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In Baden-Württemberg sind 30 bis 40 Prozent der Tierarten gefährdet

14.12.10 
Redaktion 
Durch das Bibermanagement hat sich die Situation dieser Tiere im Land verbessert. Foto: Dieter Haugk/Pixelio

Foto: © Dieter Haugk/Pixelio pixelio.de

Stuttgart. Das internationale Jahr der Biodiversität geht zu Ende und die Bilanz beim Natur- und Artenschutz sieht weder international noch in Baden-Württemberg besonders gut aus: Denn es ist nicht gelungen, den Verlust der Artenvielfalt bis zum Jahr 2010 zu stoppen. Ein Ziel, dem sich sowohl die Europäische Union als auch Baden-Württemberg verschrieben hatte. Nun soll das Ziel bis 2020 erreicht werden.

Die Situation in Baden-Württemberg ist derzeit alles andere als gut: 30 bis 40 Prozent der Tier- und Pflanzenarten im Land werden als gefährdet eingestuft. Nach der Roten Liste gelten außerdem rund 37 Prozent der Biotoptypen als gefährdet, weitere 13 Prozent stehen auf der Vorwarnliste. Zahlen, die allerdings lediglich ungefähre Anhaltspunkte geben, da sie überwiegend auf Einzelbeobachtungen beruhen. Denn ein einheitliches Monitoringsystem für den Artenschutz muss noch aufgebaut werden. Eins machen die Zahlen aber in jedem Fall deutlich: Die Aufgaben, die das Land in den kommenden Jahren im Naturschutz zu bewältigen hat, sind noch immens. Nach Ansicht des Naturschutzverbands Nabu wurde in Baden-Württemberg viel zu spät und zu wenig ambitioniert am Schutz der Biodiversität gearbeitet.

Erfolge in Einzelbereichen

Dabei kann das Land durchaus in einzelnen Bereichen Erfolge vorweisen. So wurden beispielsweise die Bedingungen für den Uhu verbessert und durch das Bibermanagement hat sich auch dieses Nagetier an zahlreichen Gewässern wieder niedergelassen. Auch die Wildkatze konnte in Baden-Württemberg wieder nachgewiesen werden. Darüber hinaus wurden zahlreiche Projekte für gefährdete Arten im Land durchgeführt. In einem 111-Arten-Korb wurden Tier- und Pflanzenarten festgelegt, die exemplarisch und stellvertretend für weitere Arten eines Lebensraums stehen. Über diesen Artenkorb soll gerade auch die Öffentlichkeit auf das Thema Artenvielfalt aufmerksam gemacht werden. So wurden bisher 72 Projekte in diesem Bereich abgeschlossen, 110 laufen noch, weitere 25 sind geplant. Insgesamt haben sich 135 Partner an diesen Projekten beteiligt, darunter Schulen, Vereine und Firmen. Bislang konnten mit solchen Projekten 61 Prozent der 111 Arten abgedeckt werden.

Über EU-Programme wie Life werden ebenfalls Schutzprojekte durchgeführt. So wurden etwa Habitate im Federseemoor restauriert oder der Vogelschutz in Streuobstwiesen des Albvorlands vorangetrieben. Zum kommenden Jahr soll ein Naturschutzprojekt in den Rheinauen bei Rastatt starten. Auch in Kommunen werden vielerorts Projekte für den Artenschutz durchgeführt. Eine Auswahl hat der Staatsanzeiger in diesem Jahr in einer kleinen Serie vorgestellt. Darüber hinaus konnten Städte und Gemeinden sich für den Biodiversitäts-Check des Landes bewerben. Sechs Gemeinden wurden für die Teilnahme ausgewählt. Auf ihrem Gebiet wurden nicht allein die Arten  untersucht und kartiert, sondern auch Vorschläge für Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Tiere und Pflanzen gemacht.

In den Wäldern wurden mit dem Alt- und Totholzkonzept Refugien für alt- und totholzbewohnende Arten geschaffen. Das Programm wurde 2010 für den gesamten Staatswald eingeführt. Derzeit wird mit den Kommunen verhandelt, um dieses Konzept auch für den Kommunalwald zu übernehmen.

