Es geht um belastbare Stichproben und um viel Geld

Im Jahr 2022 steht mit dem Zensus eine wichtige Einwohnerzählung an. Denn daraus errechnen sich die Mittel aus dem kommunalen Finanzausgleich. Bei der letzten Umfrage 2011 verloren vor allem große Städte Einwohner und damit viel Geld. Nun kommt es trotz Pandemie auf gute Stichproben an.

01.03.2019, Borkwalde, Brandenburg, In einem Setzkasten befinden sich Figuren in den Deutschlandfarben und dem Wort Zensus. || Mindestpreis 15 Euro

STUTTGART. Der Zensusstichtag am 15. Mai naht. Die Vorbereitungen auf das große Ereignis sind schon im vergangenen Jahr angelaufen. 103 Erhebungsstellen in Baden-Württemberg setzen die Volkszählung um. Dazu suchen sie landesweit 12 000 Interviewer, die möglichst selbst vor Ort Stichproben durchführen. Als Erhebungsbeauftragte sollen sie von Mai bis Juli im Land unterwegs sein und Befragungen durchführen.

Beim Zensus 2022 kommt – wie schon beim Zensus 2011 – ein registergestütztes Verfahren zum Einsatz. Das bedeutet, es müssen nicht wie bei einer traditionellen Volkszählung alle Bürger befragt werden, da die meisten Daten bereits in den Registern der Verwaltung vorliegen, etwa im Einwohnermeldeamt.

Gut besetzte und ausgestattete Erhebungsstellen der Schlüssel

Wegen Corona wurde der für 2021 geplante Zensus auf dieses Jahr verschoben. Wie die Stichproben vor Ort durchgeführt werden können, kommt auch auf die Corona-Lage im Sommer an. Norbert Brugger, Dezernent beim Städtetag, hofft, dass die Erhebungsbeauftragten selbst zu den Befragten gehen können und nicht die Daten telefonisch erfragen müssen. Denn vor Ort lasse sich besser überprüfen, wie viel Personen tatsächlich in einer Wohnung leben, so Brugger.

Der Städtetag verweist darauf, dass gut besetzte und ausgestattete Erhebungsstellen der Schlüssel für möglichst vollständige Einwohnerermittlungen sind. Allerdings könne die Pandemie es Kommunen erschweren, geeignete Interviewer zu finden. Diese müssen im Schnitt rund 120 Haushalte befragen.

Bei der aktuellen Erhebung werden die Befragungen – im Gegensatz zum ersten Zensus – in allen Städten und Gemeinden durchgeführt. Die Anzahl der interviewten Personen erhöht sich allein in Baden-Württemberg von 1,1 auf 1,6 Millionen. Dass es auf flächendeckende Stichproben ankommt, ist eine Lehre aus dem Zensus 2011. Denn die ermittelten Einwohnerzahlen bilden auf die Dauer von zehn Jahren – bis zum nächsten Zensus – die Basis für die Einwohnerzahlenfortschreibung.

Letzte klassische Volkszählung vor 35 Jahren

Der Zensus vor zehn Jahren war die erste registergestützte Volkszählung. Die letzte klassische Zählung fand 1987 statt, wobei alle Bürger zur Auskunft verpflichtet waren. Bis 2013 diente dieses Ergebnis als Basis für die jährliche Bevölkerungsfortschreibung.

Die neue Methode hatte bekanntermaßen weitreichende Folgen: In Baden-Württemberg wurden 2011 durchschnittlich 2,54 Prozent weniger Einwohner gezählt.

Das wirkte sich massiv auf die Finanzen der Städte aus, weil die amtliche Einwohnerzahl unter anderem als Bemessungsgrundlage für den kommunalen Finanzausgleich (FAG) dient. Vor allem Großstädte hatten durch teilweise wesentlich geringere Einwohnerzahlen weniger Geld zur Verfügung. Weil es in Städten und Gemeinden unter 10 000 Einwohnern keine Stichproben gab, seien die Einwohnerzahlen auch nur bei größeren Kommunen aufgrund der Haushaltsstichproben korrigiert worden – meist nach unten, so der Städtetag.

Berlin und Hamburg hatten sich direkt nach Karlsruhe gewandt

Pro Einwohner, hatten Experten errechnet, gab es jährlich rund 1000 Euro weniger aus dem FAG. Allein die Stadt Mannheim hatte auf zehn Jahre gerechnet insgesamt 200 Millionen Euro weniger zur Verfügung. Gegen den Zensus 2011 haben 144 Kommunen in Baden-Württemberg geklagt, in sechs Fällen wurden Musterklagen durchgeführt. Bundesweit waren es 350.

Die Bundesländer Berlin und Hamburg hatten sich direkt an das Bundesverfassungsgericht gewandt. Die Klagen wurden zwar abgewiesen, die Folgen dieser Feststellung schlagen sich aber in der Durchführung des aktuellen Zensus nieder: Nun müssen auch in Städten unter 10 000 Einwohnern Stichproben durchgeführt werden. Laut Städtetag wirkt sich ein fehlender Einwohner in der Stichprobe tendenziell umso stärker auf die Einwohnerzahl aus, je größer die Kommune ist.

Ob es diesmal eine Überraschung geben wird, was die Einwohnerzahlen und die Finanzen der Kommunen angeht? „Im Kern werden die Kommunen wieder das Ergebnis akzeptieren müssen. Im Arbeitskreis Zensus, dem alle Erhebungsstellen angehören, wird sehr gute Arbeit geleistet“, erklärt Brugger.

Alle zehn Jahres am Anfang eines Jahrzehnts

Im Rahmen des Zensus wird ermittelt, wie viele Menschen in Deutschland leben, wie sie wohnen und arbeiten. Mit dem Zensus 2022 nimmt Deutschland an einer EU-weiten Zensusrunde teil, die seit 2011 alle zehn Jahre stattfinden soll. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde der anstehende Zensus von 2021 in das Jahr 2022 verschoben. Durch den Zensus stehen verlässliche Einwohnerzahlen der Gemeinden, der Länder und der Bundesrepublik zur Verfügung. Alle EU-Mitgliedsstaaten sind verpflichtet, alle zehn Jahre, jeweils am Anfang eines Jahrzehnts, einen Zensus durchzuführen. Die Pandemie könnte es allerdings erschweren, Erhebungsbeauftragte zu finden.

Quelle/Autor: Philipp Rudolf

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