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Charlotte Herder (1872 bis 1959)
Charlotte Herder (1872 bis 1959)

Eine katholische Verlegergattin als Lazarettvorsteherin

Beide Weltkriege prägten die Biografien von Millionen Menschen. Nicht anders bei Charlotte Herder: Nach einer behüteten Kindheit in wohlsituierten bildungsbürgerlichen Verhältnissen erlebt die spätere Verlegergattin beide Kriege als Augenzeugin.

Charlotte Willmann wird 1872 als drittes von vier Kindern des Prager Professors Otto Willmann geboren.

Im Elternhaus erfährt sie eine umfassende Bildung, auch wenn ihr – wie fast allen Frauen in jener Zeit – ein Studium versagt bleibt. Der tödliche Bergunfall ihres Bruders Heinrich 1889 lässt in der Professorentochter den Wunsch reifen, den Krankenpflegeberuf zu erlernen. So tritt sie 1896 in das Carolahaus in Dresden ein, wo junge Frauen zu Pflegerinnen für den Kriegsfall ausgebildet werden. Im Sommer 1898 lernt sie den Geschäftsmann Hermann Herder kennen, Spross der gleichnamigen katholischen Freiburger Verlegerfamilie. Aus der Anfang 1900 geschlossenen Ehe geht im selben Jahr als einziges Kind die Tochter Elisabeth hervor, deren Ehemann Theophil Herder-Dorneich das Verlagshaus nach dem Tod Hermann Herders ab 1937 leitet.

Beim Kriegsausbruch im August 1914 will Charlotte Herder nicht hinter der patriotischen Umtriebigkeit anderer Frauen der Freiburger Oberschicht zurückstehen. Noch im selben Monat nimmt in den Räumen des Herder’schen Verlagshauses ein privates Lazarett mit ca. 60 Betten seinen Betrieb auf – mit Charlotte Herder als Vorsteherin. Eine ähnlich verantwortungsvolle Tätigkeit wäre ihr als Frau zu Friedenszeiten wohl versagt geblieben, ein Indiz für die umwälzenden Auswirkungen des Weltkriegs auf die Zivilgesellschaft. Charlotte Herder meistert die neue Aufgabe mit Bravour, ungeachtet einer zunehmend katastrophalen Versorgungslage. Finden sich in ihren Tagebuchaufzeichnungen zu Kriegsbeginn noch allerhand patriotische Bekundungen, gewinnen mit der Zeit pessimistisch-niedergeschlagene Stimmungen zunehmend an Gewicht. Das Kriegsende 1918 empfindet Charlotte Herder als schmählich und demütigend, ungeachtet der Freude über die gesunde Wiederkehr ihres Mannes von der Front.

Charlotte Herders privilegierte gesellschaftliche Stellung hilft ihr in beiden Weltkriegen. Zwischen 1939 und 1945 weilt sie häufig am Bodensee oder im stadtnahen Herder’schen Landhaus. In Freiburg erlebt sie indes den britischen Luftangriff am 27. November 1944, der weite Teile der Stadt zerstört. Das Verlagshaus am Rand der Altstadt brennt aus, wird aber kurz nach Kriegsende wieder aufgebaut.


Ein Beitrag von Christof Strauß in Momente 03|2014.

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