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"Führungskräfte müssen besonders gut informieren"

07.04.2020 
Redaktion
 
Foto: dpa/Westend61

Foto: dpa/Westend61

Wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter auch in Zeiten von Corona motivieren können und warum sie gerade jetzt besonders gut informieren müssen, erklärt Sabine Sonnentag. Sie ist seit 2010 Inhaberin des Lehrstuhls für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Mannheim. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Arbeitsstress, Erholungsprozesse sowie Lernen und Leisten im Arbeitskontext.

 

Staatsanzeiger: Wie wirkt sich der Stress im Job in Zeiten von Corona auf unser Wohlbefinden aus?

Sabine Sonnentag: Stress im Job kann in diesen Wochen sehr unterschiedlich sein, also eine große Arbeitsmenge in vielen Bereichen, Unterbesetzung, neue Aufgaben, Unsicherheit, aber auch fehlende Struktur, unklare Erwartungen und Probleme mit der Technik in vielen Home-Office-Situationen. Folgen können Gereiztheit, Ermüdung und schlechter Schlaf sein.

Hinzu kommt, dass die Gesamtsituation in der Corona-Krise sehr belastend ist und die meisten sich auch in ihrem Privatleben an Veränderungen anpassen müssen. Da kommt im Moment also einiges zusammen. Gleichzeitig bietet diese sehr außergewöhnliche Situation aber auch die Möglichkeit, Neues auszuprobieren und wertvolle Lernerfahrungen zu machen.

Sie forschen unter anderem zum Thema Stress im Beruf und wie sich Mitarbeiter davon erholen. Wie kann Erholung in der jetzigen Ausnahmesituation – Homeoffice inklusive Kinderbetreuung für einige, Ausgangsbeschränkungen, keine sozialen Kontakte – gelingen?

Erholung ist jetzt für die meisten Menschen natürlich viel schwieriger, weil viele der üblichen Erholungsgelegenheiten wegfallen. Somit muss man sich auf die Erholungsaktivitäten beschränken, die man zuhause machen kann sowie auf den Sport oder den Spaziergang alleine draußen.

In unserer Forschung haben wir ja immer wieder gefunden, dass das gedankliche Abschalten von der Arbeit in der arbeitsfreien Zeit für die Erholung besonders wichtig ist. Das gilt wahrscheinlich auch für die jetzige Situation.

Zusätzlich ist es wichtig, dass man zwischendrin auch mal von der Corona-Situation abschaltet. Ich vermute, dass das im Moment für viele Menschen viel schwieriger ist als „nur“ von der Arbeit abzuschalten. Zwischendrin die Corona-Situation zu vergessen heißt, dass man sich in jedem Augenblick möglichst auf die Aktivität konzentriert, mit der man gerade beschäftigt ist. Wichtig ist, dass man jetzt die Tätigkeiten findet oder neu entdeckt, die einem in der Freizeit gut tun und sich dafür auch die Zeit nimmt – und sei es nur 10 oder 15 Minuten pro Tag.

Welche Anzeichen gibt es für Führungskräfte, dass der Mitarbeiter nicht motiviert ist? Wie kann er darauf reagieren?

Anzeichen können sein, dass Aufgaben nicht erledigt werden, dass sie zu spät, lustlos oder nicht gut erledigt werden. Aber für all diese Verhaltensweisen kann es auch andere Gründe als fehlende Motivation geben, also dass zum Beispiel das Aufgabenziel nicht klar ist, dass notwendige Informationen fehlen oder dass die Technik nicht so funktioniert wie sie sollte.
Es kann auch sein, dass ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mal mit den Gedanken nicht bei der Sache ist, weil er oder sie sich Sorgen macht, über ein krankes Familienmitglied, über die Betreuung der Kinder, über den vielleicht gefährdeten Arbeitsplatz des Partners oder der Partnerin. Da ist es dann gut, wenn man im Gespräch bleibt und Vorgesetzte versuchen herauszubekommen, woran es gerade hapert.

