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Schwäbische Tüftler und Erfinder – Abschied vom Mythos?

Dass die wirtschaftliche Blüte Baden-Württembergs dem schwäbischen Tüftler zu verdanken sei, ist einer der beliebtesten Allgemeinplätze der Landesgeschichte. Doch lässt sich die These wissenschaftlich belegen? Gert Kollmer-von Oheimb-Loup, der langjährige Leiter des Wirtschaftsarchivs Baden-Württemberg, stellt schon im Vorwort fest, dass es sich beim schwäbischen Tüftler und Erfinder in Wirklichkeit um eine langjährige Forschungslücke handelt. Auf den folgenden 200 Seiten zergliedert er den Mythos in einzelne Fragen: Was ist ein Tüftler? Wer ist Schwabe? Woher kommt unternehmerischer Erfolg? Was ist wirtschaftliche Innovation?

Viele Unternehmer und Erfinder, die hierzulande erfolgreich waren, stammen nicht aus dem Südwesten – etwa Weck, Knorr oder Dornier. Hinzu kommt, dass der erfolgreiche Tüftler oder Erfinder (Frauen spielten hier leider keine Rolle) nicht notwendigerweise ein erfolgreicher Unternehmer war und ist. Die Finanzierung, der Vertrieb und die Abläufe im Betrieb sind als Produktionsfaktoren mindestens ebenso entscheidend. Kollmer zeigt dies am wissenschaftlichen Modell des „Stage-Gate-Prozesses“, das sechs Schritte unterscheidet, bis sich eine Innovation am Markt durchgesetzt hat: Der letzte und kostenintensivste ist die Markteinführung selbst – weit entfernt vom Ingenieur in seinem Kämmerlein.

Eine weitere Legende, die Kollmer sich kritisch vornimmt, ist die Innovationsfähigkeit der südwestdeutschen Wirtschaft, die angeblich entscheidend ihren Erfolg bewirkt hat. In der ersten Phase der Industrialisierung bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts importierte der

Südwesten wesentliche Innovationen aus der Schweiz, insbesondere in der Leitbranche Textilindustrie. Erst in die zweite Industrialisierungsphase bis 1914 fiel dann 1883 die Basisinnovation des Einzylinder- Viertaktmotors durch Daimler und Maybach. Die „Innovationsdichte“ in Württemberg wurde damals nachweisbar größer. Ein volkswirtschaftlicher Faktor, der sich positiv auf das ganze Land auswirkte, war sie trotzdem nicht: Beim Volkseinkommen rangierte Württemberg bis zum Ersten Weltkrieg nur im Mittelfeld der Länder des Deutschen Reichs. Erst nach 1918 nahm der Wohlstand deutlich zu. Analysiert wird auch die Entwicklung der Patente in Württemberg, wobei eine große Zahl an Patentanmeldungen nicht zwingend eine hohe Innovationsleistung bedeutet. Erfolgreiche Innovationen können auch betriebswirtschaftlicher Art sein und sich auf Nachfrage oder Vertriebswege richten wie bei Georg Kropp, dem Erfinder des Bausparwesens in Wüstenrot.

Liebgewonnene Geschichtsbilder auf ihren faktischen Hintergrund zu prüfen ist eine Herkulesaufgabe. Noch dazu wenn es die Sache verlangt, sich auf spröde wirtschaftswissenschaftliche Begriffe einzulassen. Deshalb nennt der Autor immer wieder bekannte Beispiele und ordnet seine Erkenntnisse in die geschichtliche Entwicklung ein. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Mythos lohnt sich!

Ein Beitrag von Meike Habicht in Momente 1|2018.

Schwäbische Tüftler und Erfinder – Abschied vom Mythos? Innovativität und Patente in Württemberg im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Von Gert Kollmer-von Oheimb-Loup. Stuttgart: Jan Thorbecke 2016. 240 S., ISBN: 978-3799555777, 25 €

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