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Design im Archiv

Im HfG-Archiv Ulm lebt die legendäre Hochschule für Gestaltung weiter

Max Bill, Otl Aicher – mit der Hochschule für Gestaltung Ulm sind klangvolle Namen verbunden. 50 Jahre nach der Schließung ist das südwestdeutsche Mekka des Designs in seinem Archiv weiter präsent.

Die Metallwerkstatt der Hochschule für Gestaltung Ulm, 1958. (Foto: HfG-Archiv / Museum Ulm)
Die Metallwerkstatt der Hochschule für Gestaltung Ulm, 1958. (Foto: HfG-Archiv / Museum Ulm)

Die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts ist ohne die Hochschule für Gestaltung Ulm nicht denkbar. In den wenigen Jahren ihres Bestehens zwischen 1953 und 1968 entstanden Entwürfe, von denen viele heute als Klassiker des Industriedesigns gelten. Vor allem jedoch sind in Ulm die Grundlagen für die Ausbildung von Industriegestaltern erarbeitet worden, die bis heute Gültigkeit besitzen. 1955, zur Eröffnung des Gebäudes, erklang eine eigens von dem Schweizer Zwölftonkomponisten Wladimir Vogel komponierte Fanfare. Walter Gropius (1883 – 1969), der Begründer des Bauhauses, sprach zu den Gästen. Max Bill (1908 – 1994), Gründungsdirektor und Architekt des Ulmer Hochschulcampus, umriss die Aufgaben dieser neuen Hochschule mit den Worten „von der kaffeetasse bis zur wohnsiedlung“. Die gute Gestaltung sei wichtig, weil 

„wir heute wieder eine kultur brauchen, an der alle teilhaben und die ein gegengewicht zur täglichen arbeit bildet“. 1968, als sich im Laufe des Jahres die Schließung der HfG Ulm als unausweichlich abzuzeichnen begann, erklangen andere, schrillere Töne. Die Studierenden protestierten mit Plakaten auf denen von „Killingmanöver“ und „kulturpolitischem Skandal“ die Rede war.

Kleintaxi, 1963/64. Ein Entwurf aus dem zweiten Studienjahr in der Abteilung Produktgestaltung bei Rodolfo Bonetto. (Foto: HfG-Archiv / Museum Ulm)
Kleintaxi, 1963/64. Ein Entwurf aus dem zweiten Studienjahr in der Abteilung Produktgestaltung bei Rodolfo Bonetto. (Foto: HfG-Archiv / Museum Ulm)

Neben dem Gebäude hinterließ die Hochschule für Gestaltung Akten und Dokumente, Entwürfe auf Papier und Modelle aus unterschiedlichsten Materialien, daneben Prototypen sowie eine umfangreiche Sammlung von Fotografien und Diapositiven. Diesen Nachlass betreut das HfG-Archiv, eine Abteilung des Museums Ulm.

Den Grundstock für das HfG-Archiv bildet das ehemalige Archiv der Hochschule selbst und die Akten ihrer Trägerin, der Geschwister-Scholl-Stiftung (heute Stiftung Hochschule für Gestaltung HfG Ulm). Seit 1958 sammelte die Hochschule gezielt Entwürfe ihrer Studierenden. Dazu zählen der abgebildete Karosserieentwurf oder der Propellerknoten mit Elementen eines Straßenbeleuchtungssystems. Bis heute ist die HfG einer größeren Öffentlichkeit bekannt 

durch Entwürfe, die inzwischen als Klassiker oder Ikonen der Designgeschichte gelten. Für die Ausstattung des Hochschulgebäudes entstand der Ulmer Hocker. Max Bill entwarf ihn gemeinsam mit dem Architekten und Hochschuldozenten Hans Gugelot und dem Leiter der Holzwerkstatt, Paul Hildinger, im Jahr 1954. Aus einfachem Holz und wenigen Teilen zusammengebaut, ist er mit seinen beiden Sitzhöhen ein Möbel im Wortsinn, das handlich ist und leicht umhergetragen werden kann.

