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Leseprobe Momente 4|2016
Detail aus dem Triptychon Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch (Foto: Wikimedia Creative Commons 3.0, Arezzo88)
Detail aus dem Triptychon Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch (Foto: Wikimedia Creative Commons 3.0, Arezzo88)

Lust im Kloster? Mythen und Quellen zur Sexualität im Mittelalter

Über die Sexualität im Mittelalter kursieren widersprüchliche Ansichten: Einerseits gibt es das Bild einer quasi sexfreien Epoche edler Ritter und züchtiger Jungfrauen, deren Zuneigung sich ausschließlich in Worten und niemals in körperlicher Berührung äußerte. Andererseits hat sich seit dem Werk von Norbert Elias über den „Prozess der Zivilisation“ die Vorstellung verbreitet, im Mittelalter habe man eine locker-entspannte, geradezu öffentliche Sexualität gelebt. Elias‘ Ansichten wurden 1968 massenwirksam – um dann seit den 1990er-Jahren von dem Bremer Ethnologen Hans Peter Duerr in seinem fünfbändigen Werk über den „Mythos des Zivilisationsprozesses“ fundamental angegriffen zu werden.

Wie freizügig ging es also in früheren Jahrhunderten zu? Am Beispiel der Klöster soll mit Fokus auf Südwestdeutschland ein Blick in die Sexualität des Mittelalters geworfen werden. Gab es wirklich die lüsternen Mönche, die für einschlägige Bedürfnisse immer ihre Nonnen bereitliegen hatten?

Bekanntlich verpflichten sich Menschen, die sich für das Leben im Kloster entscheiden, zu einem ein Dasein in Keuschheit. In der antiklösterlichen Propaganda betraf der Hauptverwurf die Sexualität. Im 15. Jahrhundert erhob die Dichtung schwere Beschuldigungen gegen das monastische Leben. In der Reformationszeit spitzten Flugschriften diese Kritik zu. Im 18. Jahrhundert gab es eine weitere Welle von Schriften, die das enthaltsame Leben im Kloster als Lüge denunzierten.

Die Zahl angeblicher Verfehlungen der Klosterinsassen ist riesig. So wird in einer Geschichte beschrieben, dass der Guardian eines Klosters eine Witwe beschwatzt habe, ihre Tochter in sein Kloster zu geben, wo sie bald von ihm schwanger geworden sei. Als Buße für die Sünde der Unzucht habe ihr dann der Guardian noch mehr Sex verordnet.

Tatsächlich zeichnet sich für das 15./16. Jahrhundert ab, dass in manchen Klöstern einiges im Argen lag. Das Nonnenkloster in Oberndorf hatte zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen schlechten Ruf. Die Insassinnen, 24 Damen, „mertails alle vom adel“, sollen darin allzu gut gelebt haben. Es habe nachts Tänze ohne Licht gegeben, und in der Dunkelheit hätten sich rasch beliebige Paare gefunden. Ähnliches ist auch aus den Klöstern Gnadenzell und Kirchheim überliefert.

Die Zimmerische Chronik und Strafakten dienen als Quelle

Als pikant werden für dieselbe Zeit die Zustände im Kloster Kirchberg beschrieben. Ein Adliger aus dem Schwarzwald habe seine hübsche Frau öfters zu Besuch ins Kloster gehen lassen. Die Anwesenheit der Besucherin und mehrerer junger Nonnen lockte auch männliche Gäste an. Walter von Geroldseck wurde zur Übernachtung in eine Zelle geführt, in der er „ain nackend weibsbild“ im Bett vorfand. Oswald von Neuneck widerfuhr in einer andern Zelle dasselbe. Überhaupt sei die adlige Besucherin, „wann sie hungerig gewesen“, regelmäßig ins Kloster Kirchberg gekommen, „und hab iederweil ein spieß dulcedinis alda bekommen“. Sie habe den Ruf gehabt, „flaischgirig oder annsichtig“ zu sein.


