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Beschäftigte haben laut Studie nicht nur Vorteile

07.04.2020 
Redaktion
 
Arbeiten von zuhause aus, das wünschen sich viele. Doch gerade für Frauen bringt es oft auch Probleme mit sich. Foto: dpa/APA/picturedesk.com

Foto: dpa/APA/picturedesk.com

STUTTGART. Historisch war Heimarbeit, während der Industrialisierung und in Wirtschaftskrisen,mit der Ausbeutung von Kindern, Frauen und Arbeitern verbunden. Derzeit ist Homeoffice aber ohne Alternative. Der DGB Baden-Württemberg hat auf damit verbundene Fragen reagiert.

Ob die Corona-Pandemie das Gesundheitswesen in die Knie zwingt, wird sich erst noch zeigen. Viele Beschäftigte hat sie jedenfalls dazu gezwungen, sofern möglich, von zuhause aus ihrer Arbeit nachzugehen. Das wirft arbeitsrechtliche Fragen auf und ruft daher die Gewerkschaften auf den Plan.

Der DGB Baden-Württemberg hat darauf Antworten. Etwa auf die Frage, welchen Zugriff Arbeitgeber auf den privaten Wohnraum haben. „Grundsätzlich keinen“, heißt es in einer Zusammenstellung der Fakten. „Der Arbeitgeber kann also nicht einseitig Arbeit von zu Hause aus anordnen, sondern es bedarf einer Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.“

Zugleich sei Flexibilität gefragt. Denn „in der augenblicklichen Situation und um Ansteckungen zu vermeiden, kann es sinnvoll sein, sich über die Möglichkeiten der Homeoffice-Arbeit grundsätzlich und vermehrt zu verständigen“.

Unterschiedliche Belastung von Männer und Frauen im Homeoffice

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat die Komplexität am vergangenen Wochenende in einem Statement zum Stand der Corona-Bekämpfung grundsätzlich angesprochen. „Mir ist sehr bewusst“, so der Ministerpräsident, „dass es eine enorme psychische Herausforderung ist, Kinder zu betreuen, ihnen die neue fremde Situation zu erklären, Schularbeiten zu begleiten und gleichzeitig die eigene Arbeit zu machen.“

Dass dieser Belastung bisher vor allem Frauen ausgesetzt sind, belegen Studien. Etwa eine der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung im Auftrag des DGB - mit klarem Ergebnis: Väter wollen daheim in Ruhe und ungestört arbeiten, für Frauen bleibt die Doppelbelastung.
Ein Beispiel dafür ist Christian Nürnberger, Ehemann der ZDF-Moderatorin Petra Gerster. Die familiäre Aufgabenteilung in den eigenen vier Wänden an Vollbeschäftigungstagen seiner Frau stellte sich der Autor und Publizist so vor, dass er an seinem Schreibtisch denkt und schreibt, während die gemeinsamen Kinder zufrieden und vor allem leise vor sich hin spielen. Dieser Traum war schnell ausgeträumt.

Wer am Wohnzimmertisch arbeitet, läuft schneller Gefahr, die Konzentration zu verlieren und psychisch belastet zu sein, hat auch die AOK ermittelt. 73 Prozent der 2000 Befragten berichteten von Erschöpfungszuständen im Homeoffice, gerade weil Familie und Beruf dort nicht einfacher unter einen Hut zu bringen sind.

Dokumentiert ist, „wie die psychische Belastung von Heimarbeitern höher ist als bei regulärer Arbeit im Betrieb“. Ein Grund dafür: Das Privatleben ist schlechter von der Arbeit zu trennen.

Jetzt läuft ein unfreiwilliger Großversuch, der belegen könnte, ob die SPD richtig damit liegt, einen Rechtsanspruch auf Heimarbeit zu fordern. Seit einem Jahr wird darüber diskutiert, „damit mehr ArbeitnehmerInnen von den digitalen Vorteilen profitieren“, wie es in einem Positionspapier heißt. Andrea Nahles, damals SPD-Bundesvorsitzende, postete: „Homeoffice bedeutet für viele weniger Zeit im Stau, einen flexibleren Alltag, kurz: Arbeit, die zum Leben passt.“

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat ein Maßnahmenbündel zur Zukunft der Arbeit daheim vorgelegt und besteht auf den Rechtsanspruch. Die CDU ist dagegen.

Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt, sagt jeder zweite

Bereits Realität sind verschiedene Betriebsvereinbarungen oder tarifvertragliche Regelungen. Befragungen zeigen, dass Beschäftigte beim Arbeiten von zuhause zusätzlichen Druck verspüren - vor allem dann, wenn Homeoffice im Unternehmen nicht selbstverständlich ist und nur in Ausnahmefällen gewährt wird.

Eine Erklärung liefert die DGB-Studie: Beschäftigte fühlen sich wohl verpflichtet, noch mehr zu leisten, über die vereinbarte Arbeitszeit hinaus zu arbeiten und auch außerhalb dieser Zeit erreichbar zu sein. Rund 50 Prozent der Befragten sagten, durch Heimarbeit verschwimme die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit. Belegt ist auch, dass Frauen im Homeoffice noch mehr Zeit in die Familie stecken im Vergleich mit Frauen im Betrieb und vor allem Männern daheim.

Sinnbildlich dafür steht, dass das Arbeitszimmer des Vaters für Kinder in der Regel tabu ist, während sich Mütter einen Arbeitsplatz im Familienbereich schaffen.

In früheren Zeiten war das Arbeiten daheim oft der Regelfall
Im 19.Jahrhundert mussten sich Kinder und Frauen für Hungerlöhne als Näherinnen, Stickerinnen, Weberinnen oder Spinnerinnen in Heimarbeit verdingen. In der Weltwirtschaftskrise vor fast hundert Jahren standen arbeitslose Männer tagelang Schlange, um daheim im Akkord Schleifpapier für Maschinen zurechtzuschneiden, Nägel gerade zu klopfen oder Werkstücke einzufetten; Gewerkschaften warnten über viele Jahre vor den Nachteilen, weil sich die zu Hause isoliert Beschäftigten schlechter organisieren können als im Betrieb. Inzwischen wird über die Möglichkeiten von Homeoffice nachgedacht, bei denen Arbeitnehmer ihre Rechte genauso wahrnehmen können wie im Betrieb.

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