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Der Landesvater - 15 Jahre Winfried Kretschmann als Ministerpräsident

Der Ministerpräsident, der die Automobilindustrie fast zähmte

Einst stand Winfried Kretschmann für die klassische grüne Linie: weniger Autos, mehr Bahn-, Fahrradfahren und Laufen. Doch nach seiner ersten gewonnenen Wahl im Jahr 2011 wurde klar, dass diese Haltung im Autoland Baden-Württemberg kaum lange zu halten sein würde.
Zwei Personen vor einem Auto mit "THE LÄND" Aufkleber, Nummernschild S-HC 6750E.

Britta Seeger, Mercedes-Vertriebsvorständin überreicht Kretschmann 2022 einen vollelektrischen EQS als Dienstwagen.

dpa/Bernd Weißbrod)

Dieser Satz schlug ein wie eine Bombe: „Weniger Autos sind natürlich besser als mehr“, postulierte Kretschmann im April 2011 kaum, dass er zum Ministerpräsidenten gewählt war. Kurz nach seinem spektakulären Wahlsieg gegen seinen Kurzzeit-Vorgänger Stefan Mappus (CDU) schwärmte der damals designierte Regierungschef unverhohlen, man müsse in Zukunft Mobilitätskonzepte verkaufen und nicht nur Autos. „Laufen, Fahrradfahren, Eisenbahnfahren“ stellte er unversehens auf eine Ebene mit dem Auto, der Mobilitäts-Ikone. Das Echo war heftig. Weit über die Landesgrenzen hinaus entrüstete sich die Republik über Kretschmanns grüne Visionen. Die Industrie sah sich in ihrer Sorge über einen grün-roten Wahlsieg in Baden-Württemberg bestätigt.

Kernprojekt: Der ökologische Umbau der Autoindustrie

Der Sportwagenbauer Porsche reagierte und lud Kretschmann ein, über die Zukunft des Autolands zu sprechen. Selbst unter Gewerkschaftern und Betriebsräten rumorte es. Kretschmann betreibe ein gefährliches Spiel mit Arbeitsplätzen.

Der ökologische Umbau der Autoindustrie sollte zu einem Kernprojekt des damals 62 Jahre alten Politikers werden. Auch wenn er sogleich wieder versuchte, den Sturm zu besänftigen: Baden-Württembergs Automobilindustrie müsse sich auch unter einem grünen Regierungschef keine Sorgen machen, „aber sie muss in Zukunft Autos bauen, die viel weniger Sprit verbrauchen“.

Wie keine andere Partei stehen die Grünen für den „Kulturkampf gegen das Auto“. Das liebste Kind der Deutschen ist bei der Öko-Partei höchst unbeliebt, weil es CO₂ emittiert, Straßen benötigt und die Natur beeinträchtigt, wie Kretschmann selbst in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ resümierte. Doch es dauerte nicht lange, da machte der Realo seinen Grünen genau diese Haltung zum Vorwurf. Auf Grünen-Parteitagen erklärte er, dass das Auto gerade in ländlichen Gegenden nicht durch Bus und Bahn ersetzt werden könne. Und auch die Chinesen würden nicht wieder auf das Fahrrad umsteigen. „Nein, die bauen Elektroautos und greifen uns damit an.“

Das Verhältnis zum Auto ist ein Beispiel für den pragmatischen Umgang Kretschmanns mit der Realität: Über die Jahre hat Kretschmann mit seiner industrienahen Position die Anti-Auto-Fraktion in seiner Partei ein ums andere Mal herausgefordert. Er sei viel zu „wirtschaftsfreundlich“, so die Kritik. Heute, wo die Autobranche tief in der Krise steckt und zu Tausenden Arbeitsplätze verliert, stellt er sich deutlicher als je zuvor hinter sie: „Baden-Württemberg muss auch in Zukunft Automobilstandort bleiben, mit überzeugenden Produkten und sicheren Arbeitsplätzen.“ Privat fährt Winfried Kretschmann mittlerweile ein Elektroauto. Das war nicht immer so. Erst 2021 gab er sein privates Dieselauto auf – weitgehend. Der Diesel stehe vor allem in der Garage, sagte er damals der Zeitung „taz“. Er nutze ihn nur noch, wenn er Sand für den Sandkasten der Enkel brauche. Ein Grüner mit einem Diesel? Das sorgte freilich für Häme und Spott. Schließlich war es seine Landesregierung, die wegen Feinstaub das bundesweit erste Diesel-Fahrverbot für Teile Stuttgarts erwirkt hatte.

