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Western aus der Kurpfalz
Szene aus „Bull Arizona – Der Wüstenadler“ von 1919. (Foto: Deutsche Kinemathek)
Szene aus „Bull Arizona – Der Wüstenadler“ von 1919. (Foto: Deutsche Kinemathek)

Westernszenen aus Deutschland, Sequenz 1: Ein Reitertrupp kommt ins Bild: Cowboys mit Hüten, Gewehren und Revolvergurten. Sie reiten an einer gleißend weißen Felswand entlang, es ist heiß. Der Blick des Anführers schweift nach oben und in den Himmel, ein Raubvogel kreist. Der Cowboy blickt angestrengt in die Höhe und erkennt plötzlich eine vom Verschmachten bedrohte junge Frau. Er eilt zu Hilfe und bewahrt sie vor dem sicheren Tod – Bull Arizona hat Mary gerettet.

Sequenz 2: Indianer stürmen auf eine Wagenburg zu, in der sich weiße Siedler verzweifelt wehren. Dank des tollkühnen Bull Arizona gelingt es, die Angreifer zurückzuschlagen.

Sequenz 3: Im Saloon kommt es am Pokertisch zum Streit. Bull Arizona zieht am schnellsten und schießt den Falschspieler nieder.

„Bull Arizona – Der Wüstenadler“ – das war der Titel dieses deutschen Western aus dem Jahr 1919, produziert und vertrieben von der Heidelberger „Chateau Kunstfilm-Werke“. Die Firma war im selben Jahr in Heidelberg von Dr. Adolf Basler, einem Ludwigshafener Fotochemiker, als Familienbetrieb gegründet worden. Seinen Sohn Hermann (1896 – 1982) hatte er 1916 in die USA geschickt, um ihn der Einberufung zum Militär zu entziehen. Als Hermann nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wieder nach Deutschland zurückkehrte, brachte er zahlreiche Anregungen von der weit entwickelten amerikanischen Filmindustrie mit. In den USA hatte er unter anderem den rasanten Aufstieg des Western-Genres und der ersten Figuren und Stars des Western erlebt. Etwa von „Broncho Billy“, einem Serienhelden, der vorzugsweise als „good bad man“ auftrat, also als Outlaw, der durch eine gute Tat wieder in die Gesellschaft aufgenommen wird. Erfinder dieser Figur war Gilbert M. Anderson, der zunächst Regisseur, Autor und Hauptdarsteller in einer Person war. Beides, die Figur des Helden wie die Person des Erfinders, faszinierte und inspirierte den vielseitig begabten Hermann Basler, der sofort nach seiner Rückkehr aus den USA als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in die „Chateau Kunstfilm“ eintrat.

„Bull Arizona – Der Wüstenadler“ war der erste Western der Heidelberger „Chateau Kunstfilm“ mit Hermann Basler als Drehbuchautor sowie als „Bull Arizona“ in der Hauptrolle und mit Hermanns Mutter Maria Basler in einer Nebenrolle. Zwei weitere südwestdeutsche Filmpioniere, Phil Jutzi und Horst Krahé, führten Regie. Die Außenaufnahmen wurden an der badischen Bergstraße in den Dossenheimer Porphyrsteinbrüchen nördlich von Heidelberg gedreht sowie in den Rheinauen um Ludwigshafen. Die Innenaufnahmen entstanden in dem 1912 gegründeten Film-Atelier „Glashaus am Neckar“ im Heidelberger Stadtteil Schlierbach, das bis 1924 in Betrieb war. Die Filmstatisten kamen allesamt aus der Region, insbesondere bei den Indianerdarstellern aus dem Ludwigshafener Stadtteil „Hemshof“ blieb noch längere Zeit der Neckname „Hemshof-Indianer“ lebendig.

Die Zeit war günstig für die Produktion einheimischer Western. Bedingt durch den Ersten Weltkrieg und die Abschottung des nationalen Filmmarkts kam der Import amerikanischer Western bis zu Beginn der 1920er-Jahre praktisch zum Erliegen. Unverändert bestehen hingegen blieb das Interesse des deutschen Publikums am Western. Auch die Abschaffung der Pflichtzensur nach Kriegsende ermöglichte bis zum Inkrafttreten des „Reichslichtspielgesetzes“ im Jahr 1920 freizügigere Darstellungen von Gewalt und Erotik.

Vom Kriegsende bis ins Jahr 1921 hinein entstanden in Deutschland rund 40 Westernfilme, welche die amerikanischen Vorbilder mit einfachsten Mitteln adaptierten. Allein zwölf dieser Western wurden in Heidelberg und Ludwigshafen produziert. Verbreitung fanden die Filme in der Regel fast nur regional in den Kinos in Südwestdeutschland. Von diesen sogenannten „Neckar-Western“ oder „Kurpfalz-Western“ sind nur noch drei Filme erhalten: „Bull Arizona – Der Wüstenadler“ (1919, 52 Min.), „Bull Arizona 2 – Das Vermächtnis der Prärie“ (1920, 56 Min.) sowie „Feuerteufel“ (1920, 58 Min.).

Obwohl bei Publikum und Kinobesitzern beliebt, hatten es die Filme nach der Wiedereinführung der Pflichtzensur im Jahr 1920 bei den Filmprüfstellen schwer. Vor allem wegen ihrer Gewaltszenen waren sie allesamt mit Jugendverbot belegt, was ihre Vermarktung erschwerte. Andere schafften es überhaupt nicht, eine Aufführungsgenehmigung zu bekommen. Die Zensururteile der Prüfstellen waren im wesentlichen Geschmacksurteile, die präventiv das Publikum vor „Schmutz und Schund“ bewahren sollten. Gelegentlich ging dies auch mit der Beschimpfung der solcherart „Beschützten“ einher, wie etwa in der Verbotsbegründung des Neckar-Western „Feuerteufel“ aus dem Jahr 1921: „Handlung und Spiel sind ganz offenkundig für moralisch minderwertige Kinobesucher gearbeitet und spekulieren … auf deren niedrigste Instinkte“. Für die Produzenten bedeutete diese Zensurpraxis den Totalverlust des investierten Kapitals. Im Jahr 1924 gingen die Heidelberger Chateau Kunstfilm-Werke in Konkurs.

Ein Beitrag von Dr. Thomas Schneider in Momente 3|2016.

Daten und Fakten

20 Studierende im Masterstudiengang Kulturanthropologie/Volkskunde bereiteten von April 2015 bis April 2016 das Thema „Cowboy und Indianer – Made in Germany“ im Hinblick auf Filme für die Ausstellung auf. Insgesamt wurden 40 zeitgenössische Filme und Fernsehserien untersucht und 19 Videoclips epochentypischer Westernfilme à 3 Minuten für das Ausstellungskino geschnitten, darunter auch „Bull Arizona – Der Wüstenadler“. Außerdem entstanden Inhalte für Medienstationen mit Inhaltsangaben, technischen Daten und Kurzbiografien der wichtigsten Schauspieler. Vgl. Ergebnisse in „Cowboy und Indianer – Made in Germany“, erschienen als: Volkskunde in Rheinland-Pfalz, Jg. 31, Mainz 2016, ISSN 0938-2964.

http://www.iftek.uni-mainz.de/kultur/788.php
http://www.landesmuseum.de

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