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Essay

Der Islam und was davon zu Deutschland gehört

Zum Schwarzmalen besteht kein Grund, aber auch nicht zum Schönreden, konstatiert Politik-Redakteur Michael Schwarz.

Ramadan ist ein Monat der Einkehr und des Gebets.

dpa/Peter Juelich (Jülich))

Es gibt Ecken im Osten der Republik, da fährt die AfD Rekordergebnisse ein, obwohl es jene, vor denen die Rechtspopulisten warnen, nur in homöopathischen Dosen gibt: problematische muslimische Zuwanderer. Es gibt den Westen, wo die Menschen mit und ohne Migrationshintergrund genug Zeit hatten, sich aneinander zu gewöhnen, um nicht jeder ausländerfeindlichen Parole auf den Leim zu gehen. Und es gibt Sindelfingen, die „Daimlerstadt“ mit ihren rund 65 000 Einwohner, in der Menschen aus 120 Nationen leben und wo der Anteil derer, deren Wurzeln nicht in Deutschland sind, über 50 Prozent liegt.

In Sindelfingen gab es einmal fünf Moscheen, darunter eine salafistische. Inzwischen sind es noch drei, davon zwei, deren Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung zumindest in Zweifel gezogen werden darf. Trotzdem war es für Oberbürgermeister Bernd Vöhringer keine Frage, dass er am Samstag am Fastenbrechen teilnahm, zu dem die Moscheegemeinden eingeladen hatten. „Man muss das ein Stück weit trennen“, sagte der Christdemokrat.

Muss man das wirklich? Es gibt genügend Stimmen, die das Gegenteil behaupten. Und sie kommen beileibe nicht nur von rechts außen. Es sind oft Zuwanderer selbst, die vor einem zu sorglosen Umgang warnen, weil sie besser als die Mehrheitsgesellschaft wissen, wie weit manche Verbandsvertreter von einem aufrichtigen Bekenntnis zu einer freiheitlichen Gesellschaft entfernt sind.

Trotzdem ist der Ansatz des Sindelfinger Oberbürgermeister nicht unbedingt falsch. Wer miteinander redet, miteinander feiert, tut sich leichter, auch einmal miteinander zu streiten. Das setzt allerdings voraus, das die demokratische Mehrheitsgesellschaft ihren Standpunkt kennt. Es darf für Migranten keinen Rabatt in Grundrechtsfragen geben.

Das ist ein schmaler Grat. Sozialminister Manne Lucha hat am Montag die Richtung gewiesen. Religionsfreiheit könne es nur auf der Basis einer freien Gesellschaft geben, sagte der Grünen-Politiker beim gemeinsamen Fastenbrechen im Neuen Schloss in Stuttgart. Zum 15. Mal lud die Landesregierung bereits zum „Iftar“ ein. Die Tradition war noch unter Schwarz-Gelb begründet worden.

Vor Vertretern muslimischer Verbände und anderer Religionen, des Landes, der Kommunen und der Zivilgesellschaft betonte Lucha , dass eine offene Gesellschaft auch Gegensätze erträgt, solange man respektvoll miteinander umgeht. Man dürfe die Existenz des anderen nicht infrage stellen, auch wenn dieser anderer Meinung ist. Und er bekannte sich zum Existenzrecht Israels, auch wenn er gleichzeitig einräumte, dass ihn die Bilder aus Gaza erschaudern lassen.

Das sind die Leitplanken, nach denen sich in Deutschland alle zu richten haben, egal, woher sie kommen und welcher Glaubensrichtung sie angehören. Und diese Voraussetzung erfüllen auch die meisten Muslime, die hier leben – selbst wenn sie teilweise Gemeinden angehören, die dies bisweilen nicht mit der wünschenswerten Klarheit formulieren. Für jene, die diese Regeln nicht akzeptieren, gilt das Strafrecht. Auch das machte Lucha klar.

Solche Worte fallen natürlich leicht, wenn man sich unter Freunden weiß oder zumindest unter Menschen, die einem wohlgesonnen zu sein scheinen. Nicht jeder, der am Montagabend im Neuen Schloss war, dürfte Luchas Feststellung, wonach das Existenzrecht Israels in unserer DNA liegen muss, von vollem Herzen teilen. Man mache sich nichts vor: Die traute Eintracht hat auch damit zu tun, dass es einen gemeinsame Feind gibt. Die AfD hat mit dem Kampfbegriff „ Remigration “ Ängste losgetreten, die in der aufgeklärten Republik eigentlich überwunden schienen. Bei diesem Thema stehen die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion ( Ditib ) und die traditionellen Parteien Hand in Hand. Man tritt den Vertretern von Ditib aber wohl nicht zu nahe, wenn man davon ausgeht, dass schon Luchas Bemerkung, wonach die Niederlage der AKP bei den Kommunalwahlen in der Türkei ein „Aufbruch“ war, nicht von allen goutiert wurde.

An diesem Mittwoch endet der Fastenmonat Ramadan und das dreitägige Zuckerfest beginnt. Danach geht wieder der Alltag los mit seinen Zumutungen, aber auch seinen Freuden. Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden – und das ist der Republik, allen Unkenrufen zum Trotz, im Großen und Ganzen gut bekommen. Auch weil die meisten verstanden haben, wie wichtig es ist, im Gespräch zu bleiben.

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