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Judenhass ist weit verbreitet, was kann man tun?

Das Schwerpunktprogramm des Theodor-Heuss-Hauses in Stuttgart bietet unter dem Titel „Immer noch. Antisemitismus in Deutschland“ Vorträge, Workshops und Ausstellungen.
SBTHH/ChatGPT)Stuttgart. „Wir haben uns ganz bewusst entschieden, unser Schwerpunktprogramm nicht ‘Nie wieder‘, sondern ‘Immer noch‘ zu nennen. Antisemitismus gibt es immer noch, er war nie weg“, sagt Thorsten Holzhauser, Geschäftsführer und Vorstandsmitglied der Stiftung Theodor-Heuss-Haus (STBHH) in Stuttgart. „Nie wieder“ hatten Überlebende des KZ Buchenwald nach ihrer Befreiung am 19. April 1945 bei einer Trauerfeier für die Toten skandiert. Für „Nie wieder“ stand auch der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss.
So heißt es „Immer noch. Antisemitismus in Deutschland“ im Theodor-Heuss-Haus. Auf dem Programm, das in Kooperation mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg entstand, stehen Vorträge, Gespräche, Workshops sowie Ausstellungen. Experten und Expertinnen sind geladen, außerdem wird im „HeussLab“, einem interaktiven und partizipativen Lern- und Diskussionsformat mit 14 Schulen aus Stuttgart und Region kooperiert.
Zahl der antisemitischen Straftaten stark gestiegen
Das Schwerpunktthema scheint zeitgenau gesetzt: Gerade wurden Zahlen öffentlich, die einen starken Anstieg antisemitischer Straftaten von weniger als 500 im Jahr 2022 auf über 2260 im vergangenen Jahr zeigen. Viele der Delikte geschahen bei Demos für Palästina. „Antisemitismus und auch antisemitische Straftaten gab es leider immer“, sagt Holzhausen. „Auch in der Gesellschaft der alten Bundesrepublik war Antisemitismus vorhanden. Derzeit gibt es zudem bestimmte Katalysatoren, unter anderem den Gaza-Konflikt, die antisemitische Haltungen schüren und teils auch als Rechtfertigung genutzt werden, um sich antisemitisch zu äußern und zu betätigen.“
Daher sei es Ziel, beides deutlich zu machen: zum einen zu fragen, wie sich Antisemitismus historisch entwickelt hat, zum anderen auch über die aktuellen Faktoren nachzudenken, die das befeuern und antreiben. „Der Gaza-Konflikt ist einer, aber es gibt auch andere, etwa die ganze Entwicklung unserer Medienlandschaft, insbesondere der sozialen Medien und der großen Tech-Konzerne“, befindet Holzhausen.
Auch die Berlinale stand unter dem Einfluss des Nahost-Konflikts. Unter anderem gab es einen offenen Brief mehrere Filmemacher, in dem der Berlinale das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“ vorgeworfen wurde. Natürlich gebe es legitime Kritik an der israelischen Regierung, sagt dazu Holzhausen, „und es muss auch möglich sein, diese Regierung und den Krieg zu kritisieren.“ Deshalb wolle man ein Diskussionsforum bieten, um zu reden, etwa darüber, inwiefern es immer wieder antisemitische Verschwörungsmythen gibt. Der Antisemitismus sei für die globale extreme Rechte ein „ganz stark verbindendes Element“, sagt Holzhausen, was sich besonders in Verschwörungsnarrativen zeige, etwa in der Hetze gegen den US-amerikanischen Investor und politischen Aktivisten George Soros und die sogenannten „globalen Eliten“.
„Weiterhin fragen wir, inwiefern der Antisemitismus in der politischen Linken, aber auch in der sogenannten Mitte unserer Gesellschaft verbreitet ist“, so Holzhausen. „Das sind Haltungen, Denkweisen, die uns gar nicht immer bewusst sind. Daher müssen wir uns diese antisemitischen Stereotype bewusst machen, um ihnen im besten Fall entgegenwirken zu können.“
Mitglieder der jüdischen Gemeinde sind zu Gast
Deshalb nimmt Holzhausen auch die Lebensrealität von Jüdinnen und Juden in den Blick, etwa in Veranstaltungen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde, die von ihren Erfahrungen berichten. „Wir wollen nicht nur informieren“, sagt er, „sondern auch Empathie befördern.“