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Robert Hamm: Geothermie könnte Oberrheingraben mit Strom und Wärme versorgen

Die Verfahren sind gut beherrschbar – ohne Risiken für die Bevölkerung, sagt Robert Hamm. Er leitet seit dem 1. Juni die Landesbergdirektion, die die Tiefen-Geothermie-Projekte genehmigt.
privat)Staatsanzeiger: Wie schätzen Sie die Potenziale der tiefen Geothermie zwischen Basel und Mannheim ein?
Robert Hamm: Diese sind ideal. Wir haben hier geologische Bruch- und Verwerfungszonen im Gestein, und dadurch kommen wir relativ schnell an sehr heißes Wasser – in 2500 Metern Tiefe sind es über 100 Grad. Das kann man nutzen, wenn man die Gesteinsschichten, in denen sich das Grundwasser befindet, gut erschließt. Im Vergleich dazu haben wir noch das Molassebecken im Oberschwäbischen. Dort hat man Wassertemperaturen nur um die 70 Grad. Das macht deutlich, dass der Oberrheingraben für die tiefe Geothermie ein hervorragendes Potenzial besitzt.
Wie stark ist das Interesse der Unternehmen daran?
Die möglichen Erlaubnisfelder zum Aufsuchen von Geothermie sind dort weitestgehend vergeben. Wir haben 16 Felder, die dort eine Aufsuchungserlaubnis und eine Berechtigung haben. Im Oberschwäbischen haben wir weitere vier. Die Firmen haben das Potenzial erkannt. Grundsätzlich sind die Vorhaben wirtschaftlich. Das sehen wir an den Firmen, die sich engagieren, die mit viel Geld in Vorleistung gehen.
Wo liegen die Nutzungsmöglichkeiten?
Für die tiefe Geothermie sind es drei: Die Nutzung des warmen Wassers zur Nahversorgung mit Wärme in einem Wärmenetz. Die Erzeugung von Strom und die Gewinnung von Lithium. Das Thema Lithium ist erst im Aufbau. Es ist aber absehbar, dass es einen Push bekommt.
Wie steht es um die Stromversorgung?
Mit dem Wegfall der festen EEG-Vergütung für Geothermiestrom zum 1. Januar 2027 wird die Stromerzeugung wirtschaftlich schwieriger. Die Unternehmen müssen sich stärker auf die Wärmeerzeugung und den Anschluss an Wärmenetze konzentrieren. Entscheidend wird sein, kommunale Versorger als Partner zu gewinnen und tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Das Problem ist, dass sich die Abnehmerseite oft erst noch entwickeln muss. Ein Wärmenetz entsteht nicht von heute auf morgen.
Wie kann man sich das Vorgehen der Firmen vorstellen?
Sie müssen ein mehrstufiges Genehmigungsverfahren durchlaufen. Als Erstes gibt es die bergrechtliche Erlaubnis. Die sichert das „Claim“ ab, das Gebiet, in dem ich aufsuchen darf. Dies verpflichtet zugleich, innerhalb eines Zeitfensters in diesem Claim zu suchen. Zu Beginn wird meist eine Studie gemacht, dann folgen seismische Untersuchungen, um die geologischen Störungen zu evaluieren, in die später gebohrt werden soll. Danach gibt es Probebohrungen beziehungsweise Infiltrationstests. Wir erteilen die Genehmigungen zum Aufsuchen und fordern risikobegrenzende Maßnahmen ein, um Havarien oder Probleme im Untergrund zu vermeiden. Nötig ist ein Monitoringsystem für Erschütterungen und das strikte Trennen der Grundwasserstockwerke.
Bohrungen in Staufen, der Schweiz und Frankreich haben Risiken aufgezeigt. Welche stehen hier im Vordergrund?