„Es war ein burger zu Oberndorf, hieß Schueler-Jocole, der het ain junge frawen. … Der pfaff und sie waren der sach ains, das er täglichs und wann er wolt, sein uftritt alda hett. …“ Schueler-Jockele lauert den beiden auf „schleucht herzu und findt den pfaffen ob dem weib, … membra in membris, …

Zimmerische Chronik 2, S. 636


Die meisten der bisher genannten Beispiele stammen aus der um 1550 verfassten Chronik des Grafen Froben Christoph von Zimmern. Man hat ihr unterstellt, dass hier die Fabulierlust mit dem Chronisten durchgegangen sei. Aber andere Quellen bestätigen die Drastik der Fälle. So findet sich in den Überlieferungen der römischen Pönitentiarie, eines päpstlichen Gnadengerichts für allerlei Strafsachen, der Fall der Straßburger Dominikanerin Heilke Hufflerin. Sie hatte 1444 versucht, den Hund ihres Klosters zu vergiften, weil er immer gebellt hatte, wenn ihr Liebhaber Heilke besuchte. Während die Mitschwestern dessen Besuche nicht bemerkt hatten, fiel der Anschlag auf den Hund auf.

Der württembergische Herzog Eberhard II. (reg. 1496-1498) soll im Kloster Kirchheim unter lebhafter Beteiligung der dortigen Nonnen Orgien gefeiert haben. Tatsache ist, dass sich zahlreiche Nonnenklöster im 15. Jahrhundert heftig gegen Reformen wehrten, die das Konstanzer Konzil, die Bischöfe oder die Grafen von Württemberg durchführen wollten. Ob es aber dabei wirklich um sexuelle Freiheiten der oftmals adligen Klosterinsassinnen ging oder eher um ihren Anspruch, ihr Klosterleben selbstständig zu gestalten, lässt sich im Einzelfall kaum entscheiden.

Manche Mönche und Nonnen sahen das Klosterdasein nicht als attraktives Lebensmodell. Das lag daran, dass Jungen und Mädchen oft gegen ihren Willen ins Kloster gegeben wurden. Zu viele erbende Kinder führten zur Zersplitterung des Familienbesitzes. Für manche Familien war es unumgänglich, die Mitgift zu sparen, die fällig wurde, wenn eine Tochter heiratete. Die Verheiratung mehrerer Töchter konnte eine Familie in den Ruin treiben. Gab man eine Tochter ins Kloster, so war dort als Mitgift ein Betrag fällig, der nur einen Bruchteil dessen ausmachte, was bei einer Heirat bezahlt werden musste. Bis zu 35 % der adligen Töchter im Reich wurden in Klöstern untergebracht und so von den familiären Erbgängen ausgeschlossen.

Diese Mönche und Nonnen wider Willen fanden oft Wege, aus dem Kloster auszubrechen oder zumindest Affären einzugehen. Manche pflegten einen aristokratischen Lebensstil und hatten hin und wieder auch Beziehungen, brachen aber nicht eigentlich aus dem Kloster aus. Andere versuchten auszubrechen – entweder flohen sie oder machten eine Eingabe beim zuständigen Bischof oder bei der Pönitentiarie in Rom.

Fortlaufen aus dem Kloster wurde schwer bestraft. Der Erfolg des Rechtswegs war unsicher. Trotzdem ergriffen ihn Nonnen immer wieder. 1438 machte die Konstanzerin Magdalena Payer geltend, sie sei als Kind gegen ihren Willen ins Stift Münsterlingen gesteckt und von ihrem Vater zur Ablegung der Profess gezwungen worden. Magdalena gelang die Flucht aus dem Kloster, und sie kündigte in ihrer Eingabe nach Rom an, dass sie zu heiraten beabsichtige. 1442 war ihre Klage von Erfolg gekrönt. Weshalb wollte der Vater seine Tochter ins Kloster stecken? Er hatte ein zweites Mal geheiratet, und Töchter aus erster Ehe waren ihm als potenzielle Erbinnen lästig. Erfolgreich war die Klage aber vor allem, weil Magdalena sich mit dem Juristen Friedrich Heidenheimer liiert hatte, den sie nach dem Tod ihres Vaters 1446 endlich auch heiraten konnte.

