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Radverkehrsförderung 

Günter Riemer: „Keiner von uns will das Auto verbieten“

Seit 15 Jahren gibt es die Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußverkehrsfreundlicher Kommunen (AGFK) – für Günter Riemer eines der erfolgreichsten kommunalen Netzwerke im Land. Der ehemalige Bürgermeister spricht im Interview über Ideologie, die autogerechte Stadt und die Freude am Radfahren. 
Mann mit Brille und grauem Sakko hält ein Fahrrad, im Hintergrund Fahrradständer.

Günter Riemer will die Entscheider in den Kommunen für den Fuß-und Radverkehr gewinnen.

AGFK)

Staatsanzeiger: Sie sprechen von einem „Mindset“ für den Rad- und Fußverkehr. Was sollte man als Gemeinderat oder Kreisrat im Kopf behalten?

Günter Riemer: Das lässt sich in einem Satz darstellen: Die Straßenverkehrsordnung setzt die Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmenden fest. Wenn wir diese Gleichberechtigung erreichen wollen, dann haben wir das richtige Mindset. Aber die Realität ist leider eine andere.

Wie motiviert die AGFK dazu, das zu ändern?

Wir müssen raus aus der reinen Infrastrukturdiskussion. Dafür braucht es Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und Aktionen. Fahrradfahren macht Spaß und ist gesund. Zu Fuß gehen ist erlebnisreich, kommunikativ – da komme ich mit anderen ins Gespräch. Kürzlich wurde eine bekannte Schweizer Studie vorgestellt: Grundschulkinder sollten ihren Schulweg malen. Der Unterschied zwischen den Bildern von Kindern, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen, und denen, die von den Eltern im Auto gebracht werden, ist eklatant.

Zu ihren Mitgliedern gehören 70 Städte, neun Stadtkreise, 22 Landkreise, aber lediglich 13 Gemeinden. Fehlt dort das richtige Mindset?

Kleinere Kommunen – eine für uns typische Grenze sind 20 000 Einwohner – beschäftigen in der Regel kein Fachpersonal für Verkehr. Auf ihren Bauämtern arbeiten oft Menschen, die alles machen: Stadtplanung, Baurecht, Tiefbau, Hochbau. In den großen Städten ist das anders, da gibt es teilweise ganze Abteilungen. Wir verlangen von den Mitgliedern, dass sie auch mal jemanden zu unseren Veranstaltungen schicken. Deshalb haben wir vor vielen Jahren gesagt: Wir müssen die kleineren Kommunen über die Landkreise erreichen und so in die Fläche kommen.

Wenn die kleineren Kommunen planerisch vom Landkreis abhängen, ist dort ein Radkoordinator sinnvoll?

Ja, der Radkoordinator war Teil des Mobilitätsgesetzes Baden-Württemberg, ursprünglich sollten diese Stellen verpflichtend kommen …

…dann gab es Proteste der Landkreise, jetzt sind sie freiwillig …

… und trotzdem haben mittlerweile fast alle Landkreise einen Radkoordinator. Das zeigt, dass unsere Haltung richtig und wichtig war und dass es diesen Bedarf tatsächlich gibt. Jetzt haben die Landkreise unpolitisch, sachlich argumentiert und entschieden. Die Stellen werden zu 100 Prozent vom Land finanziert.

Was sollen die Radkoordinatoren bewirken?

Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass in weitläufigen Landkreisen mit vielen kleinen Kommunen die Radverkehrsförderung gemeindeübergreifend organisiert wird. Politische Grenzen dürfen keine Grenze für Radverkehr sein. Die Verantwortung für viele Straßen liegt beim Landkreis – nicht nur zwischen den Orten, sondern häufig auch innerhalb der Orte. Die Landkreise sind dann die koordinierende Ebene. Dort ist sowohl Expertenwissen als auch Ortskenntnis vorhanden.

Haben die Radkoordinatoren den Spielraum, den sie brauchen?

Aus meiner Sicht sind sie hierarchisch nicht hoch genug angesiedelt, um direkt auf die Bürgermeisterebene zu wirken. Aber sie haben eine wichtige Aufgabe: Entscheider zu einem engagierten Einsatz für den Radverkehr zu motivieren. Sie sollen Verkehrskonzepte für den gesamten Landkreis entwickeln – gemeinsam mit dem ÖPNV und der Straßenbaupolitik des Landkreises. Im Idealfall machen Sie auch noch Aktionen und Kampagnen mit den Nachhaltigkeits- oder Klimaschutzleuten.

Warum ist der Rad- und Fußverkehr für Kommunen wichtig?