Wie können Mitarbeiter in Zeiten der Corona-Krise motiviert werden? Welche praktischen Tipps haben Sie für Führungskräfte?

Zunächst gelten natürlich die Prinzipien, die sonst auch gelten: Klare Ziele setzen, das große Ganze deutlich machen, Feedback geben und das Loben nicht vergessen! In der Corona-Krise sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie auch ihre Führungskräfte besonders gefordert, da plötzlich zusätzlich andere Aufgaben bewältigt werden müssen, oft unter großer Unsicherheit und auch unter großem Zeitdruck. Da ist dann die Kommunikation von Seiten der Führungskräfte besonders wichtig: Wieso muss etwas gemacht werden? Idealerweise auch: Wie soll es gemacht werden? Führungskräfte müssen besonders gut informieren – und das in einer Situation, in denen ihnen oft selbst die Informationen fehlen. Das ist natürlich nicht immer einfach.

Wegen der großen Verunsicherung ist es wichtig, dass Führungskräfte klar kommunizieren, welche Prinzipien des Handelns unumstößlich sind und selbstverständlich auch jetzt gelten – und gleichzeitig deutlich machen, wo jetzt große Flexibilität notwendig ist.

Führungskräfte sollten auch anerkennen, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der derzeitigen Situation außergewöhnliches leisten und oft neue Wege gehen. Das gilt es wahrzunehmen und zu unterstützen. Gleichzeitig können Führungskräfte sich bewusst zu machen, dass die Situation für fast alle schwierig ist und dass die Dynamik der Ereignisse für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr ungewohnt ist, sie manchmal auch überfordert. Somit sollten Führungskräfte auch Verständnis für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter signalisieren, ohne dass dabei gleich jedes Verhalten „durchgewunken“ wird.

Viele Unternehmen bieten Gesundheitsangebote vor Ort an. Diese mussten nun abgesagt werden. Gibt es Maßnahmen, die Unternehmen jetzt treffen können, damit die Mitarbeiter weiterhin gesund bleiben?

Zunächst gibt es natürlich die ganz unmittelbaren Regeln, die eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern sollen. Da dürften die meisten Unternehmen und Dienststellen inzwischen gut aufgestellt sein. Dann gibt es die eher längerfristigen Maßnahmen, die zur Mitarbeitergesundheit beitragen können: körperlich aktiv bleiben, sich gesund ernähren, möglichst gut schlafen. Darauf können Unternehmen und Dienststellen hinweisen. Aber realistischer Weise muss man auch sagen, dass es bei den meisten Unternehmen und Dienststellen im Moment an ganz anderen Ecken und Enden brennt. Da ist somit auch Eigenverantwortung der einzelnen gefragt.


Welche Stressmanagementansätze sind in Krisenzeiten Erfolg versprechend?

Generell geht man davon aus, dass sogenannte problemorientierte Ansätze – also Dinge aktiv anzugehen – hilfreich sind. Ewiges Grübeln über die Situation und sich Sorgen zu machen, helfen nicht weiter. Es gibt interessante Studien, die zeigen, dass gerade unter schwierigen Bedingungen ein gewisses Ausmaß an Kümmern um sich selbst – die Amerikaner nennen das „self care“ – mit einer besseren psychischen Gesundheit einhergeht. Zu diesem Kümmern zählen Dinge wie körperliche Bewegung, der soziale Austausch mit anderen, der jetzt natürlich nicht direkt sein kann, gut schlafen und auch neue Dinge auszuprobieren. Man geht auch davon aus, dass Sport in Krisenzeiten für die Stressbewältigung hilfreich sein kann. Ob das auch für die momentane Krise gilt, untersuchen wir gerade in einer aktuellen Studie. In dieser Studie geht es auch breiter darum, wie sich der Arbeitsalltag in Zeiten von Corona ändert.

Das Gespräch führte Ayse Derre

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