Als Dienstwagen nutzte Kretschmann gerne Mercedes-Modelle – trotz medialer Debatten um PS-Stärken und Umweltbelastung. Kritik aus den eigenen Reihen an den Nobel-Karossen bügelte er auf seine typische Art ab: „Ich kann doch keinen Fiat fahren.“ Doch dem Autobauer mit dem Stern gab er gerne auch mal eine mit. 2018 spottete er, er sitze in seiner Mercedes-Benz S-Klasse „wie eine Sardine in der Büchse“. Er selbst klemme sich meistens noch seine Tasche hinter die Füße, weil neben ihm ein Mitarbeiter hocke, der auch Platz brauche. Die teils heftigen Reaktionen im Netz zu seinem 441 PS starken Dienstwagen konterte er kühl: Immerhin komme er mit dem Wagen gut voran. „Man kann mit ihm auch überholen.“

Doch Kretschmann wäre nicht er selbst, wenn er sich nicht auch hier absetzen würde: Von seinen Amtskollegen. Die Deutsche Umwelthilfe kürte ihn im Juli 2025 zum „klimafreundlichsten Landeschef“. Sein Elektrodienstwagen Mercedes-Benz EQS verursache lediglich 70 Gramm CO₂. Damit stand der Baden-Württemberger meilenweit vor seinem bayerischen Amtskollegen Marcus Söder (CSU). Der stoße mit seinem BMW X7 am meisten CO₂ aus, erklärte die Deutsche Umwelthilfe. 292 Gramm pro gefahrenem Kilometer.

Kaum ein anderes Bundesland ist so abhängig vom Auto wie Baden-Württemberg. Die umsatzstärkste Branche des Südweststaats mit 300 Unternehmen einschließlich ihrer Zulieferer beschäftigt immerhin mehr als 220 000 Menschen. Darauf muss jeder Regierungschef Rücksicht nehmen.

Kretschmann entwickelte mit den Autobauern ein enges, zunehmend partnerschaftliches Verhältnis. Die anfängliche Skepsis wich immer mehr der engen Kooperation. Diese wurde im Mai 2017 in einen „Strategiedialog Automobilwirtschaft“ gegossen. Ein Format, das Politik, Industrie, Gewerkschaften und Wissenschaft an einen Tisch bringt, um die Transformation voranzubringen. Top-Level-Meetings mit den Konzernchefs finden statt. Baden-Württemberg solle vom „Automobilland Nr. 1“ zum nachhaltigen „Mobilitätsland Nr. 1“ werden, gibt der MP die Richtung vor. Die Autobosse von Audi, Bosch, Daimler und Porsche folgen brav. Auch, weil das Land viel Geld in die Hand nimmt. Seit 2018 sind über 400 Millionen Euro in Projekte wie Fahrzeugsoftware, autonomes Fahren, Chiptechnologie und elektrischer Antriebstechnologie geflossen.

Wie schwierig der Weg jedoch werden sollte, skizziert schon zu Beginn eine Studie der Landesagentur „e-mobil“. Danach sehen die Experten allein im Südwesten knapp 500 000 Arbeitsplätze von der Transformation der Automobilwirtschaft betroffen. Darunter viele kleine und mittlere Zulieferer, der Handel und die Werkstätten. Bis zum Jahr 2040 sind bis zu 30 Prozent der Arbeitsplätze in Gefahr, so das Fazit. Doch der Weg, die erfolgreiche Ära des Verbrenners zu beenden, wird mutig eingeschlagen. 2022 beschließt die EU-Kommission mit Billigung der deutschen Politik, dass ab dem Jahr 2035 keine neuen Autos mit Benzin- oder Dieselmotor mehr zugelassen werden sollen. Kretschmann glaubt an die Elektromobilität. Von Krise war da noch keine Spur.

