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„Veränderung entsteht derzeit durch Leidensdruck“

08.10.2019 
Redaktion
 
Verwaltungswirte sind ausgebildet, um Aufgaben zu erfüllen und nicht, um ämterübergreifend zu denken, sagt Schneider. Foto: dpa

Foto: dpa

Die strategische Personalentwicklung ist wichtiger denn je. Doch im öffentlichen Dienst spielt sie laut der Personalexpertin Claudia Schneider, Professorin für Verwaltungsmanagement an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg, kaum eine Rolle – mit weitreichenden Folgen, auch für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg.

Staatsanzeiger: Frau Schneider, in Zeiten des Fachkräftemangels ist eine strategische Personalentwicklung unverzichtbar. Wie ist der öffentliche Dienst in diesem Bereich aufgestellt?

Claudia Schneider: Ihr akutes Kompetenzdefizit haben die Verwaltungen im Blick. Wenn es aber darum geht, mittel- und langfristig dafür zu sorgen, dass Beschäftigte mit den benötigten Kompetenzen zur Verfügung stehen, finden sich kaum Verwaltungen, die sich beim Personal strategisch auf den zukünftigen Know-how-Bedarf ausrichten. Deutlich wird das an der Digitalisierung. Die muss der öffentliche Dienst zwar vorantreiben, dafür hat er aber das erforderliche Fachpersonal weder vorrätig, noch findet er es auf dem leergefegten Arbeitsmarkt. Einige kaufen sich das Know-how deshalb teuer von Dienstleistern ein, andere suchen noch nach einigermaßen schnell umsetzbaren Lösungen. Ein hausgemachtes Dilemma, das sich mit einer an der Zukunft orientierten Personalentwicklung hätte vermeiden lassen.

Aber wie lässt sich ermitteln, welche Kompetenzen in einer ungewissen Zukunft gefragt sind?

Es gibt Schlüsselqualifikationen, von denen man weiß, dass sie in Zukunft gebraucht und deshalb vermittelt werden sollten. Dazu gehört etwa Unsicherheitstoleranz, Teamwork oder interkulturelle Zusammenarbeit. Zudem müssen die Beschäftigten anfangen, über ihren Arbeitsplatz hinaus, behördenübergreifend zu denken. Mehr noch, sie sollten sich nach außen öffnen. Lokalverwaltungen können beispielsweise mit ortsansässigen Firmen für ein halbes Jahr das Personal tauschen oder sich stärker mit sozialen Einrichtungen, Verbänden, Bürgern – also ihren Anspruchsgruppen – vernetzen, um neue Erfahrungen und neues Know-how zu sammeln. Das hilft, Trends und Themen zu erkennen, auf deren Basis sich strategische Ziele für die Gesamtverwaltung und ihre Fachbereiche formulieren lassen.

Und daraus leitet die Personalarbeit Ziele und Kernaufgaben ab?

So ist es. Aber dazu muss intern auch erhoben werden, in welcher Quantität und Qualität derzeit Beschäftigte vorhanden sind. Der Ist-Soll-Vergleich zeigt, wo, aktuell und in den nächsten Jahren, personelle Engpässe liegen und ob sich die notwendigen Kompetenzen, so weit möglich und sinnvoll, intern entwickeln lassen. Daran wird auch deutlich, dass Fortbildungen, die oft nach dem Kriterium des persönlichen Interesses ausgewählt werden, weder der Organisation noch den Beschäftigten etwas bringen. Vielmehr müssen auf Basis der beschriebenen Analyse Führungskräfte-, Weiterbildungs- und Managemententwicklungsprogramme entwickelt werden, die exakt zu den Organisationszielen passen. Aber davon ist der öffentliche Dienst weit entfernt.

Liegen die Gründe dafür auch im Verwaltungsstudium?

Fakt ist: Analytische Fähigkeiten und Methodenkompetenz werden aufgrund von demografischem Wandel, Fachkräftemangel und Digitalisierung immer wichtiger. Über fachspezifisches Know-how hinaus braucht es in einer immer komplexer werdenden Lern- und Arbeitswelt Kompetenzen, die etwa die Problemlösungsfähigkeit, aber auch das abstrakte und vernetzte Denken fördern. Aber Verwaltungswirte sind ausgebildet, um in Behörden ihre Aufgaben zu erfüllen und nicht, um ämterübergreifend zu denken, zu kooperieren und Lösungen zu entwickeln.

Das bedeutet?

Mit unsystematischem Erfahrungswissen lässt sich weder eine Organisation noch ihr Personal und damit auch keine Kommune und kein Landkreis modernisieren und weiterentwickeln, mit allen negativen Konsequenzen für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg und die damit verbundenen Einnahmen aus Steuer und Kommunalfinanzierung.

Wie lässt sich vor diesem Hintergrund ein Wandel in Sachen Strategieentwicklung herbeiführen?

Aktuell passiert das durch den wachsenden Druck, den Wirtschaft und Bürger in puncto Digitalisierung ausüben. Die Verwaltung merkt, dass ihr die dafür notwendigen Fachkräfte fehlen und dass sie versäumt hat, Kompetenzen aufzubauen. Fachleute sind Mangelware, also müssen Mitarbeiter mit Hochdruck aus- und weitergebildet werden. Das ist eine Belastung. Veränderung entsteht also derzeit durch Leidensdruck. Vielleicht liefert er den Impuls dafür, dass mehr Arbeitgeber im öffentlichen Dienst anfangen, ihre Personalentwicklung strategisch zu planen.


Das Gespräch führte Daniela Haußmann

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