Nicht weniger bekannt ist der „Schneewittchensarg“, der 1956 als Radio-Phono- Kombination mit dem Typennamen SK 4 für die Firma Braun entworfen wurde. Maßgeblich war Hans Gugelot dafür verantwortlich, unter Mitarbeit des bei Braun angestellten Innenarchitekten und Designers Dieter Rams sowie Mitarbeiterrn der HfG. Zu den Ikonen der HfG gehört auch das Stapelgeschirr TC 100, das Hans (Nick) Roericht als Diplomprojekt 1958/59 entwarf und das ab 1961 bei der Firma Thomas in Produktion ging. Der aus Österreich stammende Walter Zeischegg (1917 – 1981) unterrichtete in der Abteilung Produktgestaltung. Der Bildhauer war völlig fasziniert von der Sinuskurve. Im Kunststoff fand er das geeignete Material, um diese Form bei dem Wellenascher (produziert von der Firma Helit) umzusetzen.

Seit der Gründung 1987 und nach der Angliederung an das Museum Ulm 1993 kamen laufend Deposita und Schenkungen ehemaliger Dozenten und Studierender ins Archiv. Einige Jahre nach dem Tod Otl Aichers (1922 – 1991) übergab dessen Familie 1996 dem Archiv seinen Nachlass. Er enthält Dokumente, Fotografien, Projektstudien, Briefe und vieles mehr. Hier findet sich zum Beispiel umfangreiches Material zum Erscheinungsbild der Olympischen Spiele 1972 in München und dem dort erstmals eingesetzten System von Piktogrammen. Außerdem bewahrt das Archiv die Nachlässe von Walter Zeischegg (1917 – 1981) sowie von Tomás Gonda (1926 – 1988) auf. 2014 übergab der an der HfG ausgebildete Gestalter Hans (Nick) Roericht (geb. 1932) dem HfG-Archiv als Depot das Archiv seines Gestaltungsbüros, das unter anderem Vorarbeiten für sein schon erwähntes Stapelgeschirr TC 100 enthält.

Die Bestände wachsen schneller an, als sie inventarisiert werden können – ein Umstand, der jedem Sammler vertraut sein dürfte. Deshalb steht die Digitalisierung der Bestände, das heißt ihre Zugänglichkeit im Netz, ganz oben auf der Prioritätenliste. Derzeit sind die Archivalien über Findbücher zugänglich, die auf der Homepage eingesehen werden können. Für die konkrete Arbeit mit dem Material bleibt ein Besuch in Ulm unerlässlich.

Der Mittwoch steht daher fest als „Archivtag“ im Kalender aller Beschäftigten. Das heißt, dieser Tag ist ganz für Personen reserviert, die nach Voranmeldung ins Archiv kommen. Die Anfragen reichen von Recherchen für Seminararbeiten bis hin zu Habilitationsschriften oder umfangreichen monografischen Studien. Gerade in den Sommermonaten kommen etliche Gäste aus aller Welt, unter anderem Indien und den USA, die in den Semesterferien ihre Archivreisen planen.

Die Mensa der Hochschule für Gestaltung Ulm, erbaut zwischen 1953 und 1955 nach Plänen von Max Bill. (Foto: Stiftung HfG Ulm, Fotograf: Martin Rudau)
Die Mensa der Hochschule für Gestaltung Ulm, erbaut zwischen 1953 und 1955 nach Plänen von Max Bill. (Foto: Stiftung HfG Ulm, Fotograf: Martin Rudau)

Seit dem Umzug in das Gebäude der ehemaligen Hochschule verfügt das HfG-Archiv über eine etwa 200 Quadratmeter große Fläche für die Dauerausstellung. Sie trägt den Titel „Hochschule für Gestaltung Ulm – Von der Stunde Null bis 1968“ und konnte 2013 eröffnet werden. Die Finanzierung übernahmen die Stadt Ulm, das Land Baden-Württemberg und der Bund. Die mehr als 200 Exponate und Dutzende von Fotografien geben einen Überblick über die Arbeit der HfG Ulm und ihrer Abteilungen Produktgestaltung, Visuelle Kommunikation, Industrialisiertes Bauen, Information sowie Film – in einem Umfang, der nur in Ulm gesehen und erlebt werden kann.

