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Leseprobe Schlösser 2|2013
Elizabeth Stuart (1596-1662), Gemälde von Robert Peake d. Älteren, 1603
Damenmode um 1600: Wie diese aussah zeigt Elizabeth Stuart (1596-1662) auf diesem Gemälde von Robert Peake d. Älteren, im Jahre 1603 (Foto: National Maritime Museum, Greenwich/London)

Krinoline und Leibchen

HEIDELBERG. Bezaubernd sieht die kleine Elizabeth Stuart im Alter von sieben Jahren aus: Die spätere Braut des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz ist vornehm und wie eine Erwachsene gekleidet. - Fürstliche Porträts geben nicht nur einen Eindruck vom Aussehen historischer Persönlichkeiten, sondern sind auch wertvolle Quellen zur adeligen Mode ihrer Zeit. Am Beispiel dieses Gemäldes lassen sich einige Rückschlüsse auf die Damenmode um 1600 ziehen.

Von Petra Pechacek

Im Jahre 1603 endete mit dem Tod von Elizabeth I., Tochter von König Henry VIII., die Herrschaft der Tudor-Dynastie in England. Von nun an regieren die Stuarts über das Inselkönigreich. Elizabeths Nachfolger, James I., ist der Sohn ihrer Cousine Maria Stuart. Vermutlich hat der neue Regent seine nach der aktuellen Mode gekleidete Tochter bereits wenige Monate nach seiner Thronbesteigung durch den englischen Maler Robert Peake d. Ä. (ca. 1551 – 1619) porträtieren lassen.

Wohlhabende Frauen trugen in England um 1600 ein Gewand, das aus verschiedenen Teilen bestand: Das Oberteil wurde aus einem Leibchen mit verstärkter Vorderseite, einem „Vorstecker“, und zwei voluminösen, zu den Handgelenken schmaler auslaufenden Ärmeln gebildet. Der Rock wurde – wie im Falle des Porträts – über einem farbigen Untergewand getragen und bestand aus einem weit ausgestellten und in lockeren Falten fallenden Überrock aus einem schweren Stoff wie Atlas oder Seide und einem um die Taille verlaufenden, ausladenden Stoffvolant, der einen oberen, tellerartigen Abschluss des Rockes bildete und die Spitze des Leibchens und somit die schlanke Taille der Dame betonte. Leibchen, Ärmel und Rock waren häufig überreich mit Stickereien und Spitzenapplikationen verziert und zeigten neben den zur Schau gestellten Schmuckstücken wie wohlhabend ihre Trägerin war.

Elizabeth ist ganz in jungfräuliches Weiß gekleidet. Der schwere, schimmernde Stoff ist lediglich an der Vorderseite mit einer senkrecht verlaufenden Reihe von zwölf vierblättrigen roten Blüten, deren Blütenstempel abwechselnd durch eine Perle bzw. einen Edelstein gebildet wird, und dazwischen angebrachten Perlen verziert. Weitere kostbare Blüten schmücken als Bordüre den Saum des viereckigen Ausschnitts sowie die Ansätze der weiten Ärmel. Die Taille ist durch ein juwelenbesetztes Band betont, den Ausschnitt umrahmt ein hochgestellter durchsichtiger Spitzenkragen, die Ärmelaufschläge sind ebenfalls aus duftiger Spitze gefertigt. Die vornehme Toilette ergänzen ein klappbarer Fächer, eine Kette aus Perlen und Rubinen, ein juwelenbesetzter Haarschmuck, ein an den linken Ärmel geheftetes Schmuckstück, ein um den rechten Arm gewundene kostbare Kette und zierliche weiße Seidenschuhe mit halbhohem Absatz.

