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S 21 stellte die Weichen für Kretschmanns Wahlerfolg

Die Baustelle des neuen unter die Erde verlegten Hauptbahnhofs im Rahmen des Bahnprojekts Stuttgart 21.
dpa/Bernd Weißbrod)Der „Schwarze Donnerstag“ am 30. September 2010, wenige Monate nach dem Baubeginn von S 21, gehört zu den Wegmarken des Grünen-Erfolgs in Baden-Württemberg. Die Polizei stürmte mit Schlagstöcken, Wasserwerfern und Pfefferspray den Stuttgarter Schlossgarten, den Demonstranten vor der Rodung schützen wollten. Der Gewalteinsatz war für Stuttgart überwältigend. Dem unbeliebten CDU-Ministerpräsidenten Stefan Mappus war die Planung vermutlich bekannt, die Eskalation war mit ihm verbunden.
Die Grünen dagegen gehörten zu den Bahnhofsgegnern, und das Pendel der Geschichte schien zu ihren Gunsten auszuschlagen. Schwerverletzte, überbordende Staatsgewalt wegen des legitimen Protests gegen ein Bahnprojekt – das stellte Stuttgart 21 infrage und katapultierte die politische Gegnerschaft der Grünen aus dem Kleinklein der Oppositionspolitik ins Staatstragende.
Die S-21-Schlichtung bot eine willkommene Bühne
Und wer führte damals die Grünen im Landtag? Dem Fraktionschef Winfried Kretschmann bot die darauffolgende Schlichtung eine willkommene Bühne. Das Interesse an den Diskussionen unter der Leitung von Heiner Geißler sicherte ihm stete Medienpräsenz, und im folgenden Landtagswahlkampf kristallisierte sich heraus, dass ein Herr mit Bürstenhaarschnitt und breitem schwäbischem Dialekt zusammen mit der SPD die 58-jährige CDU-Herrschaft beenden könnte.
Als dann noch das Atomkraftwerk von Fukushima kurz vor der Wahl explodierte, gewann er die Wahl. Am 27. März 2011 verdoppelten die Grünen ihren Anteil auf 24 Prozent, die SPD schaffte 23 Prozent – gemeinsam reichte es, um Kretschmann zum Ministerpräsidenten zu wählen, angeschoben durch Stuttgart 21.
Zuvor einigten sich die Koalitionäre auf einen Volksentscheid zur Projektfinanzierung, um so ihre Differenzen zu überwinden. Das Framing lautete „Politik des Gehörtwerdens“. Das Ergebnis fiel für den S-21-Gegner in der Villa Reitzenstein ernüchternd aus, doch er akzeptierte es – was einen Bruch mit den Bahnhofsgegnern provozierte.
Kommentator von Hiobsbotschaften
Kretschmann hatte 15 Amtsjahre lang die S-21-Hiobsbotschaften zu kommentieren. Wahlkampf wollte er mit dem Projekt keinen mehr machen – „Der Käs’ ist gegessen“ –, aber das Volk würde er auch nicht mehr abstimmen lassen. Die Bürgerbeteiligung sieht der Grüne nach dem Brexit kritischer als zu den Hochzeiten des S-21-Protests.