Diese Dauerausstellung ergänzt seit 2014 ein weiterer Raum mit circa 120 Quadratmetern, der für Sonderausstellungen oder auch für Veranstaltungen

genutzt wird: das Studio HfG. Nach einer Baumaßnahme im Sommer 2018 sind alle Ausstellungsräume klimatisiert und entsprechen damit, wie bereits die Depoträume, international gültigen Standards. Durch die Fülle der Sammlungen kann das HfG-Archiv viele seiner Präsentationen aus eigenen Beständen bestücken.

Anlässe für Ausstellungsthemen ergeben sich durch Jubiläen oder andere Jahrestage: 2017 widmete sich eine konzentrierte Präsentation dem Werk von Walter Zeischegg zu dessen 100. Geburtstag.

Aktuell ist die Ausstellung „wir demonstrieren: linksbündig bis zum schluss, HfG Ulm 1968“ zu sehen, die das Ende der HfG Ulm vor 50 Jahren thematisiert (noch bis 25. November 2018).

2019 wird im Zeichen des weltweit gefeierten Bauhausjubiläums stehen. Unter dem Titel „bauhaus ulm“ nimmt das HfG-Archiv die Anfangsjahre der Schule genauer unter die Lupe, in denen den Gründern Inge Aicher-Scholl, Otl Aicher und Max Bill eine Wiederbelebung des Bauhauses vor Augen gestanden hatte (Juni bis Oktober 2019). Im Herbst 2019 folgt „reclaim context“, eine Übernahme vom Bauhaus Studio 100 aus Weimar (November 2019 bis Februar 2020). Zudem wird es 2019 mit „Nicht mein Ding. Gender im Design“ ein partizipatorisches Ausstellungsprojekt geben, welches die „Gute Form“ und den Funktionalismus der 1950er- und 1960er-Jahre erstmals mit einer aktuellen Position der Designkritik und der Frage nach demokratischen Idealen im Design miteinander ins Gespräch bringt (Februar bis Mai 2019). In diese Ausstellung werden Arbeitsergebnisse der kanadischen Architektin Olivia Daigneault Deschênes einfließen, die 2018 in dem erstmalig stattfindenden „Designer in Residence“-Programm zu Gast im HfG-Archiv war.

Gleichzeitig ist es wichtig, in den wissenschaftlichen Foren wahrgenommen zu werden. Dem HfG-Archiv ist es mit zwei Hochschulpartnern in Essen und Pforzheim gelungen, ein von der Volkswagen- Stiftung finanziertes Forschungsprojekt in die Wege zu leiten, das sich bis 2021 unter dem Titel „Gestaltung ausstellen“ den von der HfG organisierten Ausstellungen widmet.

Die Doppelfunktion als Archiv und Museum erlaubt es dem HfG-Archiv, mit dem Fach- wie dem allgemein interessierten Publikum gleichermaßen in Kontakt zu kommen. Es ist eine stete Herausforderung, den am Stadtrand gelegenen Standort mit Ausstellungen und Veranstaltungen zu beleben. Dazu zählen öffentliche Führungen, Tage der offenen Tür, Kulturnächte, Führungen hinter die Kulissen oder auch Konzerte. Wer den Weg auf sich genommen hat, kann die einmalige Aussichtslage über dem Donautal ebenso genießen wie den denkmalgeschützten Hochschulkomplex.

Ein Beitrag von Dr. Martin Mäntele in Momente 4|2018.

Daten und Fakten zum HfG-Archiv: 

Gründung 1987 als private Initiative des club off ulm e.v. (Organisation ehemaliger Studierender). 1993 Angliederung an das Museum Ulm, 2011 Umzug in das ehemalige Hochschulgebäude. Seit 2013 ständige Ausstellung, seit 2014 Studio HfG für Wechselausstellungen. 

Rund 30.000 Dokumente aus dem Hochschul-Archiv, 350 Objekte, 6.500 Skizzen, Entwürfe, etc., 11.000 sw-Negative mit Kontaktabzügen, rund 3.000 sw-Originalvergrößerungen, an die 6.000 Dias. Deposita von Ehemaligen, Werknachlässe von Otl Aicher, Tomás Gonda, Walter Zeischegg.

HfG-Archiv Ulm
Am Hochsträß 8
89081 Ulm
hfg-archiv(at)ulm.de
www.hfg-archiv.ulm.de

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