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Zieht Özdemir in die Dienstvilla auf der Solitude?

In die einstige Dienstvilla von Hans Filbinger. Lother Späth und Günther Oettinger könnte nun Cem Özdemir einziehen.
dpa/Norbert Försterling)„Soll ich?“, hat Cem Özdemir kokett gefragt, als er kurz nach der Landtagswahl am 8. März bei einem Geburtstag des Stuttgarter Business Club auf der Solitude gefragt wurde, ob er in die Dienstvilla schräg gegenüber einzuziehen gedenke. Wenn er und seine Frau Flavia Zaka die Frage mit Ja beantworten, wird eine lange Tradition wiederbelebt.
Es war einmal eine Scheune aus dem 19. Jahrhundert. Die sollte ursprünglich zum Dienstsitz des baden-württembergischen Ministerpräsidenten umgebaut werden. Tatsächlich folgten nach einer Bestandsaufnahme doch Abriss und Neubau eines Hauses mit acht Zimmern für Kinder, Gäste und Arbeit, einem großzügigen Wohnbereich samt Kamin, einer Küche von Gastroformat und sogar einem Schwimmbad. Ende der Sechziger-Jahre zogen Hans Filbinger und Frau Ingeborg in das Anwesen in unmittelbarer Nähe des Barock-Lustschlosses, das einst Herzog Carl Eugen erbauen ließ. Es war mehr als nur ein Wohngebäude: Der Regierungschef lud Wirtschaftsvertreter oder Journalisten zu sich ein, sogar noch nach seinem Rücktritt anno 1978.
Renovierung kostete 10.000 Mark
Der Auszug erst sechs Jahre später gestaltete sich so holprig, dass die Grünen-Fraktion sogar per Anfrage im Landtag Genaueres wissen wollte. Lothar und Ursula Späth nahmen den Schulwechsel ihrer Kinder zum Anlass für den Einzug, Filbingers neue Stuttgarter Wohnung war aber noch nicht bezugsfertig, also nahm er Logis im damals landeseigenen und leerstehenden Schlosshotel Solitude mit einem Eigenbeitrag von 3500 D-Mark monatlich. Die Kosten für die Neugestaltung etlicher Zimmer entsprechend dem jeweiligen Verwendungszweck übernahmen das Land und damit die Steuerzahler in Höhe von vergleichsweise bescheidenen knapp 10.000 Mark.
Das Schwimmbad wurde mit dem Einzug der Familie Späth aufgelassen und umgebaut, der neue Konferenzbereich regelmäßig genutzt. Für – schnell vorübergehende – Aufregung sorgte, dass Späths Fahrer immer wieder den Kindern zur Verfügung stand, mangels ÖPNV. Dann wurden die Fahrten in Rechnung gestellt. Heute fährt ein Bus im Halbstundentakt von acht Uhr morgens bis Mitternacht.
Nach Traumschiff-Affäre und Rücktritt war der Komplex lange verwaist, weil Erwin und Edeltraud Teufel weiter im heimatlichen Spaichingen leben wollten. Zur Verfügung stand dem Ministerpräsidenten ein Zimmer in einem zum Marienhospital gehörenden Wohnheim. Erst 2005 und nach einer Renovierung für einen „niedrigen sechsstelligen Euro-Betrag“, wie es hieß, kam wieder Leben in das Haus mit der Adresse „Solitude 26“. Günther und Inken Oettinger zogen mit ihrem Sohn Alexander ein, nachdem entschieden wurde, das eigene Heim auf dem Stuttgarter Frauenkopf zu verlassen. Schon die Familie Späth hatte in Bietigheim-Bissingen ähnliche Probleme gehabt: Die Sicherheitsmaßnahmen, die damit verbundene Unruhe, der Polizeiposten und der Personenschutz wurden von den Nachbarn als immer größere gewordene Zumutung empfunden.
Kretschmann darf bei der Villa Reitzenstein bleiben
Wie Teufel verzichteten auch Stefan Mappus für 13 Monate und Winfried Kretschmann für 15 Jahre auf einen Einzug. Der grüne Ex-Studienrat richtete sich bald nach Amtsantritt ein Refugium in der Villa Reitzenstein und damit im Staatsministerium selber ein. Die Unterkunft unterm Dach der Villa war schlicht, der Garten dafür umso prachtvoller. An jedem seiner Stuttgarter Arbeitstage nutzte der Grüne das Gelände, für Entspannungsspaziergänge und Konditionstraining. Auf der kurvigen Abfahrt durch den Garten wurde er am Mittwoch, dem 13. Mai, von zahlreichen Mitarbeitern verabschiedet, die sich heimlich in Reih und Glied dort aufgestellt hatten. Für immer verzichten muss Kretschmann übrigens nicht , weil ihm ein kleines Büro eingerichtet ist im angrenzenden Clay-Haus, zur Würdigung benannt nach jenem US-General, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als Vater der Berliner Luftbrücke in die Geschichte einging.