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Der rechte Terror und seine lange Geschichte

Neun Menschen mit Migrationshintergrund und eine Polizistin wurden von der rechten NSU-Terrorgruppe ermordet.
Achim Zweygarth)Stuttgart. Brandsatzreste und Tatortfotos erinnern an oftmals vergessene, tödliche Anschläge. Ein Baseballschläger und Plattencover stehen für das brutale Wiedererstarken der radikalen Rechten in den Neunzigern. Das grausame Weltbild des nationalsozialistischen Untergrunds verdeutlicht ein zynisches Brettspiel.
All diese Originalobjekte, die ab sofort in einer Ausstellung in Stuttgart zu sehen sind, zeugen von der menschenverachtenden Ideologie und von der mörderischen Entschlossenheit rechtsextremer Terroristen. Und dies an einem geschichtsträchtigen Ort, dem „Hotel Silber“, das in der NS-Zeit ein Hauptquartier der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) war.
Die Schau unter dem Titel „Rechtsextremer Terror“ beginnt mit der Ermordung des demokratischen Politikers Matthias Erzberger im Jahr 1921. Erzberger war eine wichtige politische Schlüsselfigur an der Schwelle vom deutschen Kaiserreich zur Weimarer Republik. 1918 unterzeichnete er als Verhandlungsführer der deutschen Delegation im Wald von Compiègne den Waffenstillstand mit den Alliierten.
Die Rechten haben die Kapitulation nie akzeptiert
Dies brachte ihm scharfe Kritik seiner Zeitgenossen ein, Erzberger wurde von rechten Gruppierungen gehasst und stand für ein kapitulierendes Deutschland, das die Rechten so nie akzeptieren wollten. Er wurde am 21. August 1921 von Angehörigen der rechtsgerichteten Geheimorganisation „Consul“ ermordet. Die Ausstellung spannt daher einen Bogen von Erzberger über den rechten Staatsterrorismus in der NS-Zeit, dem Wiedererstarken nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zu der Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), die zwischen den Jahren 2000 und 2006 neun rassistisch motivierte Morde an Unternehmern mit Migrationshintergrund begingen. Und sie endet mit der Reichsbürger-Gruppe um Heinrich Prinz Reuß, gegen die seit zwei Jahren Prozesse laufen.
Neben den Terrorakten selbst thematisiert die Ausstellung die Perspektiven von Betroffenen, gesellschaftliche Reaktionen und die juristische Aufarbeitung.
„Rechtsextremer Terror ist kein Phänomen der Vergangenheit, und die Taten sind keine Einzelfälle“, sagt der Projektleiter und Erzberger-Biograf Christopher Dowe. Die Gewalt habe über Jahrzehnte hinweg klare Ziele gehabt: „Bei den einen Angst zu verbreiten, bei den anderen Zustimmung und Nachahmung zu erzeugen, um die Demokratie zu zerstören“, betont Dowe.
Ausstellung führt entlang einer blauen Gitterstruktur
Raumprägend ist eine blaue Gitterstruktur, entlang der man sich durch mehr als 100 Jahre rechtsextremer Terrorgeschichte einlesen kann. Zwischen den Gittern sind gelbe Bänder gespannt, die auf viele Anschläge, Morde oder Diskriminierung durch Rechte hinweisen. Dazwischen gibt es zahlreiche Fotos, Plakate und Medienstationen, die die Terrorgeschichte dokumentieren.
Die Grundstruktur rechten Terrors ist immer die Gleiche, die Details aber ändern sich. Das macht der Mord an Martin Katschker deutlich. Er wurde 1970 von einem alkoholisierten Mann erschossen mit einem Bolzenschussgerät. Kurz zuvor gab es ein Open-Air-Konzert in der Stadt Konstanz, bei dem auch viele Hippies anwesend waren.
Die NPD in der Stadt startete eine Kampagne gegen sogenannte Gammler und sorgte so für Hetze gegen Jugendliche, Andersaussehende und scheinbar Herumlungernde. Der Mord an dem 17-jährigen Katschker, der nicht mal annähernd wie ein Hippie aussah, ging als Konstanzer „Gammlermord“ in die Geschichte des rechten Terrors ein.
Auch ein Fahndungsplakat über den in Achern geborenen ehemaligen Neonazi Odfried Hepp ist zu sehen. Der hatte unter anderem 1982 mehrere Anschläge auf Einrichtungen und Angehörige der US-amerikanischen Streitkräfte und Banküberfälle in Deutschland verübt.
Dokumentiert wird in der Ausstellung auch die Untergrundorganisation Elsa, „die in Württemberg unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs durch Terrorakte Angst schüren wollte“, sagt Friedemann Rincke, einer der Kuratoren der Ausstellung. In dieser Gruppe waren ehemalige SS- und Wehrmachtsmitglieder vertreten, die sich gegen die Entnazifizierung wehrten „und darin eine Entehrung des deutschen Volkes sahen“, erläutert Rincke.
Die Ausstellung zeigt anhand vieler weiterer Beispiele, dass rechtsextremer Terror bis heute Menschenleben bedroht. „Und damit auch unsere Demokratie“, sagt Projektleiter Dowe. „Rechtsextremer Terror ist ein Phänomen, das uns beschäftigen sollte, und das Haus der Geschichte hat die Aufgabe zur Demokratiebildung“, sagt deren Direktorin Cornelia Hecht-Zeiler.
„Etliche rechtsextreme Taten und die Absichten dahinter wurden öffentlich wenig wahrgenommen und werden deshalb oft unterschätzt. Das führt unsere Ausstellung vor Augen“, betont Hecht-Zeiler. Das Projekt beschränke sich daher auch nicht nur auf die Darstellung historischer Fälle. „In der Ausstellung und bei Veranstaltungen, gemeinsam mit einem beachtlichen Netzwerk an Einrichtungen und Initiativen, laden wir alle Besucherinnen und Besucher ein, Haltung zu zeigen“, sagt die Direktorin.
Ein eigener Aufkleber gegen Rechtsextremismus
In der Ausstellung laden interaktive Stationen dazu ein, über den eigenen Beitrag zur Bekämpfung von Rechtsextremismus nachzudenken. Dazu gibt es mehrere Tische mit bunten Bauklötzen oder Tischtennisbällen. „Und am Ende kann man sich auch einen eigenen Aufkleber gegen Rechtsextremismus basteln“, sagt Kuratorin Natalia Kot.