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Berufsschullehrerverband fordert Entlastung für Lehrkräfte

Rund 12,5 Stunden pro Woche arbeiten Lehrkräfte an Aufgaben, die nichts direkt mit dem Unterrichten zu tun haben.
IMAGO/Michael Bihlmayer)Stuttgart. Die Zahlen aus der Studie , die die Professorin Carmela Aprea von der Universität Mannheim vorlegt, sprechen eine klare Sprache: Vollzeitlehrkräfte an den Berufsschulen arbeiten in einer typischen Woche rund 45 Stunden, Mitglieder von Schulleitungen knapp 49 Stunden. Hinzu kommt, dass Teilzeitkräfte besonders viel unbezahlte Mehrarbeit leisten.
Der Berufsschullehrerverband fordert deshalb, eine praxistaugliche und verbindliche Arbeitszeiterfassung. Nachgewiesene Mehrarbeit müsse auf einem Lebensarbeitszeitkonto berücksichtigt werden. Dieses dürfe aber keineswegs ein Instrument sein, um zusätzliche Pflichtstunden zu rechtfertigen . Zudem müsse Teilzeit auch wirklich Teilzeit sein. Auch dürften Berufseinsteiger nicht verheizt werden. Nach der Studie arbeiten sie fast 48 Stunden pro Woche.
Und die Mehrarbeit kommt nicht unbedingt dem Unterricht zugute. Rund 12,5 Stunden pro Woche arbeiten die Lehrkräfte an Aufgaben, die nichts direkt mit dem Unterrichten zu tun haben: an Verwaltung und Dokumentation, an Konferenzen und Abstimmungen, an Konzepten, Erhebungen und im IT-Bereich. Hinzu kommen Absprachen mit Ausbildungsbetrieben und Kammern. „Das ist mehr als ein Viertel der Arbeitszeit“, sagt der Vorsitzende des Berufsschullehrerverbands Christoph Franz.
Land soll Material auf digitaler Plattform bereitstellen
Für ihn folgt daraus: „Wir müssen aufhören, Arbeitszeit systematisch zu verschwenden.“ Franz kritisiert, dass an vielen Stellen im Schulsystem dieselbe Arbeit immer wieder neu gemacht werde, „von jeder Schule, von jeder Schulleitung und von jeder Lehrkraft“. Und er hat auch gleich ein Beispiel parat: Wenn ein neuer Lehrplan in Kraft tritt, säßen tausende Lehrkräfte unabhängig voneinander an ihren Schreibtischen und entwickelten den Unterricht und die Arbeitsblätter. Seine Forderung: Das Land soll in einem solchen Fall hochwertige, qualitätsgesicherte und frei nutzbare Unterrichtsbausteine auf einer digitalen Plattform zur Verfügung stellen – von der ersten Unterrichtsstunde bis zur Prüfung. Die Materialien müssten den heutigen Unterricht abbilden: binnendifferenziert, sprachsensibel, niveaudifferenziert, sie müssten moderne Medien einbeziehen, den Einsatz von KI unterstützen und eine individuelle Förderung ermöglichen.
Wobei für ihn auch klar ist: Das soll ein Angebot sein, keine Vorgabe. „Pädagogische Freiheit bleibt pädagogische Freiheit. Aber Freiheit bedeutet nicht, dass jede Lehrkraft jede Aufgabe immer wieder von vorne neu erledigen muss“, so Franz. Das Land könne Qualität sichern und gleichzeitig Freiräume schaffen. Wer eigenes Material einsetze, orientiere sich an diesem Qualitätsniveau. So entstehe ein verlässlicher Unterrichtsstandard im ganzen Land – als Basis für die individuelle Arbeit vor Ort.
Ein weiterer wichtiger Punkt für den BLV sind mehr multiprofessionelle Teams. Denn die Anforderungen an die Schule hätten sich deutlich verändert. Doch Lehrkräfte seien keine Sozialarbeiter, keine Psychologen, keine Praktikumsvermittler und keine Berufseinstiegsbegleiter. „Multiprofessionelle Teams gehören in jede Schule – auch an die Berufsschulen“, sagt Franz. Deren Einsatz müsse verbindlich werden und verlässlich finanziert sein. Er dürfe nicht von der Haushaltslage der Kommunen abhängen.
