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Wilhelmine Canz: Ein großes Herz für die Kleinsten

Wilhelmine Canz war eine engagierte Christin. Sie gründete die Großheppacher Schwesternschaft.
epd/Ed. Naedelin/Montage: Herrgoß)Großheppach. Sie war eine Frau, die im 19. Jahrhundert gegen massive Widerstände ein Werk schuf, das bis heute besteht. Damit wurde sie eine Wegbereiterin der modernen Pädagogik. Wilhelmine Canz (1815 bis 1901) war die Gründerin der Großheppacher Schwesternschaft.
Canz war mehr als nur eine engagierte Christin. Durch ihren Bruder und Pfarrer Karl, dem sie ihre Bildung verdankte, kam sie mit der Philosophie Hegels in Berührung und entwickelte einen scharfen, kritischen Geist.
Sie veröffentlichte anonym einen kritischen Roman
Kurz bevor sie ihr Lebenswerk begann, veröffentlichte sie anonym einen Roman mit dem provokanten Titel „Eritis sicut deus“ – „Ihr werdet sein wie Gott“. Darin setzte sie sich mit der umstrittenen Leben-Jesu-Forschung des Tübinger Theologen David Friedrich Strauß auseinander.
Ihre Lebensaufgabe fand sie nach einer persönlichen Krise. Sie hatte den Plan, in Württemberg eine Ausbildungsstätte für Kinderpflegerinnen zu gründen. Die Idee kam ihr nach einer Begegnung mit der badischen Kinderpflege-Pionierin Regine Jolberg. Doch bei den Kirchenmännern stieß Canz auf Ablehnung. 1854 starb ihr Bruder. Sie war 39 Jahre alt, unverheiratet und stand ohne Versorger vor dem Nichts.
Dieser Schicksalsschlag wurde zum Wendepunkt. Canz entschied, ihren Weg allein zu gehen. Im Alter von 40 Jahren zog sie 1855 nach Großheppach im Remstal. Am 3. Mai 1856 eröffnete sie dort mit nur zwei jungen Frauen ihre „Bildungsanstalt für Kleinkinderpflegerinnen“.
Aus den bescheidenen Anfängen wuchs die Großheppacher Schwesternschaft, eine Organisation, die Hunderten Frauen Bildung und Heimat bot. Der Kirchenhistoriker Jakob Eisler nennt die Gründung einen „Meilenstein in der Geschichte der Kleinkinderpflege und der Ausbildung von Fachkräften“.
Nach ihrem Tod hinterließ sie ein blühendes Sozialwerk
1872 erhielt sie für ihre Arbeit von der württembergischen Königin Olga einen Orden. Als Canz 1901 starb, hinterließ sie ein blühendes Sozialwerk, das als Stiftung bis heute existiert. Hervorgegangen sind eine evangelische Fachschule für Sozialpädagogik, eine Fachschule für Altenpflege, ein Wohn- und Pflegeheim sowie ein Kinder- und ein Gästehaus.
Doch die öffentliche Erinnerung an Canz ist verblasst. Keine Straße und keine Schule in Baden-Württemberg trägt den Namen dieser außergewöhnlichen Frau. Nur ein Pflegezentrum im Weinstadter Teilort Großheppach erinnert an sie. (rik/epd)