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Leseprobe Schlösser 3|2017

Barocker Reliquienschrein aus dem Rastatter Kirchenschatz (Foto: SSG, LMZ, Arnim Weischer)
Barocker Reliquienschrein aus dem Rastatter Kirchenschatz (Foto: SSG, LMZ, Arnim Weischer)

Halbedelsteine und Elfenbein

RASTATT. Samstag, 21. Oktober 1775: In einer feierlichen Prozession ziehen die Piaristen vom Sanktuarium in die nebenan gelegene Schlosskirche zum Heiligen Kreuz. Es ist der vierte Todestag von August Georg Simpert, dem letzten katholischen Markgrafen von Baden und jüngstem Sohn von Markgräfin Sibylla Augusta, der berühmten Rastatter Bauherrin. Zu diesem Anlass überführen die Priester wertvolle Objekte aus dem persönlichen Besitz August Georgs in die Kirche – darunter ein kostbares Reliquienkästchen.

Von Katharina Rohne

Im Inventar des Jahres 1772 ist der Reliquienschrein zum ersten Mal erwähnt. Laut dieser Quelle war er damals im Sanktuarium aufgestellt. Ein Ordinarius des Piaristenklosters beschreibt die Translation in einem lateinischen, auf 1775 datierten Text, der dem Kästchen auf einem Zettel beigefügt ist. Darin werden zunächst die Namen der 15 römischen Katakombenheiligen aufgelistet, von denen die Reliquien im Schrein stammen.

Der aufwendig mit Scheinarchitekturen und edlen Materialien verzierte Kasten erinnert an die kleinen Kabinettschränkchen, die man an barocken Höfen gern für die Aufbewahrung seltener, wertvoller und kurioser Dinge nutzte. Dass der Rastatter Schrein nicht für profane, sondern für sakrale Zwecke hergestellt wurde, zeigen die eingelassenen Bergkristallfenster: Sie gewährten den Blick auf die im Inneren des Schreins präsentierten Reliquien. Heute werden die 15 Knochenfragmente getrennt von dem Kästchen im Restaurierungszentrum der Staatlichen Schlösser und Gärten in Karlsruhe aufbewahrt.

Bislang können die Experten den Reliquienschrein keiner bestimmten Werkstatt oder Region zuordnen. Als gesichert gilt, dass es sich um ein Werk aus dem süddeutschen Raum handelt, das vor 1700 entstanden sein muss.

Das Holzgehäuse des rechteckigen, auf runden Füßen stehenden Kastens ist 44,5 cm hoch, 53 cm breit und 32,5 cm tief. Der Aufbau orientiert sich stark an architektonischen Vorbildern: Über dem Sockel folgen Postamente und Säulen, darauf die Deckelplatte mit Hohlkehle und Aufsatz als Fries- und Giebelzone. Die Längsseiten sind vertikal in drei Achsen, die Schmalseiten in eine Achse gegliedert. Dementsprechend ist der Sockel, in dem sich eine Schublade versteckt, an den Ecken und in der Mitte vorgezogen. In jeder Achse ist ein nahezu quadratisches Bergkristallfenster in messingvergoldetem Rahmen eingefügt, das beidseitig von je zwei Säulen mit vergoldeten Basen und Kapitellen eingefasst wird. Die Säulenschäfte aus Bergkristall stehen vor Metallplatten mit Blüten- und Rankenwerk aus farbigem Email. Auf diese Weise wirken die durchsichtigen Säulen je nach Standpunkt des Betrachters als wären sie bunt marmoriert.

Insgesamt ist der Reliquienschrein reich geschmückt: Farblich fallen besonders die blauen Lapislazulifelder in ihren vergoldeten Rähmchen auf. Die Bergkristallurnen waren ursprünglich wohl mit Metallbekrönungen versehen. Ein hübsches Detail sind auch die Engel an den Ecken des Deckelaufsatzes, deren in Blattwerk und Voluten endende Unterkörper auf die Elfenbeinfiguren hinweisen, die am Rand der verkröpften Kranzgesimszone eingesteckt sind. Die vier etwa 6,5 cm hohen Figürchen stellen die Kardinaltugenden dar: Temperantia, die Mäßigung, mit Krug und Kelch, Justitia, die Gerechtigkeit, mit Schwert, Fortitudo, die Stärke, mit Säule und Patientia, die Geduld, mit einem Lamm.

Der Reliquienschrein ist in einer Dauerausstellung zum Kirchenschatz im Rahmen einer Führung durch die Schlosskirche zu besichtigen.

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