Serie Rathäuser

Rathaus Karlsruhe: Vom Balkon wurde 1849 die Republik ausgerufen

Verwaltet wird die Fächerstadt Karlsruhe in einem klassizistischen Bau von Friedrich Weinbrenner, der Anfang des 19. Jahrhunderts entstand. Das Rathaus am Marktplatz, auch als die „gute Stube“ von Karlsruhe bezeichnet, steht an zentraler Stelle in der Innenstadt und unweit des vom Markgrafen Karl Wilhelm erbauten Schlosses aus dem Jahr 1715.

Die Republik der Badischen Revolutionäre wurde kurze Zeit später niedergeschlagen.Der Bau am Markplatz in Karlsruhe ist heute Hauptsitz der Verwaltung

Dischinger)

KARLSRUHE. 1725 – zehn Jahre nach der Gründung der Stadt Karlsruhe durch Markgraf Karl Wilhelm, begannen die Planungen für das erste Rathaus. Ausschlaggebend für die Entscheidung, wo an zentraler Stelle das Gebäude entstehen könnte, war die Frage, wo der Wochenmarkt seinen Platz finden würde. Der Markgraf befragte dazu die Bürger – nicht ohne Hintergedanken. Er wollte nämlich auch wissen, welchen Beitrag sie – je nach Ort – in Geld oder Sachwerten für Rathaus und Markt zu leisten bereit wären. Bestand hatte es keinen: Nachdem es 1728 errichtet worden war, wurde es rund acht Jahrzehnte später schon wieder abgerissen.

Das heutige Rathaus aus dem Jahr 1805 auf dem Marktplatz gehört zu den imposanten Bauten des Architekten Friedrich Weinbrenner und ist Teil der sogenannten Via Triumphalis.

Bei einem Bombenangriff wurde das Rathaus zerstört

Mit der Via Triumphalis wird die Achse vom Schloss in Richtung Süden bezeichnet – also dem zentralen Strahl der als Fächerstadt bezeichneten badischen Metropole. Von Weinbrenner stammt in Karlsruhe aber nicht nur das Rathaus. In seiner Wirkungszeit plante er als städtischer Baumeister zahlreiche Gebäude in der Karlsruher Innenstadt, was die Stadt prägt.

Er hatte als einer der letzten deutschen Architekten die Chance, „eine Stadt als Gesamtorganismus und als ein architektonisches Kunstwerk zu entwerfen“, heißt es in der Stadtchronik. Bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg wurde das Rathaus Ende September 1944 zerstört und zwischen 1948 und 1955 neoklassizistisch wiederaufgebaut.

27 Stadtteile auf 173 Quadratkilometern

Karlsruhe hat rund 306 000 Einwohner und hatte in dieser Hinsicht über einige Jahre hinweg die bisherige Nummer zwei im Land überholt. Vor rund zwei Jahren hat sich Mannheim den Platz mit rund 312 000 Einwohnern wieder zurückgeholt. Karlsruhe hat 27 Stadtteile, die zusammen eine Fläche von insgesamt 173 Quadratkilometern einnehmen – vom Rhein bis zu den letzten Hügeln der nördlichen Schwarzwaldausläufer. Besonders verbunden ist die badische Metropole mit den französischen Nachbarn: In rund 15 Minuten ist das Elsass erreichbar.
Der Gemeinderat hat 48 Mitglieder, hinzu kommen Ortschaftsräte unter anderem in den ehemals selbstständigen Orten Neureut und Durlach, die zusammen knapp 50 000 Einwohner stellen.

In seiner heutigen Erscheinungsform steht es unter Denkmalschutz. Besonders charakteristisch am Rathausbau ist der Turm mit einem Glockenspiel. Er enthielt früher auch Arresträume. Heute trägt das Rathaus den Zusatz „am Marktplatz“. Er ist wichtig, weil die Großstadt Karlsruhe mehrere Rathausstandorte kennt: das Technische Rathaus beispielsweise, das lediglich einen Block weiter liegt. Oder aber weitere Außenstellen wie das Rathaus an der Alb für den sozialen Bereich. Aber: Das Gebäude am Marktplatz ist mit Blick auf Verwaltung und Politik die Schaltzentrale von Karlsruhe.

Hier haben Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) und alle fünf Bürgermeister sowie ihre Teams ihre Büros. Hier befindet sich auch der Bürgersaal. Hier tagen der Gemeinderat und alle seine Ausschüsse in einem ebenso denkmalgeschützten Raum, der deswegen auch seine Schwierigkeiten mitbringt. Zuhörer auf einer Empore können zwar die Bürgermeister von vorne sehen, die Gemeinderäte aber lediglich von hinten. Das gilt auch für Medienvertreter, die mit auf der Empore weit weg vom Geschehen sitzen. Grundlegende bauliche Veränderungen können an dem Raum, der auch akustisch Nachholbedarf hätte, nicht vorgenommen werden.

Das liegt auch am Wandbild von Erwin Spuler aus dem Jahr 1955 an der Frontseite des Bürgersaals, das den Karlsruher Grundriss in den 1950er-Jahren zeigt und Besonderheiten der Stadt mit einfachen künstlerischen Mitteln hervorhebt.

Bei Umbaumaßnahmen wurde der Brandschutz erneuert

Besonders am dreigeschossigen Gebäude mit drei Innenhöfen ist, dass das Foyer im Eingangsbereich eigentlich gar kein richtiges ist. Es befindet sich stattdessen im ersten Obergeschoss mit einem direkten Zugang zum Balkon mit Blick auf den Marktplatz. In erfolgreicheren Zeiten der Fußballmannschaft des Karlsruher SC wurden hier die Aufstiege gefeiert. Weil die aber selten geworden sind, wird der Balkon grundsätzlich eher weniger genutzt. Ein wirklich historisches Ereignis hat der Balkon jedoch auch erlebt: Von dort aus wurde am 14. Mai 1849 die Republik der Badischen Revolutionäre ausgerufen, die kurze Zeit später niedergeschlagen wurde.

Im ersten Obergeschoss hat auch Mentrup sein Büro. In unmittelbarer Nähe hat sich der Oberbürgermeister in einem kleineren, repräsentativen Raum ein kleines Studio einbauen lassen, von dem aus er in Corona-Zeiten Online-Pressekonferenzen abgehalten hat.

Vor wenigen Jahren wurden im Innern des Rathauses größere Umbaumaßnahmen vorgenommen, um den Brandschutz auf den aktuellen Stand zu bringen. Die Türen als Verbindung zwischen den einzelnen Trakten, die neu eingebaut wurden, öffnen sich für den Besucher jetzt automatisch – auch wenn man sich nur nähert und gar nicht durch die Türe will.

Quelle/Autor: Marcus Dischinger

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