Dr. Paul Schwarz war die Neuverzeichnung des damals 2.752 Nummern umfassenden Bestandes. Bis heute bemüht sich das Stadtarchiv um weitere Zukäufe, wenngleich die bei den Auktionen gebotenen Preise oft genug die Möglichkeiten eines öffentlichen Archivs übersteigen.

Das Friedrich-List-Archiv enthält sowohl die Korrespondenz Lists als auch Manuskripte eigener Schriften, Vorlesungen und Vorträge. Die besondere Bedeutung dieser Quellen ergibt sich daraus, dass die Werkausgabe gerade bei Briefen unvollständig ist. So bleibt jede gründliche Beschäftigung mit Leben und Werk letzten Endes auf die Prüfung der Originale angewiesen. Eine Onlinestellung des noch zu digitalisierenden Bestandes erscheint deshalb gerade im Jubiläumsjahr mehr als wünschenswert.

Die Papiere decken die gesamte Bandbreite von Lists Privatleben, seiner wissenschaftlichen Arbeit und seinen unternehmerischen Aktivitäten ab. Ein eilig hingeworfenes Schreiben an seine Frau Karoline von 1822 etwa ermuntert sie, sich „der Sorgen zu entheben“ („Trost ist der Anblick unserer Kinder“), mit denen die Familie durch die politische Verfolgung des Gatten allerdings massiv konfrontiert war. Grund für die Verfolgung war die berühmte „Reutlinger Petition“ von 1821. Auch sie ist Teil des Bestandes. Der Abgeordnete List geißelt darin die Missstände in Württemberg scharf: „Ein oberflächlicher Blick schon auf die innern Verhältnisse Württembergs muss den unbefangenen Beobachter überzeugen, daß die Gesetzgebung und Verwaltung unsers Vaterlandes an Grundgebrechen leiden, welche das Mark des Landes verzehren und die bürgerliche Freiheit vernichten.“

Greifbar ist weiter ein Redeentwurf für eine Ansprache bei einer Zollvereinsversammlung mit handelspolitischen Themen oder aber Lists Brief an den Stuttgarter Verleger Cotta 1831, in dem er ihn bittet, eine mögliche Rückkehr nach Württemberg zu sondieren. Der Hintergrund: Nach seinem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten, wo er nicht nur Redakteur und erfolgreicher Unternehmer war, sondern auch Erfahrungen im Eisenbahnbau sammeln konnte, wollte List versuchen, in Deutschland und Württemberg wieder Fuß zu fassen. Trotz der vergleichsweise liberalen Haltung König Wilhelms gelang dies nicht, sodass List in den folgenden Jahren als amerikanischer Konsul in Leipzig lebte.

Rückschläge begleiteten den rastlos Tätigen weiterhin. Enttäuscht und in persönlicher Krise nahm er sich am 30. November 1846 auf einer Reise bei Kufstein das Leben. In seinem im List-Archiv nur abschriftlich überlieferten Abschiedsbrief (das Original befindet sich in der Württembergischen Landesbibliothek) an den Freund Gustav Kolb berichtet List von tagelangen Kopfschmerzen und „Beklemmungen“. Er schließt: „Was Sie und andere Freunde an den Meinigen tun, wird Ihnen Gott lohnen.“  

Ein Beitrag von Roland Deigendesch in Momente 4|2014.

 

 

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