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Oberbürgermeisterwahl

Bewerber in Sinsheim wollen Ortsteile und Kernstadt vereinen

Zwei Bürgermeister aus dem Umland treten an, um Jörg Albrecht zu beerben, den scheidenden Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Sinsheim. Die Kandidaten wollen die Gräben zwischen der Kernstadt und den zwölf Ortsteilen schließen.

Sie wollen Oberbürgermeister von Sinsheim werden: Marco Siesing, Theo Pausch und Thomas Seidelmann (von links). Alexander Holder war bei der Kandidatenvorstellung nicht dabei.

privat)

Sinsheim. Das Jahr 2024 begann für die Stadt Sinsheim mit einem Paukenschlag. Oberbürgermeister Jörg Albrecht hatte Ende Februar angekündigt, dass er rund vier Jahre vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit zurücktritt. Der 55-Jährige war 2020 als Einzelkandidat mit 98,9 Prozent bestätigt worden. Eine neue Aufgabe hat Albrecht schon: Er leitet künftig den Jugendförderverein „Anpfiff ins Leben“, eine Initiative der Dietmar-Hopp-Stiftung. Hopp, Mäzen in der Region und Mitgründer des Software-Riesen SAP, hat bekanntlich seinen Jugendclub TSG Hoffenheim, ein Ortsteil der Großen Kreisstadt, zum Bundesliga-Verein gemacht und bescherte Sinsheim bundesweit Aufmerksamkeit.

Als Erster um die Nachfolge Albrechts beworben hat sich Marco Siesing. Seit 2015 ist er Bürgermeister der Gemeinde Eschelbronn im Rhein-Neckar-Kreis, unweit von Sinsheim. 2023 wurde er mit 94,4 Prozent als Alleinkandidat wiedergewählt. Der 46-Jährige ist wie Albrecht Absolvent der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. Siesing ist in Halle/Saale geboren und war in seiner Jugend „leidenschaftlicher Fußballspieler“, wie er auf seiner Internetseite schreibt. Als CDU-Mitglied wurde er kürzlich in den Kreistag des Rhein-Neckar-Kreises gewählt.

Zwei Kandidaten verzichten auf einen klassischen Wahlkampf

Mit Blick auf die Herausforderungen verweist Siesing auf seine Amtszeit in der rund 2800-Einwohner-Gemeinde. „Ich habe Eschelbronn in einer schweren Lage übernommen: viele Schulden, wenig Kapital, wir konnten das in den vergangenen neun Jahren umdrehen“, sagt Siesing.

Kurz vor Ende der Bewerbungsfrist hat Thomas Seidelmann, Bürgermeister von Sinsheims Nachbarort Neckarbischofsheim, seine Kandidatur eingereicht. Der 58-Jährige hatte 2020 als Quereinsteiger die damalige Amtsinhaberin herausgefordert und gewonnen. Der parteilose Seidelmann hat Journalismus studiert und war Chefredakteur eines Fachzeitschriften-Verlags. Er sei kein Verwalter oder Bürokrat und in keiner Partei, betonte er in seiner Kandidatenrede. Seidelmann ist ein Freund der Familie des bei einem Einsatz auf dem Mannheimer Marktplatz ermordeten Polizisten Rouven Laur, der aus Neckarbischofsheim stammt. Er sprach bei der offiziellen Trauerfeier in Mannheim.

In einigen Punkten herrschte bei der Kandidatenvorstellung am Mittwoch Einigkeit unter den Bürgermeistern. Beide möchten das Sicherheitsgefühl der Bürger vor allem rund um den Bahnhof erhöhen und die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt steigern. Zudem stehen teure Schulsanierungen an.

Bürgerentscheide um die Unechte Teilortswahl

Als große Herausforderung haben Siesing und Seidelmann die besondere Rolle der Ortsteile in der Flächengemeinde ausgemacht. Die rund 37 000 Einwohner verteilen sich zu zwei Dritteln auf die zwölf Stadtteile und nur zu einem Drittel auf die Kernstadt. Schon lange schwelt ein Konflikt um die Mitsprache der Ortsteile, der in zwei Bürgerentscheiden um die Unechte Teilortswahl gipfelte.

Im Jahr 2014 scheiterte eine Abstimmung, die besondere Wahlform abzuschaffen, die den Orten eine Mitsprache im Rat garantiert. Im April 2023 besiegelte der Gemeinderat das Ende der Unechten Teilortswahl. Im Oktober desselben Jahres setzte sich eine Mehrheit der Abstimmenden beim Bürgerentscheid für die Wiedereinführung des Verfahrens durch.