Naturschützer schlagen Alarm

Doch trotz unterschiedlichster Programme und Verbesserungen in einzelnen Bereichen sind in Baden-Württemberg nach wie vor viele Arten gefährdet und vom Aussterben bedroht. Auch sind die Erhaltungszustände europaweit besonders zu schützenden Lebensräumen und Arten in einem bedenklichen Zustand, schlagen die Naturschützer beim Naturschutzverband Nabu Alarm. So geht beispielsweise der Bestand an artenreichem Grünland weiter zurück. Ein Lebensraum, für den Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung innerhalb der EU trägt.

Dabei hat Baden-Württemberg eigentlich gute Voraussetzungen für die Artenvielfalt, trotz der Kleinteiligkeit seiner Landschaften. Denn 40 Prozent des Landes sind bewaldet, 42 Prozent landwirtschaftlich genutzt. Bereiche, die Heimstatt für viele Tier- und Pflanzenarten sein können. Hinzu kommt eine große Bandbreite an Lebensräumen. Allein zwischen dem Rheintal und dem Schwarzwald beträgt der Höhenunterschied bis zu 1400 Meter, was Raum für unterschiedliche Landschaftstypen bietet.

Schaffung eines Biotopverbunds

Moore, Buchenwälder, Streuobstwiesen und Flusslandschaften sind bloß einige der Landschaftsformen, die in Baden-Württemberg vorkommen. Doch die Landschaftsformen und Biotope sind häufig durch Straßen zerschnitten. Zusammenhängende Naturgebiete gibt es in Baden-Württemberg kaum noch. So machen Straßen und zersiedelte Landschaften den Tieren das Wandern schwer. Hier will das Land nun in den kommenden Jahren einen Biotopverbund auf zehn Prozent der Landesfläche auf den Weg bringen, um Tieren und Pflanzen die Ausbreitung zu ermöglichen. Dies ist eines der wichtigsten Vorhaben für die kommenden Jahre.

Die Schaffung eines solchen Biotopverbunds ist eine Pflichtaufgabe. Denn im Bundesnaturschutzgesetz wird vorgeschrieben, dass es eine Mindestausstattung von Biotopverbundelementen in der Landschaft geben muss, um Naturschutzgebiete miteinander zu vernetzten, erläutert der Landesvorsitzende des Naturschutzverbands Baden-Württemberg, Andre Baumann.

Sorgenkind Agrarlandschaft

Eines der größten Sorgenkinder für den Naturschutz sind derzeit die offenen Flächen. Denn gerade in der Agrarlandschaft geht die Artenvielfalt weiterhin deutlich zurück. „Viele Tier- und Pflanzenarten der Agrarlandschaft befinden sich in einem freien Fall“, sagt Baumann. Der Naturschutz müsse deshalb dringend Eingang finden in die Landwirtschaftspolitik. Er sieht hierfür bei den Plänen der EU-Kommission zum Umstrukturierung der Landwirtschaftsförderung entsprechende Ansätze. „Wir können unsere Tier- und Pflanzenwelt in der Agrarlandschaft nur halten, wenn wir eine naturverträgliche Landwirtschaft in Baden-Württemberg etablieren“, sagt Baumann. Davon sei man im Land trotz Förderprogramme wie Meka noch weit entfernt. Im Umweltministerium, dem der Naturschutz nun unterstellt ist, sieht man die Probleme ebenfalls. Hier wird vor allem auf Beratung der Landwirte gesetzt.

Ob dies ausreichen wird, bezweifeln Naturschützer. Gottfried May-Stürmer, Agrarreferent beim Bund für Umwelt- und Naturschutz, berichtet, dass mittlerweile die Feldlerche, eine in Baden-Württemberg ursprünglich weit verbreitete Vogelart, in manchen Gegenden nicht mehr zu finden ist. Und Andre Baumann vom Nabu schlägt Alarm in Sachen Feldhamster: Diese Tiere kommen in Baden-Württemberg lediglich noch im Rhein-Neckar-Gebiet und im Main-Tauber-Kreis vor. Ihre von der EU streng geschützten Bestände sind seit Jahren rückgängig. „Wenn es so weiter geht, ist der Feldhamster in wenigen Jahren bei uns ausgestorben“, sagt Baumann. Der Nabu fordert deshalb ein Sofortrettungsprogramm für die Tiere. Dazu gehören entsprechender Fruchtanbau, Schutzzonen für die Tiere, größere zusammenhängende Lebensräume und der Verzicht auf Pestizide in der Landwirtschaft.