Schulleitungen entlasten
Eine weitere Forderung des BLV ist die Entlastung der Schulleitungen. Bei denen entfallen nach der Studie fast 80 Prozent auf Tätigkeiten außerhalb des Unterrichts. Auch hier sieht er Einsparungsmöglichkeiten. Um das zu verdeutlichen, wirft Franz einen Blick auf ein typisches Halbjahr an einer beruflichen Schule im Frühjahr: eine zentrale Erhebung durch das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW), kurz danach eine Umfrage zur Inklusion, es folgt eine neue Verwaltungsvorschrift, dazu ist ein neues Sprachförderkonzept erforderlich, ein Bildungsgang verändert sich, also ist auch hierfür ein neues Konzept erforderlich. Parallel laufen Berufsorientierung, Schutzkonzept, Medienkonzept, Präventionskonzept, weitere Dokumentationen und Berichte. „Und das passiert nicht an einer Schule. Jede Schule bearbeitet dieselbe Aufgabe – immer und immer wieder“, so Franz. Für ihn ist das so, als würde ein Unternehmen mit vielen Standorten sagen: entwickelt bitte an jedem Standort dieselbe Lösung. „Niemand würde das für effizient halten. In der Schule machen wir genau das“, sagt Franz.
Für ihn ist deshalb klar: Wer neue Vorgaben macht, muss die Umsetzung mitliefern. Außerdem sollten neue Vorgaben einem Check unterzogen werden: Was bringen sie für den Unterricht und wie viel Zeit kosten sie. „Was keinen erkennbaren Mehrwert bringt, muss gestrichen werden“, fordert Franz. Zudem fordert er flächendeckend Verwaltungsassistenten für die Schulleitungen.
Unternehmen unterstützen Forderungen des BLV
Unterstützung erhält der BLV von den Unternehmern Baden-Württemberg. „Die neue Arbeitszeitstudie des Berufsschullehrerverbands zeigt aus Sicht der baden-württembergischen Wirtschaft: Berufliche Schulen müssen gezielt entlastet werden“, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbands. „Ganz wichtig ist auch: Erfolgreiche Angebote am Übergang von Schule in den Beruf dürfen nicht zurückgefahren werden“, sagt Stefan Küpper, Geschäftsführer für Bildung, Arbeitsmarkt und Landespolitik der Unternehmer Baden-Württemberg, mit Blick auf den Rückzug des Landes aus der Kofinanzierung der Berufseinstiegsbegleiter vor knapp drei Jahren deutlich. „Diese Entscheidung sollte wieder rückgängig gemacht werden“, forderte er.
Die laut BLV dauerhaft hohe Mehrbelastung der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen gefährdet aus Sicht der IHK auch die Qualität der Ausbildung. „Für eine moderne und zukunftsfähige Ausbildung braucht es ausreichend qualifizierte und engagierte Lehrkräfte sowie eine zeitgemäße Ausstattung der beruflichen Schulen. Die stärkere Integration digitaler Medien in den Unterricht bietet die Chance, die Unterrichtsqualität zu verbessern und Lehrerinnen und Lehrer zu entlasten“, sagt Andrea Bosch, Leiterin der Abteilung Berufliche Bildung und Fachkräfte der IHK Region Stuttgart. Auch den weiteren Ausbau multiprofessioneller Teams an beruflichen Schulen, wie vom BLV gefordert, bewertet der BWIHK positiv.
Zusätzlicher bürokratischer Aufwand durch Dokumentationspflichten, Konferenzen und weitere außerunterrichtliche Aufgaben belastet die Lehrkräfte, davon ist man auch bei der BWIHK überzeugt. „Grundsätzlich setzen wir uns für eine Entlastung der Schulen von bürokratischen Aufgaben ein. Schulen sollten ihre Ressourcen vor allem auf qualitativ hochwertigen Unterricht und die Vorbereitung der Fachkräfte von morgen konzentrieren können“, fordert Andrea Bosch.