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Leseprobe Schlösser 2|2016
Glaskorrosion hat dieses Sektglas aus Schloss Favorite gezeichnet (Foto: SSG)
Glaskorrosion hat dieses Sektglas aus Schloss Favorite gezeichnet (Foto: SSG)

Historische Gläser als Forschungsobjekte

RASTATT-FÖRCH. Sie ist kostbar und birgt unersetzliche Schätze: die von der Markgräfin Sibylla Augusta von Baden im 18. Jahrhundert zusammengetragene Glassammlung in Schloss Favorite (Rastatt-Förch). Aber den wertvollen Stücke droht Gefahr durch Glaskorrosion. Ein Forschungsprojekt geht jetzt den Ursachen dafür auf den Grund.

Von Barbara Erbsen-Haim

Restauratoren waren in den letzten Wochen damit beschäftigt, die Vitrinen in Schloss Favorite umzurüsten, um für die Exponate bessere Bedingungen zu schaffen. Sie reagierten damit auf erste Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung und Bestandsaufnahme. Kooperationspartner sind seit gut einem Jahr die Staatlichen Schlösser und Gärten (SSG) und das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Bronnbach. „Als erste Schlösserverwaltung haben wir ein solches Forschungsprojekt zu den Auslösern und dem Verlauf der Glaskorrosion in Auftrag gegeben“, erklärt SSG-Geschäftsführer Michael Hörrmann. „Die Frage ist, wie wir das kulturelle Erbe präsentieren können, ohne es zu zerstören.“ Die Spezialisten haben die Aufgabe herauszufinden, warum ein Teil der historischen Gläser aus der Sammlung des Schlosses Favorite unter Glaskorrosion leidet und andere Exponate kaum oder gar nicht betroffen sind.

Für die Fachleute ist Schloss Favorite ein spannendes Experimentierfeld. Denn hier stehen die historischen Gläser nicht in einem Museumsklima, sondern in einer Umgebung, die den jahreszeitlichen Einflüssen unterliegt. Schloss Favorite ist nicht klimatisiert und nicht geheizt. Im Sommer, wenn der Besucherandrang und die Sonnenscheindauer am höchsten sind, und in kalten Wintern kann es zu extremen Temperaturen kommen. „Die Gläser machen diese Temperaturschwankungen seit Jahrhunderten mit“, erklärt Werner Hiller-König, der für diesen Bereich zuständige Restaurator der SSG. Die Ausgangssituation für die Untersuchungen ist perfekt: Alle Gläser sind fast 300 Jahre alt und stammen aus derselben böhmischen Glashütte. Aber ihr Erhaltungszustand ist vollkommen unterschiedlich, obwohl sie im gleichen Umfeld aufbewahrt werden.

Die Fachleute des Fraunhofer-Instituts hatten letztes Jahr im Winter und im Sommer Glassensoren eingesetzt, die auf das Feld reagieren, das die zerbrechlichen Stücke umgibt. Gemessen wurden die Temperatur, die Feuchtigkeit und korrosive Elemente, das heißt chemische Stoffe, die Schäden verursachen können. Essigsäuren zählen dazu. Silikon, das in den Abdichtungen der Vitrinen enthalten ist, kann beim Aushärten Essigsäure abspalten. „Jetzt wurden die Abdichtungen aus den Vitrinen entfernt, sodass diese besser belüftet werden können“, so Werner Hiller-König. Es handelt sich um etwa 100 Vitrinen. Rund 20 von Glaskorrosion betroffene Exponate wurden herausgenommen, um jetzt eingehend untersucht zu werden.

Das Thema birgt viele offene Fragen. Werner Hiller-König: „Bisher ist die Nomenklatur, das Vokabular, mit dem das Schadensbild beschrieben und verglichen werden kann, noch nicht einheitlich – weder in der deutschen noch in der internationalen Forschung.“ Was genau ist Glaskorrosion? „Ist es vielleicht nichts anderes als ein rasch - und unterschiedlich - ablaufender Alterungsprozess, der in der Natur des Materials liegt“? Krakelierungen bei Gemälden gehören zum natürlichen Alterungsprozess. Ist das beim Glas auch so? Brisant für historische Sammlungen: Was zerstört ist, kann nicht mehr restauriert werden. Wie also sind historische Gläser aufzubewahren – und wie auf keinen Fall?

Das Forschungsprojekt mit dem Fraunhofer-Institut geht weiter. In einem zweiten Schritt werden Messmethoden in einer Klimakammer angewandt, die noch nie bei neuzeitlichen Gläsern eingesetzt wurden. Die einzelnen Phasen der Glaskorrosion – schmierige Oberflächen, Wölkchenbildung, und Krakelee – werden dokumentiert. Da gewisse Untersuchungen nicht zerstörungsfrei sind, arbeiten Wissenschaftler und SSG-Fachleute mit Kollegen der Veste Coburg zusammen. Dort gibt es umfangreiche Sammlungen von Gläsern beginnend bei der italienischen Renaissance bis hin zum Ende des 20. Jahrhunderts. Die Coburger stellen für die Untersuchungen „richtig kaputte Gläser“ zur Verfügung. Ein Symposium zum Thema ist geplant. Die Ergebnisse werden auch für andere Einrichtungen, die über barocke Glassammlungen verfügen, von Nutzen sein.

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