Das änderte sich bald. Der Umstieg auf das Elektroauto kommt nicht in Schwung, trotz hoher staatlicher Förderung: Rückläufige Verkäufe, hohe Batteriekosten und fehlende Infrastruktur führen zu sinkender Produktivität in der Branche. Hinzu kommen hohe Kosten am Standort Deutschland und Konkurrenten aus China, die technisch kräftig aufgeholt haben und deutsche Autobauer in der Elektromobilität Marktanteile abnehmen.

Kretschmann fordert, CO₂-Flottenziele zu überprüfen

Kretschmann reagiert praktikabel. Seine grün-schwarze Landesregierung fordert eine sofortige Überprüfung der CO₂-Flottenziele für Pkw. Und: eine Aussetzung möglicher Strafzahlungen. Vor dem letzten „Autogipfel“ im vergangenen Oktober 2025 im Kanzleramt spricht sich Kretschmann für mehr Flexibilität beim geplanten Verbrenner-Aus bis 2035 aus. „Ob es verschoben wird, ist für den globalen Klimaschutz nicht entscheidend. Aber es würde der Wirtschaft in Baden-Württemberg und ganz Europa sehr helfen, weil der Übergang nicht so hart würde.“ Die Automobilindustrie soll die Flexibilität bekommen, die sie benötigt“, sagte der Grünen-Politiker. Entscheidend sei, dass die Wirtschaft am Ziel der Klimaneutralität festhalte.

Die guten Jahre sind vorbei. Die Krise lässt die Autobauer ungeduldig werden. Mercedes Vorstand Ola Källenius verlangt mehr Flexibilität bei den CO₂-Zielvorgaben und einen „technologieoffenen, stärker marktbasierten Ansatz“. Und auch VW-Vorstandschef Oliver Blume rudert zurück: „Im Strategiedialog haben wir zusammen viel erreicht. Wir stehen zur Elektromobilität. Wir benötigen aber einen Realitätscheck der regulatorischen Rahmenbedingungen.“ Längst hat VW seine „Electro only“-Strategie kassiert und setzt auch wieder auf Verbrenner und Hybride. Und nach desaströsen Zahlen vollzieht auch Porsche eine Kehrtwende, die den Sportwagenbauer rund 3,1 Milliarden Euro kostet.

Kretschmann hat den ökologischen Umbau der hiesigen Autoindustrie angestoßen. Bewältigt ist er lange noch nicht. Die Elektromobilität sei zwar zentrale Zukunftstechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität, so der scheidende MP. Da die Ziele bis 2035 ohne Bruch in der Industrie realistisch nicht erreichbar seien, brauche man jetzt mehr Flexibilität, so der grüne Realo.

400 Millionen Euro für neue Mobilitätsideen

Der Strategiedialog Automobilwirtschaft Baden-Württemberg (SDA BW) ist eine Initiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Im Jahr 2017 beruft er das Spitzengremium ein, das Politik, Autobauer, Wissenschaft, Gewerkschaften, Umweltverbände und Zivilgesellschaft branchenübergreifend vernetzt.

Ziel ist es, die Transformation proaktiv zu gestalten. Die Automobilbranche soll emissionsarme Antriebe bauen, Digitalisierung und smarte Mobilität sollen vorangebracht werden, um Wertschöpfung, Jobs und Wettbewerbsfähigkeit in Baden-Württemberg zu sichern. Gefördert werden über 70 Projekte etwa zur Batterietechnologie, Wasserstoff, Software und dem autonomen Fahren mit mehr als 400 Millionen Euro Landesmitteln. Kretschmann nutzt das Bündnis, um Krisen wie das Verbrenner-Aus oder die wachsende Konkurrenz aus China zu meistern – ein Modell, das mittlerweile bundesweit und europäisch Nachahmer findet.

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