Guta von Wertheim war 1442 im Alter von 12 Jahren ins Kloster Königsfelden im Aargau gesteckt worden. Auch Königsfelden erhielt immer wieder männlichen Besuch, darunter Albrecht von Reinach. Obwohl der noch verheiratet war, entführte er Guta, die die Gelegenheit zur Flucht gerne nutzte und dann 20 Jahre lang an unbekanntem Ort mit ihrem Entführer im Konkubinat zusammenlebte, bevor sie nach dem Tod seiner Frau eine Ehe mit ihm einging. Trotz ihrer Verstöße gegen das Kirchenrecht schaffte es Guta, mit einer juristisch gut eingefädelten Eingabe in Rom ihr Handeln genehmigt zu bekommen.


„allain ain edelman under dem haufen, dem ist in seim sinn ein widerwärtiger casus begegnet, dann er ...“ ruft: „Ich hab mein schwester erwüschet“

Unverhoffte Begegnung bei einem nächtlichen Tanz im Kloster Oberndorf. Zimmerische Chronik 2, S. S. 640


Neben lebenslustigen Nonnen werden auch ebensolche Mönche erwähnt. Anfang des 15. Jahrhunderts wird der Zustand schwäbischer Klöster in finsteren Farben beschrieben. Mönche intrigierten gegen ihre Äbte, der Bildungsstand war seit den Pestepidemien des 14. Jahrhunderts stark gesunken. In den Klöstern Weingarten, Amorbach und Wiblingen kam es zu Gewalttaten und gar Mord der Mönche untereinander. Jeder Mönch habe statt der früher üblichen gemeinsamen Schlafräume sein eigenes Appartement gehabt, in dem „Schmausereien und Trinkgelage“ durchgeführt wurden. Wenn als weitere Klage vorgebracht wird, dass viele Mönche auch noch dem Tanz frönten, dann wird eine sexuelle Komponente erkennbar.

Etliche Einzelbeispiele konkretisieren die allgemeinen Klagen: Der 1439 – 1479 im Memminger Antoniterhaus tätige Petrus Mitte de Chevrières, ein gebürtiger Franzose, hatte schon aus seiner Zeit in Frankreich einen Sohn. In Memmingen setzte er als Chorherr und Stadtpfarrer sein sexuell selbstbestimmtes Leben fort. Er wurde Vater mindestens eines weiteren Kindes, einer Tochter. Für seinen Sohn kümmerte er sich um Dispens, die jenen vom Mangel der unehelichen Geburt reinigte, und verschaffte ihm dann zwei Pfründen. Die Tochter verheiratete er in Memmingen unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit. Offensichtlich war sein Konkubinat von den Memmingern voll und ganz akzeptiert.

Abt Ulrich Rösch vom Kloster St. Gallen (1463 – 1491) hatte sich mit Ursula Schnerzer liiert, für die er in Wil einen großen, schlossartigen Hof errichtete. Aus der Beziehung gingen drei Söhne hervor, für die der Vater mit Dispensen die Weichen für eine erfolgreiche Karriere stellte. Nicht in Richtung normaler Konkubinate gingen andere Vorwürfe: Über das Kloster Murrhardt wurde um 1500 geklagt, dass dort Frauen ein- und ausgingen. Der Vorwurf war, dass sich die Mönche mit ihnen amüsierten. Lang dauerte das Treiben nicht. Das Kloster wurde auf diese Missstände hin von Lorch aus reformiert.

Übergriff bleibt Übergriff

In einem weiteren Fall gingen zwei Überlinger Bettelmönche Anfang des 16. Jahrhunderts in Messkirch mit zwei Näherinnen ganz unmönchischen Genüssen nach. Einer der beiden Mönche wurde allerdings sogleich vom Hausherrn mitsamt der einen Näherin aus dem Zimmer geholt und die Treppe hinuntergeworfen. Der andere ergriff klugerweise selbst die Flucht, sodass Messkirch nie wieder von solchen „münch oder hengst“ besucht worden sei. Solche Fälle waren aber – eben weil sie in der Zimmerischen Chronik so hervorgehoben werden – zweifellos die Ausnahme. Die Chronik betont, dass die beiden Minoriten ihre Mönchsregel „im closter streng halten“ mussten und dass sie als junge Männer die Gelegenheit der Betteltour genutzt hätten. Außerdem ereifert sich die Chronik darüber, dass es unerhört sei, wenn „solcher loser buben wegen“ der ganze Orden in Misskredit gerate.