In Staufen handelte es sich um eine oberflächennahe Geothermie mit Bohrungen bis 140 Meter Tiefe und einer anderen Technik. Daraus hat man viel gelernt. Tiefengeothermie-Projekte liegen dagegen in Tiefen von 2500 bis über 4000 Metern. Hier haben wir verschiedene Sicherungsmaßnahmen vorgesehen. Zum Beispiel bestehen wir auf ein verrohrtes Bohren. Diese Verrohrungen werden vermörtelt, so dass die Grundwasserstockwerke dauerhaft getrennt sind und kein Kurzschluss zwischen ihnen stattfinden kann. So kann Grundwasser aus einem Stockwerk nicht in ein anderes eindringen und dort zu Hebungen führen.
Welche Folgen ziehen Sie aus Projekten wie in Basel, wo es zu spürbaren Beben kam?
Wir haben daraus gelernt, dass wir das Grundgebirge nicht aufbrechen dürfen. Es wird gezielt nach vorhandenen geologischen Bruch- und Verwerfungszonen und durchlässigem Gestein gesucht, in die das Wasser reingepresst wird, um es im Kreislauf wieder herauszuholen. Dabei wird versucht, den Untergrund in der Tiefe nicht ohne Not in Spannung zu bringen oder zu beeinträchtigen, um Bewegungen und Erschütterungen zu minimieren. Das wird mit einem seismischen Monitoringprogramm begleitet. Die Drücke der Flüssigkeiten, die eingebracht werden, werden parallel überwacht und gesteuert. Und wenn seismische Aktivitäten erkennbar sind, dann kann sofort reagiert werden. Klar ist auch – das zeigen unsere Kollegen vom Landeserdbebendienst – dass auch Konzerte wie das der Toten Hosen dieses Jahr in Freiburg seismisch nachweisbar sind. Nicht jede gemessene Erschütterung ist also sicherheitsrelevant oder verursacht Schäden. Das gilt auch für die Tiefengeothermie.
Sind die Risiken also beherrschbar?
Wir sind der Meinung, dass diese Verfahren heute hervorragend und gut beherrschbar sind – ohne Risiken für die Bevölkerung.
Oft gibt es seitens der Bürger Vorbehalte. Wie erleben Sie das?
Es gibt Projekte, bei denen es sehr schwierig ist, die Kommunen von seismischen Untersuchungen zu überzeugen. Firmen, die diese Projekte planen, müssen immer in eine Öffentlichkeitsinformation und -beteiligung gehen und versuchen, die Kommunen mitzunehmen. Wir haben aber auch sehr positive Erfahrungen etwa im Oberschwäbischen, wo wir für den Herbst eine seismische Erkundungskampagne für die tiefe Geothermie planen. Wir konnten dort die Öffentlichkeit sehr gut mitnehmen, so dass wir weitestgehend keine Beschwerden oder besorgte Bürger haben.
Wie aufwendig sind die Genehmigungsverfahren für die Tiefengeothermie-Unternehmen?
In einer ersten Phase gehen wir als Behörde mit den Firmen ins Gespräch und versuchen, in kooperativer Arbeitsweise offene Punkte zu klären. So sorgen wir dafür, dass die Firmen alle nötigen Unterlagen für ihren Antrag beifügen. Wenn das Genehmigungsverfahren startet, werden diese Unterlagen an die Träger öffentlicher Belange geschickt. Das sind diejenigen, die andere Rechtsbereiche zu prüfen haben und gewährleisten müssen, dass diese Belange berücksichtigt werden. Die Rückmeldungen werden von uns in einem Bescheid verarbeitet. Parallel zur Beteiligung der Träger öffentlicher Belange legen wir die Unterlagen öffentlich aus, so dass auch Dritte sich äußern können.
Wie lässt sich die tiefe Geothermie voranbringen?
Vor allem bei der Abnahme der Wärme: Wir brauchen zügig Wärmenetze. Wenn die Unternehmen ein Wärmenetz und einen positiven Business-Case im Hintergrund haben, beschleunigt das die Verfahren.