Bis eine wohlhabende Dame dem erwünschten Gesamtkunstwerk glich, musste eine komplizierte und zeitintensive Prozedur durchlaufen werden, wie Jane Ashelford in „The Art of Dress“ berichtet. Zunächst wurde das von der Zofe angewärmte Unterhemd übergestreift. Darüber zog man das mit Draht und Walbein versteifte Leibchen, das mit dem Unterrock verbunden war. Über den gebauschten Unterrock wurde eine Radkrinoline aus Weide, Draht bzw. Walbein gestreift. Diese spanische Erfindung war in den 1580er-Jahren über Frankreich nach England gekommen. Die Radkrinoline führte den Stoff des Überrockes waagrecht vom Körper weg und ließ ihn dann senkrecht zu Boden fallen. Über den Reifrock wurde ein reich verzierter Überrock gezogen. Eine enorme, kreisförmige, um die Taille gelegte Rüsche verdeckte den sich unter dem Stoff abzeichnenden Rand der Drahtkonstruktion. An das Oberteil wurden ein hochgestellter Spitzenkragen und zierliche Spitzenbündchen mit kleinen Nadeln angesteckt. Zuletzt wurden die Juwelen an der Kleidung befestigt und ein Gürtel um die Taille gelegt.

Zum Schönheitsideal der Zeit gehörte auch die vornehme Blässe, die adelige Damen durch das Auftragen einer weißen essig- und bleihaltigen Paste erzielten. Diese frühneuzeitliche Grundierung übertünchte zwar in exzellenter Weise Falten und Altersflecken, führte jedoch allmählich zu vernarbter Haut, Haarausfall und tödlichen Bleivergiftungen. Alternativ trug man eine Mischung aus zerriebenem Alabaster oder Stärke und Parfüm auf. Wangen und Lippen wurden mit pflanzlichen oder tierischen Stoffen gerötet und das gesamte Make-up anschließend mit Eiweiß fixiert, was der Trägerin einen prozellanhaften Teint verlieh. Als vornehm galt auch die hohe aristokratische Stirn. Auch die kleine Elizabeth trägt auf dem Porträt die Haare hoch aus dem Gesicht gekämmt. Eine Unterkonstruktion aus Draht brachte die Frisur in die richtige Form. Rötliches Haar war seit Königin Elizabeth I. sehr en vogue – die junge Prinzessin entsprach somit ganz dem Schönheitsideal der Zeit.

Der in zahlreiche Falten gelegte Unterrock, das enge Mieder, die mit Draht und Walbein versteiften großen Ärmel und die tonnenförmige Krinoline ließen die weibliche Silhouette zwar sehr hoheitsvoll, jedoch auch äußerst unnatürlich wirken. Im Idealfall war der gesamte Rockaufbau in der Art gekippt, dass der Rocksaum auf der Rückseite etwas angehoben und auf der Vorderseite etwas abgesenkt war, so dass seine Trägerin bequem ihre Hände auf dem enormen Stoffvolant ablegen konnte.

Die kostbaren Stoffe wie z.B. Seide stammten aus China oder dem Mittleren und Nahen Osten, später auch aus Oberitalien. Edelsteine wie Diamanten, Rubine, Saphire und Smaragde wurden aus Indien, Burma und Kolumbien bezogen. Besonders gefragt waren Perlen aus dem Persischen Golf, die als Symbol für Reinheit und Jungfräulichkeit angesehen wurden und zum Lieblingsschmuck der englischen Königin Elizabeth I. zählten.

Die radförmige Krinoline blieb bis zum Tode von Elizabeths Mutter, Königin Anne, im Jahre 1619 das obligatorische Bekleidungsstück für eine Dame am königlichen Hof. Anstelle des sehr engen Leibchens trugen die Damen immer häufiger ein etwas lockerer sitzendes Jäckchen mit kurzen Schößen. Um 1730 waren die Kleider weniger ausladend und dezenter gemustert – die Mode der Renaissance wurde durch den barocken Geschmack abgelöst.

Mehr über Elizabeth Stuart und ihre prächtige Hochzeit im Jahre 1613 erfährt man in der Ausstellung „Macht des Glaubens“ im Schloss Heidelberg und im Kurpfälzischen Museum der Stadt Heidelberg vom 12. Mai bis 15. September 2013. Hier wird auch das lebensgroße Porträt der Prinzessin aus dem National Maritime Museum in Greenwich/London zu sehen sein.

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