Im selben Sinne ist eine weitere Nachricht der Chronik zu verstehen, nämlich der Versuch eines Franziskaners, sich der Ehefrau eines Adligen zu nähern. Die Dame nahm den vom Regen Durchnässten in ihr Haus auf und gab ihm ein trockenes Hemd ihres gerade abwesenden Mannes – worauf der Mönch meinte, wenn man ihm die Hand biete, so wäre ihm „wie ainer katzen; so man die selb über den rugken streicht, so heb sie den schwanz auf“. Erfolg hatte die direkte Avance des geistlichen Mannes nicht, die Dame wies ihn brüsk ab. Aber was wie ein weiterer Beleg für die moralische Verkommenheit der Mönche wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Ausnahme: Denn der Fall stammte nicht aus Schwaben, sondern aus dem Erzbistum Köln. Er war aber so berühmt, dass ihn die schwäbischen Grafen von Zimmern in ihre Chronik aufnahmen – zweifellos, weil er so außergewöhnlich war.


„Sie hetten ire metzlin bei sich in schifflin, mit denen fuoren die unnutzen leüt auf den weier, .... Daselbst fand er die gaistlichen vätter inmaßen und gestalt, wie dann hieoben angezaigt. Die überfiel er ganz unversehenlichen, dann die fuosknecht kamen in weier, kerten die schifflin umb, darun die münch sampt irem frawenzimmer im saus saßen, warfen dieselben mit den köpfen ... in weier.“

Eine Erziehungsmaßnahme Hans von Rechbergs am Waldmössinger Weiher gegenüber Mönchen aus Hirsau.

Zimmerische Chronik, 1, S. 392


Schon die letztgenannten Fälle weisen darauf hin, dass es keineswegs immer zum mönchischen Sex kam und dass dieser nicht allgemein sozial akzeptiert war. Auf die Blütezeit der Klöster im frühen und hohen Mittelalter wird man die Geschichten vom lustigen Klosterleben sowieso nicht übertragen können. Die Fülle klösterlicher Schriften, die das keusche Leben als höchste Form des Daseins preisen, ist unüberschaubar. Der religiöse Furor dieser Zeiten war ernst gemeint. Anzunehmen, es habe hinter den Klostermauern allgemeine sexuelle Libertinage geherrscht, geht an den tatsächlichen Verhältnissen vorbei.

Im geistlichen Stand dürfte es viele gegeben haben, die in der Sexualität und im Körper nur das Wirken des Teufels sahen, und dann dem Benedikt von Nursia nacheiferten, der einen Anfall sexueller Versuchung dadurch bekämpfte, dass er sich nackt in einem Dornbusch wälzte. Die Zufügung körperlicher Schmerzen war ein probates Mittel, „fleischliche“ Versuchungen abzutöten. Bekannt sind Geißelungen, oft kamen auch Bußgürtel vor, mit Stacheln bewehrte Bänder, die man sich um die Oberschenkel legte.

Sensationslust statt Fleischeslust

Manchmal entpuppen sich überdies angebliche Sexgeschichten bei näherem Hinsehen als hohl, und es bleibt dann doch das Bild entsagungsvollen Klosterlebens übrig: Im Klarissenkloster Söflingen bei Ulm fanden die Visitatoren 1484 Briefe, die nach oberflächlicher Ansicht einiger Historiker auf ein vertrautes Verhältnis von Mönchen zu den Söflinger Nonnen schließen ließen. So seien fast alle Söflinger Nonnen bei der Visitation schwanger gewesen. Tatsächlich geht das Sensationsgeschrei um die schwangeren Söflinger Nonnen auf eine missverständliche Stelle in einem lateinischen Brief zurück, die aber mit Schwangerschaft nichts zu tun hat – im Gegenteil: Ausdrücklich wird die Keuschheit gelobt. Im Übrigen stand die Hälfte der Söflinger Nonnen jenseits des Klimakteriums und kann schon deshalb nicht schwanger gewesen sein. Auch andere Behauptungen über Sex in Klöstern bleiben bei genauerer Überprüfung blass. Man kann davon ausgehen, dass in der zeitgenössischen Pamphlete-Literatur und in der späteren historischen Forschung Einzelfälle hochgespielt wurden.