Wenn weniger Autos auf den Straßen unterwegs sind, steigt die Aufenthaltsqualität in den Städten und Dörfern. Das Fahrrad hat eine ganz andere Platzbilanz: Auf der Fläche eines Pkw-Stellplatzes finden sechs bis acht Fahrräder Platz. Durch die notwendige Anpassung an den Klimawandel kommen wir an einen Punkt, an dem wir Städte umbauen müssen. Die Stadtplaner wissen das. Überzeugungsarbeit ist vor allem bei den politischen Entscheidungsträgern nötig, die oft zusätzliche Stellplätze für Zweit- oder Drittautos und Saisonfahrzeuge ihrer Einwohnenden einfordern.

Wie lassen sich die Entscheider überzeugen?

Ich kann mich an eine Situation in Kirchheim erinnern, die wir seinerzeit nur angekündigt haben. Wir wollten uns an einem Samstag in einem Wohngebiet treffen, in dem alle sagten: „Wir finden keinen Parkplatz.“ Als dann alle Garagentore geöffnet werden sollten, um zu schauen, ob die zweckentfremdet sind, war das Thema plötzlich erledigt. Letztlich geht es darum, die gleichberechtigte Teilnahme ernst zu nehmen. Davon sind wir noch weit entfernt. Stadtplanung war lange auf die „autogerechte Stadt“ ausgerichtet. Heute geht es vielmehr um Qualitäten für den Aufenthalt und Klimaanpassung. Diese neue Qualität der Infrastruktur baut man allerdings nicht so einfach um.

Der Autoindustrie geht es schlecht. Handeln Sie sich den Vorwurf ein, gegen das Auto und gegen den Wohlstand zu sein?

Mir und vielen Mitstreitern ist sehr oft begegnet: „Die wollen nur das Auto verbieten.“ Das will bei uns keiner. Ich erinnere mich an eine Anfrage aus dem Landtag bei der uns einseitige Ausrichtung vorgeworfen wurde. Wir waren damals fünf Vorstände, fünf Bürgermeister, einer davon grün, ein oder zwei CDU-Mitglieder. Ich bin parteilos, sitze für die Freien Wähler im Kreistag im Kreis Esslingen – also weit weg von jeder Ideologie. Und wir stehen für etwas, nämlich die Förderung von Fuß- und Radverkehr. Besonders im Alltag.

Im Landtag gab es auch eine Bilanz zu 15 Jahren AGFK.

Unsere Ideologiefreiheit wurde vergangenen Mai im Landtag bestätigt: In der Debatte zu „Radland Baden-Württemberg – eine Erfolgsgeschichte 15 Jahre nach Gründung der AGFK BW“ lautete der Tenor der Fraktionen: „Das hat sich gelohnt.“

Wie sehen das die Bürger?

Als Bürgermeister war ich für alle diese Themen verantwortlich. Wenn Sie vor Ort tätig sind, sehen sie die reale Wahrheit jeden Tag. Sie begegnen Bürgerinnen und Bürgern, die Ihre Arbeit vielleicht anzweifeln – und Sie darauf ansprechen. Da geht es um Platzbedarf, verstopfte Straßen, Sicherheit. Wenn ein neues Baugebiet entsteht, selbst in kompakter Bauweise, stellt sich immer die Frage: Wie viele Autos, wie viel Verkehr? Verkehr ist also ständig präsent. Es gibt keine Kommune mehr, die das nicht in ihren Planungen berücksichtigt.

Wie sind Sie auf das Thema Radfahren gekommen?

Als Jugendlicher hatte ich keine Lust mehr auf volle Omnibusse. Also bin ich mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, fünf, sechs Kilometer über den Berg. Mitte der 70er-Jahre war das schon etwas Exotisches. Ich habe dann große Freude an dieser Sportart gefunden, habe Funktionärsaufgaben im Verein übernommen, später im Verband, habe eine Trainerausbildung gemacht und 20 Jahre lang die „Tour de Ländle“ mitorganisiert.

Zur Person

Günter Riemer, Jahrgang 1961, war von 2004 bis 2025 Erster Bürgermeister in Kirchheim/Teck. Der Diplomingenieur für Bauwesen steht der Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußverkehrsfreundlicher Kommunen (AGFK) im Land vor. 114 Städte, Gemeinden und Landkreise sind Mitglied in dem Netzwerk, das sich für Fuß- und Radverkehr im Land einsetzt. Die AGFK bietet Best-Practice-Beispiele, Beratung und Austausch von Experten sowie Aktionen. Sie finanziert sich zu zwei Dritteln aus Landesmitteln, zudem aus Mitgliedsbeiträgen und durch Sponsoren.

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