Themen des Artikels
Um Themen abonnieren und Artikel speichern zu können, benötigen Sie ein Staatsanzeiger-Abonnement.Meine Account-Präferenzen
Wie ein Flüchtling aus Syrien Bürgermeister in Ostelsheim wurde

Ryyan Alshebl (rechts) in der Herrenberger Spitalkirche mit Rafael Binkowski, er liest aus dem Buch „Flucht nach vorn“ vor.
Privat)Herrenberg. Mit diesem Ansturm hat er nicht gerechnet. „Ich bin überwältigt“, sagt der 32-jährige Bürgermeister von Ostelsheim im Kreis Calw, als 200 Zuschauer in Herrenberg (Kreis Böblingen) zur Lesung kommen, und etliche nicht in die Spitalkirche können, weil alles voll ist.
„Flucht nach vorne“ heißt das Buch, dass der Mann mithilfe einer Lektorin verfasst hat, der 2015 mit dem Schlauchboot unter Lebensgefahr das Mittelmeer überquert hat, ohne ein Wort Deutsch zu können. Und 2023 Bürgermeister wurde. Man nannte es auch das „Wunder von Ostelsheim“. Wobei Ryyan Alshebl ein wenig Mitleid hat mit seinem Nachbarort Althengstett .
„Wenn man die Bürger dort fragt, wo sie herkommen, sagen sie jetzt immer: Das Dorf neben Ostelsheim“, scherzt der Rathausschef, der in atemberaubender Geschwindigkeit Deutsch gelernt hat. Wie das gelang? „Das liegt eindeutig an der Volkshochschule Calw“, sagt der syrischstämmige Schultes, der längst die deutsche Staatsbürgerschaft hat.
Im Buch wird die dramatische Flucht beschrieben
Vielleicht ist es der Humor, der ihn hat überleben lassen. Es gibt viele ernste Momente an diesem Abend, an dem er aus seinem Buch liest, über seine Heimat Syrien schreibt, wo er der drusischen Minderheit angehört hat. „Wenn man sich bewusst wird, dass man seine Familie, seine Gemeinschaft vielleicht nie wieder sieht, das ist furchtbar“, sagt er.
Lesen Sie hier ein Interview mit Ryyan Alshebl
Dabei gehörte er zu den privilegierten Syrern, die nach Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 genug Geld für die Flucht hatten. Das Schlauchboot für 15 Personen war mit 50 Menschen voll. „Man denkt darüber nach, wie es sich anfühlt zu ertrinken“, erzählt er. Zwei befreundete Frauen mit ihren Kindern sind gestorben, das hat ihn getroffen.
Ein Bürgermeister hilft Alshebl beim Start
Doch in Deutschland fing er neu an. Es war der damalige Bürgermeister von Althengstett, Götz Clemens, der ihm eine Chance gab. Alshebl machte eine Ausbildung engagierte sich politisch, trat bei den Grünen ein. Dann irgendwann sagte er sich: „Ich kandidiere als Bürgermeister.“ Anfangs wurde er belächelt, dann mit großer Mehrheit gewählt.
Als der Moderator des Abends, Chefredakteur Rafael Binowski sagt: „Meinen größten Respekt dafür, dass Sie all das erreicht haben, und noch Humor haben, machen Sie genauso weiter“, gibt es minutenlangen Applaus. Ein bisschen Ostelsheim ist inzwischen in ganz Deutschland.