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Interview

Oberbürgermeisterin Haberstroh: „Traditionelle Rollenbilder schleichen sich wieder ein“

Metzingen (Kreis Reutlingen) ist die Hochburg des Fabrikverkaufs für Mode. Im Interview erläutert Oberbürgermeisterin Carmen Haberstroh, warum die Stadtkasse trotz hoher Einnahmen unter Druck geraten ist und weshalb sie dennoch entschlossen in die Zukunft investiert. 

Carmen Haberstroh ist seit 2021 Rathauschefin von Metzingen. Die Stadt investiert in Schulen und plant ein Hallen- und Freibad, um für Arbeitskräfte attraktiv zu bleiben.

Thomas Kiehl)

Staatsanzeiger: Metzingen ist der größte Outlet-Standort Europas. Ist das ein Selbstläufer?

Carmen Haberstroh: Das ist ein riesiger Standortvorteil. Es ist ein großes Privileg, dass wir die Outletcity hier in Metzingen haben – neben der Hugo Boss AG und anderen wichtigen Arbeitgebern. Die Outletcity bringt eine enorme Wertschöpfungskette. Davon profitieren viele Dienstleister: von der Reinigungsfirma bis hin zur IT, aber natürlich auch Hotellerie und Gastronomie. Wir haben jährlich rund viereinhalb Millionen Besucherinnen und Besucher.

Ist die Outletcity Metzingen auch für die Bürger da?

Unsere Bürgerinnen und Bürger nutzen das Angebot der Outletcity selbstverständlich mit. Das bringt Lebensqualität: Man muss zum Einkaufen nicht mehr woanders hinfahren. Wir hatten in den letzten Jahren einen riesigen Zuwachs an Arbeitsplätzen, auch von Frauen in Teilzeit. Wir haben in Metzingen rund 14 800 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse bei 23 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Das ist enorm. Hinzu kommt die wirtschaftliche Dimension: Metzingen hatte dank auch anderer erfolgreicher Firmen in Metzingen schon immer überdurchschnittliche Gewerbesteuereinnahmen.

Trotzdem gibt es jetzt einen Personalstopp in der Verwaltung, gleichzeitig investieren Sie.

Die Herausforderungen durch die Finanzsituation waren für uns noch nie so gravierend. Ich war auch in der Verantwortung, als 2009 die Finanzkrise war. Ich kenne die Aufs und Abs gut. Jetzt ist leider nicht erkennbar, dass die Kommunen ohne tiefgreifende Veränderungen in der Politik ihre Aufgaben künftig gut erfüllen können. Das Infrastrukturvermögen war ein guter Anfang. Metzingen profitiert mit 13 Millionen Euro.

Was geschieht damit?

Wir haben zwei größere Schulprojekte, in die wir 81 Millionen Euro investieren: eine große Grundschule und unser Gymnasium – Generalsanierung, teilweise Neubau. Außerdem bauen wir ein neues Kinderhaus für rund 11 Millionen Euro. Die Mittel aus dem Paket sind bei uns in den nächsten zwei Jahren aufgebraucht. Zusätzlich müssen wir Kredite aufnehmen. Das hatten wir in Metzingen jahrelang nicht, unser Schuldenstand wird sich verdreifachen. Wir müssen das aber jetzt tun, um attraktiv zu bleiben. Der Wettbewerb zwischen den Kommunen um die besten Fachkräfte wird zunehmen.

Und Sie bauen ein neues Kombibad auf der grünen Wiese. Der BUND sprach kürzlich von Rechtsbruch, weil Sie alte Streuobstbäume dafür fällen ließen.

Es war kein Rechtsbruch. Wir hatten eine Genehmigung und haben in der Zeit, in der diese galt, die Bäume gefällt.

Seit wann planen Sie das Bad?

2017 begann das umfangreiche Bürgerbeteiligungsverfahren, das landesweit beachtet wurde. Dann gab es einen Bürgerentscheid zu diesem Standort, mit hoher Wahlbeteiligung und einer hohen Zustimmung von über 70 Prozent. Während der Corona-Pandemie und des Ukraine-Kriegs haben wir das Verfahren unterbrochen, wie alle finanzintensiven Vorhaben. Seit 2023 laufen die planungsrechtlichen Beteiligungsverfahren, wo alle Aspekte abgewogen wurden. Es gibt umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen, abgestimmt unter anderem mit der örtlichen Nabu-Gruppe.

Sie sind eine von sechs Oberbürgermeisterinnen im Land. Warum gibt es so wenige Frauen?

(lacht) Ich habe neulich eine Reihe von Interviews gesehen und festgestellt: In jedem Interview kommt diese Frage. Mir wäre es mittlerweile fast lieber, es wäre nicht mehr die Lieblingsfrage.

Ist das Thema nicht relevant?

Ich finde es ein relevantes Thema. Ich werde nicht müde, bei jeder Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen. Oft habe ich Schulklassen zu Besuch. Da erzähle ich dann immer: „Ich war vor 30 Jahren die erste Frau in einer Führungsposition bei der Stadt, jetzt bin ich die erste Oberbürgermeisterin.“ Das bleibt hängen.

Hat sich die Sichtweise auf das Thema verändert?

Es ist normaler geworden, dass Frauen Führungspositionen übernehmen. Ich hatte immer Personalverantwortung und habe versucht, Frauen zu fördern. Viele Männer in meinem Umfeld sagen: „Für uns ist die Emanzipation abgeschlossen, wir sehen alle als gleichwertig an.“ Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, dass Frauen stärker beäugt werden. Ich nehme wahr, dass sich leider wieder traditionelle Rollenbilder einschleichen. Es gibt stärker die Frage: Wie soll eine Frau sein?

Und wie sind Sie?

Ich war Leiterin der Stadtwerke. Ich kenne Wirtschaft und Verwaltung. Ich habe einmal in einem Interview gesagt: „Ich kann das. Ich weiß, was ich tue, ich kann Entscheidungen treffen und bewerten.“ Früher hätte ich gezögert, so etwas zu sagen.

Wie kam das an?

Die einen sagten „Mensch, die hat Power“, andere fragten sich „Was ist mit ihr los?“ Das hat viel mit Rollenbildern zu tun. Wir kommen da nicht so leicht raus – egal ob Mann oder Frau.

Zur Person

Carmen Haberstroh kam nach der Verwaltungshochschule in Kehl zur Stadt Metzingen. Bei den den Stadtwerken startete sie 1995 als erste Frau in einer Führungsposition. Im Jahr 2016 wurde sie vom Gemeinderat zur Finanzbürgermeisterin gewählt. Am 2. Mai 2021 gewann Haberstroh die Oberbürgermeisterwahl im ersten Wahlgang mit 77,7 Prozent gegen einen Mitbewerber. Die 55-Jährige folgte auf Ulrich Fiedler, den amtierenden Landrat im Kreis Reutlingen.

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