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Vom Mittelalter zum Melitta-Filter

Das Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof gibt dem Schlössle von Effringen ein neues Zuhause

Zahllose Detailfragen sind zu klären, bevor ein Gebäude im Freilichtmuseum zu sehen ist. Im Laufe dieses Prozesses wurde ein über 600 Jahre altes Haus zum Schaufenster in die 1970er-Jahre.

Das Schlössle von Effringen an seinem neuen Standort (Foto: Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof)
Das Schlössle von Effringen an seinem neuen Standort (Foto: Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof)

Das Schlössle von Effringen ist ein Wohngebäude mit mittelalterlichen Grundmauern aus Wildberg im Kreis Calw. In einem aufwendigen Translozierungsverfahren wurde es in das Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach versetzt. Als Neuzugang bringt es mit seiner über 600 Jahre langen Geschichte neue Themenfelder und Gestaltungsspielräume mit sich. Über die Jahrhunderte hinweg bediente es die unterschiedlichsten Bedürfnisse: Vorher Teil einer wehrhaften Anlage wurde es 1379 als Meierhof des Klosters Stein am Rhein zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Von seinem nachfolgenden Besitzer Konrad Grückler wurde es zum herrschaftlichen Landschloss ausgebaut und diente in den nächsten Jahrhunderten als Lehenshof, Bauernhaus und bis ins Jahr 1972 als Wohnhaus. In seiner Geschichte durchlebte es zahlreiche Umbauphasen, trotzdem zeigt es heute noch Spuren seiner Anfangszeit. Von der letzten Bewohnerfamilie noch als Lagermöglichkeit und vom ältesten Sohn als Ort für Partys genutzt, hat es seit

2018 eine neue Aufgabe: Im Museum präsentiert es sich wieder eingerichtet, stets bereit, seine Geschichte zu erzählen.

Einrichtung nach Annahme: So, wie er es sich ursprünglich wünschte, bekommt der älteste Sohn in der musealen Präsentation des Hauses sein Jugendzimmer unter dem Dach (Foto: Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof)
Einrichtung nach Annahme: So, wie er es sich ursprünglich wünschte, bekommt der älteste Sohn in der musealen Präsentation des Hauses sein Jugendzimmer unter dem Dach (Foto: Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof)

Doch wie erzählt man diese Geschichte, die so vielfältig und umfangreich ist, dass sie eine Zeitspanne von Christoph Kolumbus bis David Bowie umfasst? Datiert auf das Jahr 1407 gibt der älteste Balken Aufschluss darüber, wie viel das Gebäude schon erlebt haben muss. Welchen Darstellungszeitraum wählt man nun für das Museum? Ein wichtiges Kriterium war, dass sich das Gebäude und das, was es aussagt, in das Gesamtkonzept des Museums einfügen soll. Im Falle des Freilichtmuseums Vogtsbauernhof sieht dieses Konzept eine Ausdehnung der dargestellten Zeitepochen vor: Schon mit der im Vorjahr präsentierten 1980er-Jahre-Wohnung wagte sich das Museum in die nahe Vergangenheit, denn die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wird in immer mehr Freilichtmuseen aufgearbeitet. Somit stand fest: 1972 als das Jahr, in dem die letzten Bewohner auszogen, bot die Möglichkeit, ein weiteres Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts unter die Lupe zu nehmen.

Doch um den Charakter des Schlössles zu verstehen und es einrichten zu können, mussten wir uns erst seine Geschichte erarbeiten. Die Jahrhunderte, die vielen Bewohnergenerationen und Umbauphasen haben ihre Spuren hinterlassen. Um diese zu lesen, brauchte es Bauforscher, Archäologen und Historiker, die mit ihrer Expertise das Puzzle sukzessive zusammensetzten. Die gewonnenen Erkenntnisse flossen in die Gestaltung mit ein, wie beispielsweise das Wissen um das ehemalige Erscheinungsbild des Gebäudes, als es noch als Landschloss fungierte: Archäologische Grabungen ergaben, dass das Schlössle ehemals einen Turm an der Rückseite hatte, andere Untersuchungen ließen uns wissen, dass das Gebäude mal ein weiteres Stockwerk besaß. Ein von uns beauftragtes Gemälde dieser Situation schmückt nun die gute Stube des Schlössles und lässt uns so in seine Anfangszeit blicken.

