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Marie Regine Josenhans: Ein Engel für die Armen

Marie Regine Josenhans engagierte sich für die Armen im Stuttgarter Bohnenviertel und seit 1919 auch im Gemeinderat.
epd)Stuttgart. Sie war eine Pionierin in der Sozialarbeit und der Politik: Marie Regine Josenhans galt als „Engel des Bohnenviertels“ in Stuttgart. Sie erhielt als eine der ersten Frauen ein Mandat im Stuttgarter Gemeinderat und nutzte ihren Einfluss, um Not zu lindern, wo andere lieber wegschauten. Vor 100 Jahren ist Josenhans gestorben.
Als die Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts das Stuttgarter Bohnenviertel in ein Quartier des Elends verwandelte, packte Josenhans an. Das herrschaftliche Elternhaus in der Olgastraße funktionierte sie um. Im einstigen Domizil eines reichen Lederhändlers stapelten sich bald Möbel und Kleider für Bedürftige.
Von hier aus vermittelte sie Wohnungen und Arbeitsplätze an Menschen ohne Perspektive. Sie half entscheidend mit, die bis heute existierende „Leonhardskrippe“ aufzubauen – eine Einrichtung, die damals bis zu 115 Kindern aus armen Familien einen Hort bot. In der Leonhardskirche gehörte sie als erste Frau dem Kirchengemeinderat an.
Josenhans führte die Königin Charlotte von Württemberg persönlich durch die Notunterkünfte des Bohnenviertels. Der Besuch der Monarchin legte die katastrophalen Zustände offen: enge und überfüllte Wohnungen, einsame Witwen in kalten Kammern, hungernde Kinder in zerlumpten Kleidern.
Ihr Durchhaltevermögen schaffte Vertrauen
„Die Vornehmheit ihres Auftretens und ihre herzliche entgegenkommende Art machten sie zum mildtätigen ‚Herzen‘ des Armeleuteviertels, ihr unverdrossener Lebensmut steckte an, ihr Durchhaltevermögen schuf Vertrauen“, schreibt die Biografin Mascha Riepl-Schmidt. Gleichzeitig hielt Josenhans die Schicksale der Menschen in ihren Büchern fest. Unter dem Titel „Meine alten Weiblein“ veröffentlichte sie einfühlsame Geschichten, die das Elend sichtbar machten. Die Schriften wurden Bestseller und finanzierten ihre Arbeit.
Als Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg Frauen das Wahlrecht gewährte, zögerte sie nicht. 1919 zog Marie Josenhans als eine von nur vier Frauen in den Stuttgarter Gemeinderat ein. Bis zu ihrem Tod blieb die Politikerin der Württembergischen Bürgerpartei das, was man das „soziale Gewissen“ des Gremiums nannte. Trotz eines schweren Herzleidens, an dem sie schließlich starb, kämpfte sie unermüdlich.
In jungen Jahren verlor sie ihre Eltern und eine Schwester
Geboren wurde sie 1855 als jüngstes von 16 Kindern. Mit 15 Jahren verlor sie binnen anderthalb Jahren ihre Eltern und eine Schwester. Ihr Weg schien dennoch vorgezeichnet: eine gute Ausbildung am Genfersee, Gesangsunterricht, die Verlobung mit einem Offizier. Doch dann brach sie mit den Konventionen. Sie löste die Verlobung und entschied sich für ein Leben ohne Ehemann und voller Engagement für andere.
Auf dem Pragfriedhof pflegt die Stadt Stuttgart ihre letzte Ruhestätte als Ehrengrab. In Stuttgart-Weilimdorf erinnert die Josenhansstraße an sie. (epd)