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Leseprobe Schlösser 4|2012
Der Zuschauerraum des Ludwigsburger Schlosstheaters mit der großen Königsloge für Friedrich I.
Der Zuschauerraum des Ludwigsburger Schlosstheaters mit der großen Königsloge für Friedrich I. (Foto: LMZ, Sven Grenzemann)

Ein königliches Logenhaus

LUDWIGSBURG. Im Pavillon zwischen dem östlichen Kavaliersbau und der Ahnengalerie des Residenzschlosses Ludwigsburg befindet sich eine Rarität der europäischen Theatergeschichte: das Schlosstheater. Es wurde 1758/59 unter Herzog Carl Eugen von Württemberg (1728-1793) im Rokokostil eingerichtet und Anfang des 19. Jahrhunderts unter König Friedrich I. von Württemberg (1754-1816) klassizistisch umgestaltet.

Von Linda Prier

Die Schlossanlage in Ludwigsburg gibt das Theater und seine Funktion nach außen hin nicht zu erkennen. Architektonisch und funktionell präsentiert sich das private Hoftheater dem Besucher damals wie heute nur aus dem Inneren heraus. Diese Tatsache könnte darauf zurückgeführt werden, dass die Residenz ursprünglich bei ihrer Grundsteinlegung am 7. Mai 1704 nicht als Vierflügelanlage mit einer Größe von 55.300 Quadratmetern geplant gewesen ist und ebenso keinen Theaterbau vorsah. Ursprünglich sollte unter dem Erbauer und Namensgeber der Residenz, Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1693-1733), lediglich ein dreigeschossiges Jagdschloss entstehen. Während der Bauarbeiten stieg jedoch das Interesse Eberhards an einer absolutistischen Hofhaltung. Das sich im Bau befindliche Schloss sollte als „schwäbisches Versailles“ Schauplatz für Jagden, Feuerwerke, Maskeraden und französisches Schauspiel werden. Was noch fehlte, war ein Theater.

Doch erst unter Herzog Carl Eugen, der im März 1744 mit 16 Jahren die Regentschaft in Württemberg antrat, wurde ein festes Theater in Ludwigsburg eingerichtet. Während seiner Regierungszeit erlebten die darstellenden Künste und die Musik eine nie dagewesene Blütezeit am württembergischen Hof. Am 12. April 1758 begannen die Bauarbeiten für das Theater im östlichen Pavillon der Ludwigsburger Schlossanlage. Der zuständige Architekt war  Philippe de la Guêpière (1725-1773), in Frankreich ausgebildet. Die technische Leitung und die Organisation lagen beim Maschinisten Johann Christian Keim (1721-1787). Die Dekorationsmalerei wurde von Carlo Innocente Colomba (1686-1775) übernommen. In nur eineinhalb Jahren war das Theater eingerichtet. Es bestand wohl aus einer Bühne mit sechs Kulissengassen und einem dreigeschossigen Zuschauerraum. Dieser war in Form einer Glocke zur Bühne hin geöffnet und reichte mit seinen Rängen direkt bis an diese heran. Zeitgemäß war die in den Raum konvex gewölbte Herrscherloge im ersten Rang.

1797 bestieg Herzog Friedrich II. (1754-1816) den Thron, der spätere König Friedrich I. von Württemberg (1806). Bei seinem Regierungsantritt war der Ruhm des Ludwigsburger Schlosstheaters schon Vergangenheit. Als aufgeklärter Herrscher ließ Friedrich die herrschaftlichen Bauten an die zeitgenössische Mode, den Klassizismus, anpassen. Hofbaumeister Nikolaus Friedrich von Thouret (1767-1845) leitete die erste Umbauphase am Ludwigsburger Schlosstheater von 1796 bis 1802. Die Umgestaltung sollte den Übergang vom barocken Hoftheater Herzog Carl Eugens, das vorrangig der Selbstinszenierung des Herrschers und der hierarchischen Gliederung der Ständegesellschaft diente, zum reformierten Hoftheater König Friedrichs deutlich machen. Aus einem Rang-Logentheater sollte ein ansatzweise modernes amphitheatralisch angelegtes Zuschauerhaus geformt werden. Thouret musste Kompromisse sowohl finanziell als auch künstlerisch architektonisch eingehen. 

Im April 1804 erhielt des Theater eine komplett neue Beleuchtung mit 282 Öllampen. 1805 kam es zu einer noch heute präsenten Bauänderung: Im ersten Rang an der Westwand vor der Bühne wurde eine hellblau ausgestattete zweite, sehr viel kleinere Königsloge angelegt. Nun gab es für den Herrscher eine Sitzgelegenheit unmittelbar am Bühnengeschehen und somit am Vermittlungsinhalt des Gezeigten und musikalisch Dargebotenen. Hier soll sich König Friedrich I. bevorzugt im Theater aufgehalten haben.

In der zweiten großen Umbauphase, 1812, erfolgte die Begradigung der Königsloge. Sie erhielt nach palladianischem Vorbild einen Rundbogen, der sich in der Höhe über den ersten und zweiten Rang erstreckt. Bekrönt wurde die Loge mit dem Wappen des Hauses Württemberg und der Königskrone. Durch die Begradigung hat Thouret die ursprüngliche Glockenform mit ihrer barocken Schwingung in eine geradlinige klare U-Form umgewandelt. Denn die Ränge im Grundrissverlauf La Guêpières waren aus der Perspektive der zeitgenössischen klassizistischen Mode nicht weiter tragbar. Um dem Ideal des amphitheatralischen Theaters näher zu kommen, ließ Thouret die konvex ausschwingenden Ausbuchtungen begradigen, in dem er die eingezogenen Rangflächen verbreiterte. Durch diese Methode, also den untersten Rang sehr stark in die Tiefe zu führen und die darüber liegenden Ränge in ihrer Breite zurück zunehmen, entstand der Ansatz eines Amphitheaters. Der Raumeindruck wurde luftiger.

Bühne und Maschinerie blieben von den Umbauten weitgehend unberührt. Thouret behielt bestehende Elemente bei, gestaltete diese aber durch kleinere Veränderungen wie klassizistischen Applikationen in Form von Rosetten und einer neuen zeitgemäßen Farbgebung um. Beispiele für die oberflächliche Veränderung des Theaters kann man leicht erkennen. Das Kranzgesims des ersten Ranges stammt wohl aus der Erbauungszeit. Es wurde nach zeitgenössischem antikem Vorbild mit eingelassenen Rosetten in Kassettierungen zwischen dem Zahnschnitt simpel modernisiert. Auch das Gebälk wurde klassizistisch überarbeitet. Die Grisaillemalereien mit Puttidarstellungen im zweiten Rang stammen mit Sicherheit aus der Zeit Friedrichs, es handelt sich um Entwürfe Thourets.

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