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Cem Özdemir: „Die Union hat auch nicht grad Rückenwind aus Berlin“

Cem Özdemir, hier in der Parteizentrale der Grünen in Stuttgart, könnte der erste deutsche Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln werden.
Achim Zweygarth)Staatsanzeiger: Herr Özdemir, sind Sie soft oder hart?
Cem Özdemir: Wo es geht, soft – aber es gibt politische Entscheidungen, die eine gesunde Härte erfordern. Ich war Handballtorhüter. Da geht es zur Sache, aber immer fair. Rumheulen und Rummotzen gibt es da nicht.
Fundi oder Realo?
Ich war praktisch immer Realo. Wenn man Arbeiterkind ist, hat man für Weltrevolutionen keine Zeit.
Klima oder Wirtschaft?
Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts. Wir brauchen eine funktionierende Wirtschaft, damit wir die notwendigen Weichenstellungen für den Klimaschutz, aber auch für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt auf den Weg bringen können. Im Übrigen sage ich seit Jahren: Zwischen Wirtschaft und Umwelt gehört kein „oder“.
Sie gehen im Wahlkampf sehr weit in die Mitte, räumen frühere grüne Positionen.
Ich sehe keinen Widerspruch. Die Grünen Baden-Württemberg stehen hinter mir und haben hier das geprägt, was einen ökologischen Konservatismus ausmacht: das Wachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppeln.
Ihre Parteifreunde in Berlin und Brüssel machen Ihnen das Leben nicht leichter.
Ich sag mal so: Die Kollegen von der Union haben jetzt auch nicht grad Rückenwind. Für mich ist völlig klar: Hier in Baden-Württemberg stehen die Grünen von Cem Özdemir und Winfried Kretschmann zur Wahl, die seit 1980 ununterbrochen im Landtag vertreten sind und für einen Kurs mit Maß und Mitte stehen.
Warum war es aus Ihrer Sicht falsch, das Mercosur-Abkommen in Frage zu stellen?
Weil wir gerade in einer Zeit leben, in der autoritäre Regime uns in die Zange nehmen. Da sind wir in besonderer Weise darauf angewiesen, dass wir ein starkes Europa haben und Partner und Freunde in der Welt. Ich werbe seit vielen Jahren für Freihandel, hab mich für Mercosur bei den Bauernprotesten auspfeifen lassen. Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Es waren ja nicht nur Vertreter meiner Partei, die so abgestimmt haben. Das waren auch Abgeordnete der Konservativen, Sozialdemokraten und der liberalen Parteienfamilie. Das macht es nicht besser, aber es zeigt, dass wir alle miteinander noch ein gehöriges Stück Arbeit vor uns haben.
Am Verbrennungsmotor hängen Zehntausende von Arbeitsplätzen in Baden-Württemberg. Wie kann es gelingen, diese Arbeitsplätze zu erhalten?
Ich habe mit den Herstellern, den Zulieferern und den Arbeitnehmern gesprochen. Und sie sind sich einig. Die Zukunft liegt in der Elektromobilität. Vor allem die Zulieferer aber sagen: Helft uns und gebt uns Zeit auf dem Weg – zum Beispiel über einen echten Hybrid. Also keinen, bei dem man nur das Kabel spazieren fährt, sondern einen, der wirklich überwiegend elektrisch fährt. Wir unterstützen das – flexibel im Weg, aber klar im Ziel.
Sie möchten Ministerpräsident werden, liegen aber noch deutlich hinter der CDU. Wie wollen Sie diesen Abstand bis zum 8. März aufholen?
Es waren einmal 14 Prozent Abstand, dann neun, jetzt sechs. Ich werfe alles rein, den Rest entscheiden die Wählerinnen und Wähler.
Sie könnten sich aber auch für Manuel Hagel entscheiden.
Warten wir es ab. Der Wahlkampf nimmt jetzt richtig Fahrt auf, der Abstand hat sich deutlich reduziert. Das nehme ich als Ansporn, und das Rennen ist offen. Wir wollen das Land weiterführen, dafür stärkste Kraft werden. Es geht jetzt um die Frage, wer in schwierigen Zeiten das Land führt.
Mit wem möchten Sie regieren?
Das entscheiden die Wähler mit ihrem Votum. Aber wir haben zehn Jahre erfolgreich mit der CDU regiert – unter einem grünen Ministerpräsidenten.
Herr Hagel scheint andere Prioritäten zu setzen.
Ich habe mit Erstaunen gelesen, dass mein CDU-Gegenkandidat sich eine „schwarze Ampel“ wünscht. Ich versuche, mir das vorzustellen: Die FDP will gar keine Schulden, die SPD am liebsten mit dem Füllhorn finanzieren. Die CDU verfolgt die „Methode Merz“ und verspricht vor der Wahl allen alles. Da kann ich nur sagen: Fröhliches Verrichten. Ich habe in Berlin viel gelernt, vor allem auch, wie man es nicht macht. Baden-Württemberg braucht Stabilität und keine Regierung, die sich wie die Kesselflicker streitet.
Sie sind einer der ersten Politiker der zweiten Migrantengeneration, die wirklich Erfolg hatten. Wäre das Amt des Ministerpräsidenten eine Art Krönung – auch als Symbol: „Auch aus dieser Generation kann man es schaffen“?
Das zeigt, dass es so was wie einen „Baden-Württemberg-Dream“ gibt: Dass du alles machen kannst, wenn du dich richtig reinhängst und ein förderndes Umfeld hast. Dass es nicht darum geht, wo du herkommst, sondern wohin du möchtest. Dafür müssen wir aber was tun: mehr Ganztagsschulen und ein verpflichtendes letztes Kita-Jahr. Das kostet, aber wenn wir hier sparen, zahlen wir es später als Gesellschaft doppelt und dreifach.
Warum vertreten gerade Sie eine für grüne Verhältnisse so harte Migrationspolitik?
In Deutschland haben wir ein Problem: Die einen fordern Humanität, die anderen Ordnung. Wir brauchen beides. Ich habe da die absolute Mehrheit der Migranten hinter mir, die sagen: Wir haben genug davon, dass dieser Staat nicht in der Lage ist, Verbrecher loszuwerden. Und denjenigen, die sich gut integrieren, die unsere Sprache lernen, sich an die Gesetze halten, eine Ausbildung machen, in unseren Schulen sind – denen würde ich sagen: Ihr habt ihr eine Perspektive, ihr gehört dazu.
Wenn Sie am Wahlabend nur auf Platz zwei landen. Werden Sie sich dann von der politischen Bühne verabschieden?
Ich mache das ohne Netz und doppelten Boden. Ich habe nicht mehr für den Bundestag kandidiert. Ich kandidiere für den Landtag im Wahlkreis Stuttgart II, bewerbe mich dort ums Direktmandat. Ich trete an, um Landtagsabgeordneter und Ministerpräsident zu werden. Ob das in Erfüllung geht oder nicht, entscheiden die Wähler.
Zur Person
Cem Özdemir wurde 1965 in Bad Urach als Kind türkischer Gastarbeiter geboren. Von 1994 bis 2002 und von 2013 bis 2025 gehörte er dem Bundestag an, von 2004 bis 2009 dem EU-Parlament. Von 2008 bis 2018 war er Grünen-Bundesvorsitzender. Von 2021 bis 2025 war er Landwirtschaftsminister in der Ampel-Koalition. Im Oktober 2024 kündigte er an, für das Amt des Ministerpräsidenten zu kandidieren.