Naturschutzstrategie benötigt auch Umsetzungsplan

Mit der Naturschutzstrategie die im Umweltministerium erarbeitet wurde und die zu Jahresbeginn dem Kabinett vorgelegt werden soll, will die Landesregierung den Rückgang der Arten in Baden-Württemberg bis 2020 stoppen. Für die Naturschützer ist bereits klar, dass dies bloß gelingen kann, wenn einerseits ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, andererseits auch klare zeitliche Zielvorgaben für das Erreichen der Ziele aus der Strategie gemacht werden. Teil der Strategie müsse in jedem Fall auch ein Umsetzungsplan sein, sagt BUND-Vorsitzende Brigitte Dahlbender.

Dennoch beurteilen die Landesverbände von BUND und Nabu die neue „Naturschutzstrategie Baden-Württemberg 2020“ positiv. Am vergangenen Mittwoch hatte der Landesbeirat für Natur- und Umweltschutz dem Entwurf der Strategie zugestimmt. Positiv werten die Umweltverbände, dass in vielen Bereichen richtige Zielvorgaben ausgearbeitet wurden. So möchte das Land etwa die Situation für die gefährdeten Tier- und Pflanzenarten der Roten Liste verbessern und die Einrichtung von Landschaftspflegeverbänden im ganzen Land vorantreiben. Zudem gelte es bei den Schutzgebieten von einem derzeitigen Flickenteppich zu einem echten Netzwerk Natur zu kommen. Grundsätzlich positiv werten BUND und Nabu auch, dass die Strategie mit zusätzlichen Geldmitteln ausgestattet werden soll.

Als unzureichend bezeichnen die Naturschützer, dass wichtige Naturschutzziele nicht angemessen berücksichtigt werden. So strebe das Land beispielsweise an, bis 2020 ein Prozent der Waldfläche als Bannwald zu schützen. „Selbst die Bundesregierung hat hier als Zielgröße fünf Prozent festgelegt. Es ist nicht nachvollziehbar, wenn wir in Baden-Württemberg weiterhin meilenweit hinterherhinken“, sagt Dahlbender. Ebenfalls unzureichend sei die Position des Landes zur Einrichtung des ersten Nationalparks im Land. Dies wolle man ergebnisoffen prüfen. „Im Verwaltungsjargon heißt das: Wir werden uns hier kaum engagieren. Das ist nicht, was wir brauchen. Tourismus-Experten wünschen sich einen Nationalpark, die Natur braucht ihn. Wir wünschen uns eine Landesregierung, die hier mit großen Schritten vorangeht, anstatt auf dem Sofa sitzen zu bleiben“, ergänzt Nabu-Vorsitzender Andre Baumann.

Mehr Mittel für den Naturschutz

Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) schlägt eine mittelfristige Mittelaufstockung von bis zu 25 Millionen Euro pro Jahr für den Naturschutzhaushalt vor. „Diese 25 Millionen Euro sind angesichts des bisher sehr schmalen Naturschutzbudgets das absolute Minimum, um die Naturschutzaufgaben zukünftig besser erfüllen zu können“, betont Dahlbender. „Bisher konnte die Naturschutzverwaltung aus Geld- und Personalmangel beispielsweise weder das Management der Natura 2000-Gebiete organisieren, noch die Planung des landesweiten Biotopverbunds zu Ende führen, geschweige denn in die Umsetzung gehen.“

Nun komme es darauf an, dass auch die anderen Ministerien die Naturschutzstrategie zu ihrer Sache machten. Die beiden Landesvorsitzenden befürchten: „Es besteht die Gefahr, dass die anderen Ressorts Verkehr, Flurneuordnung, Raumplanung, Land- und Forstwirtschaft wie in der Vergangenheit ohne Rücksicht auf die Naturschutzstrategie weiterbetonieren, weiterackern und weiterholzen und sie damit wirkungslos machen. Das werden wir sehr genau im Auge behalten.“

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