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Männer von Welt

„Wenn eine Universitaet bluehend werden soll, so kommt nicht wenig auf die Wahl der Exercitienmeister an.“ – Forschungsarbeiten zur Universitätsgeschichte haben seit längeren Jahren wieder Konjunktur. Zahlreiche Überblicksdarstellungen reichen aber über ältere Forschungsstände kaum hinaus. Und den neueren, zusammenfassenden Arbeiten zur Sozialgeschichte der Universitäten mangelt es an einer breiten Grundlage von Detailuntersuchungen. Für Tübingens Hochschulgeschichte wird eine dieser Lücken nunmehr geschlossen mit der quellengesättigten Studie aus der Feder der stellvertretenden Konstanzer Stadtarchivarin Silke Schöttle zu den Exerzitien- und Sprachmeistern am 1594 begründeten und bis 1819 bestehenden Collegium Illustre und an der Universität Tübingen.

Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: den immensen Fleiß der Autorin, welche nahezu jedes für ihre Untersuchung einschlägige Archiv besuchte und schwer zugängliches Quellenmaterial ans Licht beförderte, oder den gelungenen Stil der Darstellung, der sich wohltuend abhebt von dem zunehmend gepflegten „Historikerdeutsch“. Insgesamt und zusammenfassend: eine glänzende Studie, die zu Recht mit dem Baden-Württembergischen Geschichtspreis ausgezeichnet wurde.

Der eingangs zitierte Satz findet sich in dem 1768 publizierten Buch des Göttinger Gelehrten Johann David Michaelis „Raisonnement ueber die protestantischen Universitaeten in Deutschland“. 

Verfasst wurde jene lesenswerte Abhandlung, als die „Studiersucht“ der Jugend beklagt wurde. Dennoch blickten „frequente“ Universitäten wie Halle und Göttingen mit Stolz auf ihre hohen Studentenzahlen. Davon war aber die Tübinger Eberhardina weit entfernt, wollte man ihr doch um die Mitte des 18. Jahrhunderts schon den „Todesschein“ ausstellen. Wie an manch anderen Hochschulen stand die Sorge um den studentischen Besuch im Vordergrund der Universitätspolitik.

Das Jahr 1695 hielt auch für Tübingen die bittere Erfahrung bereit, dass bei fehlenden Exerzitien und Sprachmeistern die Studenten ausblieben. Beschädigt wurde dadurch nicht allein das Ansehen der Tübinger Hohen Schule innerhalb der akademischen Welt, damit waren ebenso beträchtliche wirtschaftliche Einbußen auf kommunaler Ebene verbunden. Merkwürdig erscheint freilich dem Leser unserer Tage, dass die Berufung eines berühmten Fecht- und Reitmeisters wie auch eines Tanz- und Sprachmeisters zur stärkeren Frequenz, ja Wiederbelebung einer dahinsiechenden Universität führen sollte. So absonderlich ist dies aber nicht, zieht doch die Verfasserin selbst von der „guten Einrichtung der Exercitien“ Ende des 16. Jahrhunderts eine Parallele zum 1999 initiierten Bologna-Prozess und dessen Veranstaltungen zum Erwerb von Schlüsselqualifikationen. In der Tat „produzieren“ die deutschen Hochschulen durch die Umsetzung der Bologna-Empfehlungen eine höhere Zahl von Absolventen, fraglich bleibt aber, ob die bloße Integration von Soft-Skill-Kursen in Studienprogramme ausreicht, um eine Berufsbefähigung herzustellen, die den Anforderungen zukünftiger Arbeitgeber genügt. Auch hier gilt: „Historia docet.“

Ein Beitrag von Prof. Dr. Klaus-Peter Schroeder in Momente 2|2017.

Männer von Welt. Exerzitien- und Sprachmeister am Collegium Illustre und an der Universität Tübingen 1594 – 1819. Von Silke Schöttle. Stuttgart: W. Kohlhammer 2016. 598 S., ISBN 987-3-17-031383-5, € 49,-

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