Das Konzept des Wiederaufbaus musste schon vor der Versetzung des Gebäudes feststehen, denn der Zeitschnitt und die zu vermittelnde Aussage bestimmen, welcher bauliche Zustand wiederhergestellt wird. Im Schlössle wurde dabei nur so viel erneuert und restauriert wie nötig, damit das Gebäude gefahrlos betreten werden kann und so viel Originalsubstanz wie möglich erhalten bleibt. Mit dem Zeitschnitt 1972 wurden die Gebäudestruktur und der Zustand des Schlössles dargestellt, wie es bis zuletzt in Effringen zu sehen war. Risse in den Wänden, schiefe Böden und andere Schönheitsfehler machen den Charakter des Gebäudes aus. Die schiefen Böden beispielsweise zeigen, dass das Gebäude sich zu unbestimmter Zeit in der Mitte abgesenkt und die beiden Außenteile mit nach unten gezogen hat. In dieser Position hat es sich bis zuletzt zusammengehalten. Die massiven Deckenbalken präsentieren sich durchgebogen und doch stabil − für uns ein wichtiges Element, das sichtbar sein sollte, da es viel über die Gebäudegeschichte aussagt. Ebenso die Spuren der Versetzung: Die Schnitte in den Wänden und die rekonstruierten Holzelemente, wie beispielsweise in den Deckenbalken, werden zwar nach einer gewissen Zeit nicht mehr zu erkennen sein, aber auch nicht absichtlich unkenntlich gemacht. Es darf deutlich werden, dass die Versetzung und die nun beginnende Phase der musealen Aufarbeitung und Präsentation ebenfalls einen wichtigen Schritt in der Gebäudegeschichte darstellen.

Texttafeln und Bildschirme erklären, was nicht für sich selbst spricht und was zum Verständnis des Gebäudes beiträgt. Die ehemaligen Ställe bieten eine besondere Kulisse für Themen- und Objektinszenierungen unterschiedlicher Art.

Die Wände fungieren als weiteres Vermittlungselement. Auch hier gibt der Zeitschnitt vor, welche Oberfläche gezeigt wird. Die Wandgestaltung im Schlössle, seit 1972 unverändert, konnte also bestehen bleiben. Doch auch die darunterliegenden Schichten zeugen von früheren Bewohnergenerationen und deren Lebensweise. An ausgewählten Stellen im Wohnbereich entschieden wir uns daher für die Freilegung mehrerer Schichten, die durch eine Plexiglasscheibe geschützt und dadurch gleichzeitig hervorgehoben werden.

Im Eingangsbereich empfängt einen die emporstrebende Treppe mit rotem Teppich und goldenen Messingstangen. Zusammen mit dem Fasanenpaar an der Wand deutet dieses Element den ehemals herrschaftlichen Charakter des Landschlosses aus dem 15. Jahrhundert an und greift somit einen wichtigen Aspekt der Hausgeschichte auf. Damit sind Elemente integriert, die es 1972 nicht gab, die aber der Vermittlung dienen. Immer wieder stellte sich im Vorfeld die Frage, wie weit im Museum von der originalen Situation abgewichen werden darf, um eine plausible Wohnsituation zu schaffen, die einen Erkenntnisgewinn verspricht. Denn es gilt ohnehin: Der Zustand von 1972 kann nicht mehr erreicht, sondern durch die Schaffung ähnlicher Verhältnisse lediglich nachempfunden werden.

Daher orientiert sich das Einrichtungskonzept einerseits an der realen Vorgabe und andererseits an den wahrscheinlichen Verhältnissen des fokussierten Zeitschnitts. Hier birgt der Zeitschnitt „1972“ den Vorteil, dass Zeitzeugen und Fotografien Aufschluss über die damaligen Verhältnisse geben können. Die heute erwachsenen Kinder, die im Schlössle aufwuchsen, beschrieben uns in Interviews die Einrichtung und verknüpften die Beschreibungen mit Emotionen und Anekdoten aus dem Alltag. Für uns als Außenstehende war dies ein weiterer Vorteil, weil wir die Atmosphäre viel besser verstehen konnten, was für eine authentisch anmutende Einrichtung grundlegend ist. Wir erfuhren zum Beispiel, dass nur noch der vordere Teil der alten Küche genutzt wurde, da der Boden an einer Stelle durchgebrochen war. Der Raum zeigt außerdem Spuren der ehemals wehrhaften Anlage, wie eine Schießscharte und einen Torbogen, durch den vermutlich im 15. Jahrhundert ein Eingang führte. So entstand die Idee, die alte Küche sehr spartanisch einzurichten.