„Also hat man ain mansperson, gleichwol der jaren noch jung, uf ainer closterfrawen im bet nackend gefunden, die das wetter und der dunst baide erstecket [erstickte].“

Dramatischer Fund nach einem Klosterbrand in Straßburg. Zimmerische Chronik, 2, S. 641


Auch wenn Fälle wie die beschriebenen im 15. und 16. Jahrhundert vorkamen, heißt das nicht, dass es damals überall so lasziv zuging. Eine in der Zimmerischen Chronik überlieferte Episode aus dem Frauenkloster Eschenbach bei Luzern legt nahe, dass die dortigen Nonnen mit Sexualität gar nichts im Sinn hatten. In Eschenbach übernachtete der Konstanzer Domherr Balthasar von Hertenstein. Abends sprach er dem Alkohol zu und wurde in wenig handlungsfähigem Zustand in seinen Schlafraum gebracht. Da nachts ein Unwetter aufzog, wollte die Mesnerin die Wetterglocke läuten. Die Nonnen weigerten sich, zum Läuten aufzustehen, sodass schließlich der Domherr geweckt wurde. Dieser wankte – nur im Hemd – zum Läuten ans Glockenseil und begann, an diesem zu ziehen. Dabei wurde er vom Seil bei jedem Glockenschlag weit hinaufgezogen. Zwischenzeitlich hatten die Nonnen ein Licht gebracht. Da beim Hinaufziehen jeweils das Hemd über ihn flog, konnten die herbeigeeilten „jung nonnen“ bei ihm „das geschierr und die schellen wol sehen, darab sie schier erblindet wären“. Die jungen Damen wollten wegen des unziemlichen Anblicks des männlichen „Geschirrs“ und der männlichen „Schellen“ entsetzt wegrennen. Also hatte allein der unverhüllte Anblick eines Mannes bei den Nonnen für Entsetzen gesorgt.

Kampf um die Enthaltsamkeit

Geschlechtsverkehr im Kloster war die Ausnahme, nicht die Regel. Die überwiegende Zahl der Mönche und Nonnen dürfte tatsächlich asexuell gelebt haben. Keuschheit hatte in der religiösen Gedankenwelt und im Kloster einen zentralen Stellenwert. Insofern werden die meisten Mönche und Nonnen den Kampf gegen die eigene Sexualität nicht nur mehr oder weniger erfolgreich bestanden haben, sondern fühlten sich bei der Überwindung der vermeintlich teuflischen Lust auch noch den Nichtzölibatären moralisch überlegen.

Das negative Bild, das von der Sexualmoral in den Klöstern gezeichnet wurde, war meist der antiklösterlichen Propaganda geschuldet. Die Autoren waren häufig Protestanten bzw. ausgetretene Mönche, für die die Verkommenheit der klösterlichen Lebensform eine ausgemachte Sache war. Solche Denunziationen von Seiten des religiösen und politischen Gegners sind daher nicht allzu glaubwürdig. Die Zimmerische Chronik beschreibt die Sexfälle in den Klöstern zwar durchaus drastisch, aber doch mit deutlicher Missbilligung. Die Regel waren solche Grenzüberschreitungen nicht, und die diversen innerkatholischen Reformbewegungen bemühten sich ständig, die von den Ordensregeln verlangte Keuschheit zu erreichen. Es ist unmöglich zu quantifizieren, wie häufig Mönche und Nonnen „unkeusch“ wurden.


„Do sagt man, das ain münch ußer großem muetwillen pflegen hab, in ain groß weinfaß zu ainer nonnen zu schlupfen. Als nun das mermals beschehen, haben etlich guet gesellen der sach wargenommen …“

Eine Geschichte aus dem Kloster Amorbach. Zimmerische Chronik 2, S. 650


Überhaupt waren – bei allen Missständen – auch die Verhältnisse der Mannsklöster in Südwestdeutschland nicht rundherum desolat. Die bei vielen Mönchen gefürchteten Klosterreformen, wie sie vom Konzil in Konstanz und dann in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts insbesondere vom Kloster Melk ausgegangen waren, wirkten höchst effektiv gegen allzu lasches Klosterleben und erst recht gegen sexuelle Eskapaden. Tanzende Mönche und Nonnen und erotische Abenteuer hinter Klostermauern dürften öfter unterbunden worden sein, als das so manchem Gottesdiener und so mancher Gottesdienerin lieb war.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Gerhard Fritz in Momente 4|2016.

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