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Leseprobe Schlösser 2|2015
Schloss Solitude
Schloss Solitude (Foto: Staatsanzeiger)

Kabinett-Stückchen

STUTTGART. Schloss Solitude, im Grünen, unweit von Stuttgart gelegen, ist ein Kleinod in der Schlösser-Landschaft Baden-Württembergs. Im Rokokobau des Herzogs Carl Eugen befinden sich je sechs herrschaftliche Gemächer und Kabinette als Glanzpunkte am Ende eines Rundgangs. Von der früheren Pracht ist aber leider nicht alles erhalten geblieben.

Von Sabine Rathgeb

In der Baukunst des 17. und 18. Jahrhunderts sind Kabinette kleine Räume, die häufig keine praktische Funktion besitzen und nicht für einen längeren Aufenthalt bestimmt sind. Umso kostbarer wurden diese an sich überflüssigen und deshalb durch ihre bloße Existenz luxuriösen Nebenzimmer ausgestattet beispielsweise als Porzellan-, Lack- oder Spiegelkabinette. Einen wirklichen Nutzen hatten sie lediglich als Schreib- und Studierzimmer oder als Rückzugsräume für private Unterredungen. In Schloss Solitude, das vor 250 Jahren von Herzog Carl Eugen von Württemberg erbaut wurde, befinden sich auffällig viele Kabinette. Die besondere Vorliebe für diese Raumform in dem herzoglichen Lustschloss erklärt sich aus seiner Bestimmung als reiner Repräsentationsbau.

Die Anzahl von größeren und kleinen Zimmern hält sich in der Beletage von Schloss Solitude die Waage. Abgesehen vom zentralen Saal umfasst die Raumfolge sechs herrschaftliche Gemächer und eben so viele Kabinette. Nach den Vorschriften des Hofzeremoniells traten die Gäste im 18. Jahrhundert – anders als die heutigen Besucher – durch den Saal in der Mitte ein. In einem Bauwerk, das vor allem durch sein prächtiges Interieur beeindrucken sollte, bildeten die kleinen aber exquisit eingerichteten Nebenzimmer gleichsam einen besonderen Glanzpunkt am Ende des Rundgangs und überraschten durch ihre hochwertige Ausstattung. Von dieser ist heute leider nur noch wenig vorhanden, da fast alle Gegenstände bis hin zu den in die Wandvertäfelung eingelassenen Gemälden zwischen 1797 und 1807 aus dem Schloss entfernt wurden. Zurück blieben lediglich die mit der Wand fest verbundenen Teile, die die einstige Pracht immerhin noch erahnen lassen.

Zwei am westlichen Ende des Schlosses gelegene Kabinette sind Bestandteil des Appartements von Herzog Carl Eugen. Als Schreibkabinett und Bibliothek unterstreichen sie die wissenschaftlichen Interessen des Bauherrn und weisen ihn als aufgeklärten Fürsten aus, der den Aufenthalt in seinem abgelegenen Landschloss dazu nutzt, seinen Verstand zu bilden. Dazu passend zeigen die vergoldeten Schnitzereien und Stuckdekorationen im Schreibkabinett Gerätschaften aus dem Bereich der Geographie und Astronomie wie einen Globus, den Tierkreis, verschiedene Messinstrumente und Fernrohre. Auf den drei nicht erhaltenen Supraportenbildern von Hofmaler Guibal waren die Mathematik und andere Wissenschaften dargestellt. Die Einrichtung bestand aus einem vergoldeten Konsoltisch mit drei Schubladen, der als Schreibtisch diente. Zur Ausstattung gehörten außerdem fünf blau bezogene Sessel, ein Schreibzeug aus Porzellan, sieben auf dem Kaminsims aufgestellte Porzellanvasen sowie eine Automatenuhr aus Bronze mit einem Kanarienvogel. Im Bibliothekskabinett sind von der Originaleinrichtung noch die eingebauten Bücherschränke mit Glastüren sowie eine Kommode vorhanden. Außerdem stand dort ein mit braunem Stoff bezogener Sessel mit einem Fußschemel, auf dem es sich der Herzog beim Lesen bequem machen konnte. Das kostbarste Einrichtungsstück war eine Uhr in einem Schildpattgehäuse mit silbernen und goldenen Verzierungen. Die Wandvertäfelung des Raumes ist mit einer Lackarbeit versehen, die die Maserung von Palisanderholz bzw. Wurzelfurnier imitiert. Auf den heute fehlenden Supraporten von Guibal waren Büsten der antiken Autoren Homer und Cicero abgebildet.

Das rote Lackkabinett liegt im östlichen Flügel. Fast unsichtbar ist die Türe in die Wandvertäfelung des Assembléezimmers eingefügt. Im Unterschied zu allen übrigen Kabinetten verfügt es nämlich über einen zweiten Zugang durch das angrenzende Malereikabinett, so dass die Hofgesellschaft den zum vertraulichen Gespräch geladenen Gast mitunter überhaupt nicht zu Gesicht bekam. Besonders reizvoll ist der starke optische Kontrast zwischen den in kräftigem Rot lackierten Wänden dieses kleinen Raumes und dem in Türkisblau gehaltenen Gesellschaftszimmer. Drei weitere Kabinette, die sich um das Musikzimmer gruppieren, dürften den zeitgenössischen Besucher durch ihre reiche Ausstattung beeindruckt haben. Im roten und grünen Malereikabinett waren insgesamt 58 Gemälde mit römischen Ruinen aus der Werkstatt des herzoglichen Hofmalers Adolf Friedrich Harper in die Wandvertäfelung eingelassen. Ebenso wie das einst mit Früchtestilleben und Porzellan geschmückte Gelbe Kabinett sind diese Räume heute unmöbliert und werden deshalb im Rahmen von normalen Schlossführungen nicht gezeigt.

Im Sockelgeschoss des Schlosses befinden sich weitere Kabinette. Am kostbarsten dekoriert ist das Scagliola-Kabinett auf der Westseite. Es besaß ursprünglich eine textile Wandbespannung mit Blumenmuster im asiatischen Stil (Pequin). Diese wurde 1772/73 durch eine Steineinlegearbeit (Scagliola) ersetzt. Das Verfahren zur Herstellung des nach Wunsch eingefärbten künstlichen Marmors ist sehr aufwendig, so dass die heute noch erhaltenen Wandfelder von der Kunstfertigkeit der im Dienst des Herzogs stehenden Handwerker zeugen. Die übrigen Räume im Sockelgeschoss sind in Freskotechnik ausgemalt. Selbst in der Blütezeit der Solitude waren die zu ebener Erde gelegenen Zimmer niemals vollständig möbliert und wurden daher vermutlich auch nicht genutzt. So besaß das gesamte Schloss schon in der Zeit Carl Eugens einen musealen Charakter, der durch die zahlreichen Kabinette unterstrichen wurde. Als Aufenthaltsräume kaum geeignet dienten sie der Präsentation von Kunstwerken, kostbaren Möbeln und kunsthandwerklichen Dekorationsformen.

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