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Wie komplex die Turmsanierung einer Kirche ist

Die Leonberger Stadtkirche mit eingerüstetem Turm: Die über 770 Jahre alte Kirche muss dringend saniert werden.
Stefanie Schlüter)Leonberg. Die Glocken der über 770 Jahre alten Leonberger Stadtkirche in der Altstadt sind verstummt. Und das schon seit vielen Monaten. Seit Anfang Januar ist das Gotteshaus komplett geschlossen. Die historische Kirche mit Figuren und Epitaphien des Steinmetzmeisters Jeremias Schwarz, der 1582 kurfürstlicher Hofbildhauer in Heidelberg wurde, muss dringend saniert werden.
Doch historische Kirchen können nicht einfach so saniert werden. Hier gilt es auch den Denkmalschutz zu berücksichtigen. Dieser kann eine Sanierung zwar verteuern, muss es aber nicht, wie Claudia Baer-Schneider, Fachgebietsleiterin Praktische Denkmalpflege im Regierungspräsidium Karlsruhe erläutert. Sie berichtet von einer Kirche in ihrem Bereich, wo eine Wandmalerei gereinigt worden war. Doch dann stellte sich raus, die Kirche war feucht. Die Ursache war ein zu harter Zementputz. Dieser wies Risse auf, durch die das Wasser eindringen konnte. Ein passender Putz und eine Drainage sorgten dafür, dass die Kirche innerhalb von vier Wochen trocken war. Die Kosten betrugen ein Minimum der veranschlagten Sanierungskosten.
Auch am Kirchturm in Leonberg war bei der letzten großen Sanierung im Jahr 1915 teilweise falscher und zu harter Putz verwendet worden. Auch hier drang Wasser ein. Bereits vor ein paar Jahren waren erste Abplatzungen an Steinen festgestellt worden. Diese sollten gerichtet werden. Doch dann wurde die Sanierung umfangreicher als geplant, wie Pfarrerin Heidi Essig-Hinz erzählt. Auf dem Weg über das Gerüst, mit dem der Kirchturm eingerüstet ist, zeigt sie immer wieder auf Steine, die mit einem x markiert sind. Wer dagegen klopft, merkt, dass sie sie hohl sind.
Noch schlimmer sah es aus, als man den Turm aufmachte: An der Holzkonstruktion wurden gravierende Schäden entdeckt. Schrauben zogen nicht mehr. Essig-Hinz zeigt ein Foto, auf dem man mit einem Kugelschreiber tief ins Holz hineinstechen konnte. Pilz und Feuchtigkeit haben den Balken und Schwellen mächtig zugesetzt. Laut Statiker wäre dies nur noch wenige Jahre gut gegangen. Inzwischen arbeiten Zimmerer mit einer Zusatzausbildung für Restaurierungstechnik im Turm. Sie prüfen die Balken, erhalten, was möglich ist, tauschen aus, was nötig ist. Zuvor hatte der Denkmalschutz den Dachstuhl des Kirchturms überprüft. Der untere Teil des Turms wurde mit Eichenholz gebaut, oben wurden 1915 auch Fichten und Tannenhölzer eingesetzt.
Auch die Löwenfiguren auf dem Kirchturm, 1574 von Jeremias Schwarz erschaffen, sind inzwischen zusätzlich gesichert, damit sie nicht herunterfallen. Einer trägt das Wappen der Stadt Leonberg, zwei bewachen das Wappen mit dem doppelköpfigen Reichsadler. Der letzte Löwe trägt ein Steinschild mit mehreren Wappen. Die Kosten für die Sanierung des Turms liegen bei knapp einer Milliarde Euro, wobei sich die Stadt an der Hälfte der Kosten beteiligt.
Doch der Kirchturm mit den engen Absprachen mit dem Denkmalschutz ist nicht die einzige Baustelle in der Altstadtkirche, die seit Jahresbeginn bis Ende 2027 für den Gottesdienst geschlossen ist. Eine weitere Million kostet die Innenrenovierung, bei der unter anderem die gesamte Elektrik aus den 1960er-Jahren erneuert werden muss. Ab Mitte 2027 wird dann die neue Orgel eingebaut. Die alte hatte immer häufiger Aussetzer. Die Orgel kostet die Kirchengemeinde eine weitere Million. Bereits einiges an Spenden ist eingegangen, und die Kirchengemeinde hofft auf weitere Spenden.
Seit ein paar Jahren tauschen sich Landesdenkmalamt und Kirchenbauämter regelmäßig bei Veranstaltungen aus. Dadurch sei ein anderes Vertrauensverhältnis entstanden, sagt Baer-Schneider. Und auch viele Beispiele für eine Kirchensanierung. Ein großes Thema ist inzwischen auch die Umnutzung von Kirchen.