„Leider hat sich dadurch besonders in den letzten zwei, drei Jahren ein mehr oder minder großer Graben zwischen einzelnen Stadtteilen und der Kernstadt aufgetan“, erklärt Seidelmann und fügt hinzu: „Diese Spaltung werden wir uns langfristig nicht leisten können, es braucht ein echtes ,Wir in Sinsheim‘.“ Siesing will ebenfalls die Gräben zuschütten. „Deshalb bin ich auch während meiner Kandidatur in jedem Ortsteil unterwegs und werbe für eine gemeinsame Sicht auf Sinsheim.“ Das Thema Unechte Teilortswahl will er ruhen lassen. „Die Bürger wollen ihre Struktur so beibehalten“, sagt er.

AfD-Gemeinderat stellt Frage nach Zusammenarbeit

Auch der Umgang mit der AfD wird den neuen Oberbürgermeister beschäftigen. In der Fragerunde wollte ein künftiger AfD-Gemeinderat wissen, wie Siesing und Seidelmann mit der Fraktion umgehen würden, die mit sechs Sitzen im Rat vertreten sein wird. Man müsse die Partei in die Verantwortung nehmen. „Dann werden wir sehen, was dahinter steckt“, sagte Seidelmann. Siesing verwies auf die Gemeindeordnung, die den Fraktionen Rechte einräume, die auch für die AfD gelten würden. Er stehe fest auf dem Boden der demokratischen Grundordnung.

Zwei Kandidaten verzichten auf einen klassischen Wahlkampf: Theo Pausch, 39, Frührentner aus Sinsheim, tritt für die Satirepartei „Die Partei“ an. Da Marco Siesing lange als alleiniger Kandidat feststand, wollte Pausch eine Alternative anbieten, erklärt er. Pausch möchte seine Bewerbung nicht nur als rein „satirische Geste“ verstanden wissen. Anliegen seien ihm die Aufwertung der Innenstadt und Orte für Jugendliche.

Auch Alexander Holder, 68 Jahre alter Maurermeister im Ruhestand aus dem Ortsteil Dühren, führt keinen klassischen Wahlkampf. Bei der Kandidatenvorstellung ließ er sich entschuldigen und war für eine Anfrage für diesen Beitrag nicht erreichbar.

Gründe für den Rücktritt

Der Oberbürgermeister Sinsheims, Jörg Albrecht, hatte im Februar seinen Rücktritt bekanntgegeben. Zu seiner Entscheidung hätten ihn ausschließlich persönliche und familiäre Gründe bewogen, teilt er mit. Die vielfachen Krisen, die es in der jüngeren Vergangenheit zu bewältigen galt, seien gesundheitlich nicht spurlos an ihm vorübergegangen und hätten ihn körperlich und emotional stark belastet. Nach beinahe 24 Jahren Amtszeit zunächst als Bürgermeister von Mauer (beide Rhein-Neckar-Kreis) sei der richtige Zeitpunkt gekommen, Abschied zu nehmen.

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Lesermeinungen

    von Dodo P.
    Dass politische Veranstaltungen oft langweilig und eintönigen sind haben die beiden hier viel zitierten Bürgermeister aus Eschelbronn und Neckarbischofsheim wieder einmal bewiesen. Beide beweihräucherten sich selbst ob der Dinge, die sie in „ihren“ Orten bereits erreicht haben. Marco Siesing schaffte es, 15 Minuten zu füllen, indem er immer wieder die gleichen Sachverhalte mit anderen Worten darlegte. Thomas Seidelmann schwärmte von Neckarbischofsheim als gelte es, dort OB zu werden und nicht in Sinsheim. Lediglich Theo Pausch stach mit seiner Rede heraus, in der er trotz fehlender politischer Erfahrung bereits Probleme benannte, wie z . B. die Zusammenarbeit im neu gewählten Gemeinderat mit der AfD. Gleichzeitig schaffte er es, für einige Lacher zu sorgen, beispielsweise als er die Ordnungsamtsmitarbeiter als „Dementoren der Stadt Sinsheim“ bezeichnete, die man nicht sehen kann und zeigte damit gleich ein weiteres Problem der Stadt auf. Im Großen und Ganzen war es ein Abend wie er zu erwarten war. Mit einer Ausnahme. Bleibt zu hoffen, dass die Partei Die PARTEI bei den nächsten Gemeinderatswahlen in Sinsheim antritt, allein um rechten Irrläufern, mit etablierten Parteien Unzufriedenen und Protestwählern jeglicher Couleur eine weitere Option zu bieten.

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