Das besondere Leben im Schlössle zeigte sich auch anhand der folgenden Anekdote: Die spezielle Raumaufteilung erforderte, dass der älteste Sohn zusammen mit dem Großvater in einem Bett schlafen musste. Hätte er selbst entscheiden können, wäre er auf den Dachboden gezogen, mit Matratze auf dem Boden und Postern an den Wänden. Dieser Traum wird in unserer musealen Umsetzung Wirklichkeit. Das Jugendzimmer, das nie existierte, bot die Möglichkeit zu einer freien Inszenierung, die den Zeitgeist der 1970er-Jahre einfängt. Bücher wie Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ liegen in Ausgaben von 1972 neben der „Bravo“ auf der Patchwork-Decke, Led Zeppelin, Juliane Werding und Gerd Müller hängen als Poster an der Wand. Hier greift die Vermittlung über identitätsstiftende Objekte und emotionale Erinnerungen an die eigene Jugend, vor allem bei Besuchern, die in diesem Jahrzehnt gelebt haben.

Kleine Dinge – wichtige Rolle

Dieser Ansatz wird auch in den übrigen Räumen angewandt. Da wir das Gebäude ohne Mobiliar übernahmen – die Inneneinrichtung der Familie zog mit in das neue Haus – haben wir die Objekte recherchiert und organisiert. Als typische Anlaufstellen dafür nutzten wir Flohmärkte, Secondhand-Läden und Online-Auktionshäuser sowie unsere eigenen Sammlungsbestände. Außerdem bekamen wir von der Bewohnerfamilie besondere Einzelstücke zur Verfügung gestellt. So steht die originale Obstschale der Familie, das Verlobungsgeschenk des Familienvaters an seine zukünftige Frau, neben einer orange-braunen Vase vom Flohmarkt. Die Betten schmücken blumig-bunte Bezüge, in der Küche finden sich die originalen, pastellfarbenen Küchenschränke, bestückt mit neu beschafftem Hausrat – von der gelben Plastik-Zitronenpresse bis hin zu Melitta- Kaffeefiltern aus den 1970er-Jahren. Diese kleinen Dinge sind es, die dafür sorgen, dass das Gesamtbild am Ende schlüssig ist und als authentisch wahrgenommen werden kann. Sie erzählen Geschichten und schaffen Atmosphäre. Die originalen, festinstallierten Gestaltungselemente, wie Vorhänge, Öfen oder Deckenlampen, behielten ihren Platz im Gesamtgefüge, sofern sie noch ausstellbar waren. Im Falle des Schlössles wurden viele dieser Objekte aufgrund ihres Zustandes ersetzt und an anderer Stelle separat inszeniert, um sie zu erhalten.

Gezielte Objektinszenierungen verknüpfen sich mit einer Wohnungseinrichtung im Zeitschnitt 1972: Das Einrichtungskonzept ermöglicht so einen Einblick in 600 Jahre Hausgeschichte und vereint den Zeitgeist verschiedener Phasen unter einem Dach.

Ein Beitrag von Julia Lauer M.A. in Momente 2|2018.

Daten und Fakten zum „Schlössle“ im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof: 

Nach der Erstbesichtigung des Gebäudes im Oktober 2012 begann die Translozierung am 31. Juli 2015 (Kosten rund 3,55 Mio. Euro für 650 Tonnen Material). Wiedereröffnung knapp drei Jahre nach Abbaubeginn am 23. März 2018. Bis zu 20 Personen arbeiteten bei der Einrichtung zusammen: Handwerker für die Sicherung der Objekte, Elektriker, Raumausstatter usw. Mit dem Transporter abgeholt, per Post erhalten oder persönlich vorbeigebracht fanden in neun Monaten mehr als 700 Objekte ihren Weg ins Schlössle. 

Mehr zum Schlössle und Besucherinformationen zum Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in 77793 Gutach (Schwarzwaldbahn) unter www.vogtsbauernhof.de

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