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Leseprobe Schlösser 3|2018
Scherztrinkgefäße aus Schloss Favorite in Rastatt-Förch (Foto: SSG)
Scherztrinkgefäße aus Schloss Favorite in Rastatt-Förch (Foto: SSG)

Spott statt Trinkgenuss

RASTATT-FÖRCH. Die Keramiksammlung in Schloss Favorite (Rastatt-Förch) ist berühmt. Es befinden sich darunter nicht nur asiatische Kostbarkeiten, sondern vor allem frühe Meißner Porzellane, Lackwaren imitierendes Böttger Steinzeug und die phantasievollen Schaugerichte in Tier- und Gemüsegestalten aus Straßburger Fayence. Weniger bekannt ist, dass sich im Lustschloss von Markgräfin Sibylla Augusta von Baden-Baden (1675-1733) auch rund 500 historische Gläser erhalten haben. Beispielsweise diese beiden außergewöhnlichen Objekte: ein sogenanntes „Feierabendglas“ und ein „Schnapshund“. Zwei Scherztrinkgefäße, die bei Tisch durch ihre Gestalt und den nicht so einfachen Gebrauch für Belustigung sorgen sollten.

Von Petra Pechaček

Scherztrinkgefäße aus Schloss Favorite in Rastatt-Förch (Foto: SSG)

Wenden wir den Blick zunächst kurz auf die Geschichte der Glasherstellung: Die ältesten erhaltenen Glasobjekte stammen aus der Zeit um 1.600 v.Chr. aus Mesopotamien. Im Laufe der Antike gelangte das Wissen über Ägypten in den Mittelmeerraum. Rege Handelsbeziehungen ließen im Mittelalter mit Venedig ein neues Glaszentrum entstehen. Seit dem 13. Jahrhundert wurden venezianische Gläser in die Länder nördlich der Alpen exportiert. Vor allem das farblose Glas, das „Cristallo“, war seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts beliebter als das einheimische grüne Waldglas, dem als Flussmittel Pottasche zugesetzt wurde. Die darin enthaltenen Rückstände von Eisenoxid ergaben das weniger geschätzte blau- oder 

grünstichige Glas. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gelang dann in Böhmen die Erfindung des „böhmischen Kristalls“, bei dessen Herstellung dem Gemenge aus Sand und Pottasche Kalk in Form von Kreide beigemischt wurde.

Edle Glaspokale mit oder ohne Deckel, Karaffen, Flaschen, zerbrechliche Likörschalen, Becher, Glasteller aber auch Anbieteplatten auf Standfüßen zierten im 17. und 18. Jahrhundert die fürstlichen Tafeln. Für Vergnügen bei Tisch sollten auch die Scherztrinkgefäße dienen. Meistens war ein bestimmter Kniff vonnöten, der das Leeren dieser auch als Vexiergläser (von lat. vexare = plagen, quälen) bezeichneten, absonderlich geformten Gefäße überhaupt ermöglichte.

Sibylla Augusta - erzogen auf ihren böhmischen Gütern in Schlackenwerth - besaß eigene Glashütten. Zu den zerbrechlichen Kostbarkeiten aus ihrer Glassammlung zählen auch einige ungewöhnliche Gefäße: Das erste Beispiel ist ein sogenannter „Schnapshund“, aus farblosem Glas in der Form eines Hundes gefertigt. Der Körper ist zweifach eingezogen und ruht auf vier hohlen Glasfüßen. Die mit einer Zange zusammengedrückten Enden deuten die Pfoten an. Der hohl gefertigte Kopf ähnelt mehr dem eines Vogels mit appliziertem Schnabel, Augen, Ohren und Federn am Oberkopf. Diese dreieckigen, spitzen „Federn“ gaben ihm auch die Bezeichnung „Drache“. Die Rute ist als rückseitiges, weites Ausgussrohr gebildet, das an den Lippen angesetzt werden konnte. Die Kunst bestand darin, das Gefäß in einem Zug zu leeren, ohne die Oberbekleidung zu durchnässen.

Eine ähnliche Herausforderung stellte die Benutzung eines sogenannten „Feierabendglases“ dar. Dieses Scherztrinkgefäß besteht aus einem schlichten, mächtigen, farblosen Glaspokal auf breitem Standfuß. In der Mitte des Trinkgefäßes befindet sich ein weites Glasrohr, das mit einem Hirsch bekrönt ist. Der gläserne Körper des Tieres ist hohl, die Beine sind abknickend zum Glasrohr geführt. Geweih, Augen, Schnauze und Wedel sind aus Glas appliziert. Wollte man nun diesen wohlgefühlten Pokal leeren, so musste man seine Lippen an der Schnauze des Hirsches ansetzen und die Flüssigkeit über das Glasrohr zum Mund hochsaugen. Das funktionierte jedoch nur, wenn man gleichzeitig eine Öffnung auf der Rückseite des Hirsches unter dem Wedel zuhielt. Unkundige Gäste werden sich hier vergeblich bemüht haben, Wein oder Ähnliches elegant zu sich zu nehmen. Alles, was ihnen blieb, war heiße Luft und der Spott der Tischgesellschaft!

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