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In 60 Minuten von Calw nach Stuttgart

Die Hermann-Hesse-Bahn fährt in den Bahnhof in Calw ein.
Schlüter)Calw. Fast fühlt man sich in eine andere Zeit versetzt. Als die ersten Dampfzüge in Bahnhöfe einliefen und von der Bevölkerung bejubelt wurden. In diesem Fall ist es kein Dampfzug, sondern ein hochmoderner batterieelektrischer Zug, der die 120 Ehrengäste bei seiner Jungfernfahrt von Calw nach Weil der Stadt im Kreis Böblingen bringt. Und an jedem Halt – in Heumaden, Althengstett und Ostelsheim – waren die Bahnsteige voll mit Menschen, Fähnchen wurden geschwungen, Luftballons wehten in der Luft, Konfetti flog durch die Luft. Hier wurde gefeiert, dass die Hermann-Hesse-Bahn am 1. Februar ihren regulären Betrieb aufnimmt.
Ein langer Weg zur Reaktivierung
1872 war die Strecke erstmals in Betrieb genommen worden. Doch in den 1980-Jahren kam dann das Ende. 1983 führ der letzte Personenzug auf der Strecke, 1988 der letzte Güterzug. Die Deutsche Bahn stellte den Betrieb ein. die stillgelegte Bahnstrecke wurde 1994 vom Landkreis Calw gekauft. 2001 begannen die Überlegungen für eine Reaktivierung der Strecke mit der Untersuchung erster Varianten. 2015 steht fest: Eine Reaktivierung der Bahnstrecke ist wirtschaftlich. 2013/14 wird ein Konzept ausgearbeitet: Die Bahn soll wieder zwischen Calw und Weil der Stadt beziehungsweise Renningen verkehren. Renningen ist deshalb wichtig, weil sich dort die S-Bahn von Weil der Stadt teilt: nach Stuttgart oder nach Böblingen. Und wer möchte schon gerne zweimal umsteigen, wenn es auch mit einem Umstieg geht?
Tunnellösung für die Fledermäuse
Im Juni 2015 haben sich schließlich das Verkehrsministerium, die Region Stuttgart, die Landkreise Calw und Böblingen sowie die Anrainerkommunen auf die Realisierung des Bahnprojekts verständigt. Zunächst bis Weil der Stadt beziehungsweise Renningen, später soll die Bahn sogar bis Stuttgart fahren. Doch dann geht es doch nicht so schnell wie gedacht: Denn die stillgelegten Tunnelröhren, die nun wieder genutzt werden sollten, sind zwischenzeitlich von Fledermäusen bezogen worden. Der Naturschutzbund hatte sogar Klage eingereicht. Denn nach Angaben von Nabu-Landeschef Johannes Enssle handelt es sich um ein bundesweit bedeutsames Fledermausvorkommen.
Inzwischen wurde eine Lösung gefunden: In den Tunnel wurde eine weitere Wand eingezogen, die Fledermäuse und Züge trennt. Außerdem wurde der Tunnel für die Bahn in beide Richtungen verlängert und mit Ultraschall zum vergrämen der Tiere ausgerüstet. So wird vermieden, dass die Tiere den falschen Eingang nutzen und mit den Zügen kollidieren. Landkreis, Verkehrsministerium und Naturschutzbund sprechen hier von einem Pionierprojekt, dass auch beispielgebend für andere sein kann.
An diesem Samstag scheinen die Probleme alle vergessen. Alle sind glücklich, dass die Bahn endlich ihren Betrieb aufnimmt. Und Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat auch pünktlich zum großen Bürgerfest in Calw die Betriebserlaubnis mitgebracht, die er Landrat Helmut Riegger übergibt. Und Riegger, der seit 2009 im Amt ist, erzählt, dass es eigentlich Hans-Jochen Bay, der Mann der Stuttgarter Regierungspräsidentin war, der die Initialzündung für das Projekt gab.
Für Riegger hat das Projekt allerdings auch gezeigt: „Wir brauchen schneller Genehmigungsverfahren.“ Und Hermann ergänzt, dass es nicht alleine eine Frage der Gesetze sei, sondern auch der Menschen und Behörden. Und auch da sei während des Projekts nicht immer alles glatt gelaufen.
Perspektiven für den Landkreis
„Was wir heute erleben durften, war weit mehr als die Eröffnung einer Bahnlinie“, sagt Landrat Riegger. Es sei ein Tag voller Emotionen, Begegnungen und ehrlicher Freude gewesen. „Die Hermann-Hesse-Bahn ist das Ergebnis von Mut, Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen für eine Strategie zu einer modernen Mobilität in der Region. Diese Bahn steht für neue Chancen in der Wirtschaft und im Tourismus und für eine gute Zukunft unserer Region. Heute haben wir nicht nur Gleise eröffnet, sondern vor allem Perspektiven für den Landkreis“, so Riegger.