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Leseprobe Schlösser 1|2013
Durch den Einzug einer Zwischendecke wurde ein neuer Schlafraum gewonnen
Durch den Einzug einer Zwischendecke wurde ein neuer Schlafraum gewonnen (Foto: Chris Kromer)

Schlafplatz in den Garderoben

LUDWIGSBURG. Durch prunkvolle Gemächer, prächtige Säle und imposante Galerien schreitet der Besucher auf seinem Rundgang durch das Ludwigsburger Residenzschloss. Sie zeugen vom Repräsentationsbedürfnis ihrer fürstlichen Bewohner und veranschaulichen den Luxus adliger Wohnkultur. Aber wo wohnten die zahlreichen dienstbaren Geister, die Diener, Mägde und Zofen?

Von Sabine Rathgeb

Auf den ersten Blick sind die bescheidenen Zimmer des Dienstpersonals, die sich hinter den prächtig verzierten Wänden der herrschaftlichen Prunkräume verstecken, kaum zu entdecken. Unauffällige Tapetentüren und architektonische Dekorationselemente kaschieren Gänge und Treppen, die in die verborgene Welt hinter den Kulissen des schönen Scheins führen. Es ist ein Glücksfall, dass dieser Bereich des Schlosses in seiner baulichen Gestalt fast unverändert die Jahrhunderte überdauert hat. Auch wenn die zumeist karge Möblierung der Dienerräume bis auf wenige Stücke heute verloren ist, vermitteln die niedrigen und nur spärlich mit Tageslicht versorgten Kammern und Gelasse einen geradezu beklemmenden Eindruck vom mühevollen Leben der einfachen Menschen in einer Epoche extremer gesellschaftlicher Gegensätze.

Ohne die unermüdliche Arbeit des Personals wäre die aufwendige Hofhaltung in einer barocken Residenz nicht möglich gewesen. Diese Tatsache war den für das Bauprojekt Verantwortlichen Johann Friedrich Nette und Donato Giuseppe Frisoni durchaus bewusst. Die wohlüberlegte Anordnung der Dienstbotenzimmer und der für die Versorgung des Hofstaates notwendigen ökonomischen Einrichtungen wie Küchen, Ställe, Heizungsanlagen, Nebentreppen und Korridore spielten bei der Konzeption des Grundrisses eine nicht unbedeutende Rolle. Allerdings war bei der Planung des Alten Hauptbaus, der zunächst nur als Jagdschloss dienen sollte, auf diesen Aspekt noch keinen so großen Wert gelegt worden. Die unzureichenden Unterbringungsmöglichkeiten für Gäste und Personal erwiesen sich jedoch als problematisch und führten dazu, dass der Bauherr, Herzog Eberhard Ludwig, das Schloss nach und nach erweitern ließ.

Im östlichen und westlichen Kavaliersbau gibt es einen durch die gesamte Breite des Gebäudes verlaufenden Korridor, zu dem alle Zimmer eine Zugangstüre besitzen, so dass das Dienstpersonal vom Gang aus jeden einzelnen Raum betreten konnte, ohne durch die übrigen herrschaftlichen Zimmer hindurchzugehen.

Die Verwaltung des Hofstaates war darauf bedacht, dass sich die Wohnräume der Bediensteten möglichst nahe bei ihrem Arbeitsplatz befanden. So waren beispielsweise die Angestellten der Schlossküche in den oberen Stockwerken des Küchenbaus einquartiert, der Hofkaffeesieder verfügte über eine Wohnstube und ein Schlafzimmer direkt neben der Kaffeekammer im Erdgeschoss des Theaterpavillons. Weniger gut hatte es der in der Hierarchie des Hofstaates auf einer der untersten Stufen stehende Aschenträger getroffen, welcher die Kamine und Öfen zu reinigen hatte. Ihm wurde als Unterkunft ein Raum im Keller des Neuen Hauptbaus in der Nähe des Aschengewölbes zugewiesen. Durch das auf einen engen Innenhof blickende Fenster fiel selbst tagsüber kaum Licht in sein Zimmer. Die Wände waren das ganze Jahr über feucht und kalt. Weiteres Personal mit einem weniger spezifischen Aufgabenbereich war in den Zimmern des ausgebauten Mansardendaches untergebracht. Nicht nur der Herzog und seine Familie verfügten über Dienstboten, sondern auch die höheren Hofbeamten.

Eine Sonderstellung nahm die persönliche Leibdienerschaft ein. Sie bildete ein eigenes Hofamt, die „Garderobe“. Dem Nachfolger Herzog Eberhard Ludwigs, Carl Eugen, diente der Kammerdiener Golter insgesamt 60 Jahre lang. Er führte seit 1745 den Titel eines Hofkammerrates. Golter bewohnte ein großes Zimmer im Erdgeschoss des östlichen Kavaliersbaus. - Der geheime Kämmerer Hector Bellcombe beaufsichtigte die herzoglichen Wohnräume und das gesamte Garderobenpersonal. Zusammen mit seiner Frau, der Leinwandverwalterin Magdalene Barbara Bellcombe, logierte er im zweiten Geschoss des Neuen Corps de Logis in einem Nebenraum des Carl-Eugen-Appartements. Die Wohnräume der übrigen Dienstboten lagen in der Beletage in unmittelbarer Nähe des herzoglichen Schlafzimmers. In den Schlossinventaren werden diese Zimmer Garderoben genannt, so dass sich der Name mit der Bezeichnung des Hofamtes deckt.

Den fürstlichen Appartements in der Beletage des Neuen Hauptbaus sind sowohl in der östlichen als auch in der westlichen Flügelhälfte zwölf Garderoben zugeteilt. Diese beeindruckende Anzahl von Dienerschaftszimmern war bei der Planung des Neubaus 1725 noch nicht vorgesehen. Sie entstanden auf ausdrücklichen Wunsch Herzog Eberhard Ludwigs, indem man ab 1727 Zwischendecken eingefügte und so die ursprüngliche Zahl von jeweils sechs Garderoben verdoppelte. Die Möblierung der Dienerräume war zweckmäßig. Am kostbarsten eingerichtet war die direkt neben dem Alkoven des herzoglichen Schlafzimmers zum Innenhof gelegene Garderobe, deren Decke eine aufwendige Stuckverzierung aufweist. Leider verraten die Schlossinventare nicht, wer dort schlief. Die Einrichtung der übrigen Räume, in denen teilweise Schränke und Wäschetruhen sowie einfache Bettkästen, Tische und Stühle standen, weisen auf die Multifunktionalität der Garderobe als Kleiderdepot und Wohnstätte des Personals hin.

Wer sich bei der beliebten Schlossführung „Blick hinter die Kulissen“ hineinbegibt in den Lebensbereich der Dienerschaft ist erstaunt über die massiven Gegensätze zwischen der Welt des Prunks und deren Schattenseite, die sich quasi Tür an Tür nebeneinander befinden. Dennoch muss man bedenken, dass es den Bediensteten im Schloss, verglichen mit anderen Menschen im 18. Jahrhundert, doch relativ gut ging.

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