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Arzt, Schriftsteller, Aktivist – und Stuttgarter

Der Vater von Stasi-Spion Markus Wolf war im Südwesten verwurzelt

Ein Jahr nach Kriegsende hielt Friedrich Wolf eine Rede, in der er den Stuttgartern Mut zum Leben machen wollte. Sie markierte zugleich den endgültigen Abschied des Arztes und Schriftstellers von einer Stadt, die er geliebt hatte.
Person tippt auf Schreibmaschine, trägt Hemd und Mütze, Dokumente auf dem Tisch.

Friedrich Wolf mit seiner Schreibmaschine in Überlingen 1932.

Privatarchiv Familie Wolf)

Stuttgart. Hier hätte Friedrich Wolf für immer Wurzeln schlagen können. Hier in der Zeppelinstraße unweit des Hölderlinplatzes, in der berühmten Stuttgarter Halbhöhenlage, wo 1928 sein „Würfelhaus“ entstand. Ganz im Stil der nahen Weißenhofsiedlung vom Stuttgarter Architekten Richard Döcker entworfen. Und dann zog es ihn doch wieder hinaus in die Welt. Diesmal unfreiwillig, auf der Flucht vor den Nazis – Friedrich Wolf war ja nicht nur Arzt und Schriftsteller, sondern auch Kommunist. Und doch kennzeichnete es das Leben des Multitalents, dass er es selten länger an einem Ort aushielt.

Sechs Jahre hatte er zwischen Wald und Reben verbracht

In Neuwied am Rhein geboren, zog es ihn schon als Student in die Ferne. Er studierte in Heidelberg, München, Tübingen, Bonn und Berlin. Nach Praktika in Meißen, Bonn und Dresden fuhr Wolf 1914 als Schiffsarzt auf der Route Kanada–Grönland–USA.

Später war er als Arzt in Remscheid, Hechingen, Höllsteig unweit des Bodensees und Stuttgart tätig. Zwischendurch lebte er in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 emigrierte Friedrich Wolf mit seiner Familie über Österreich, die Schweiz und Frankreich in die Sowjetunion.

Unter dem Eindruck des stalinistischen Terrors machte er sich auf den Weg nach Spanien, um dort im Bürgerkrieg gegen Franco zu kämpfen, blieb jedoch aufgrund der unsicheren Lage in Frankreich. Bei Kriegsbeginn wurde Wolf verhaftet und in ein Internierungslager gebracht. Mit einem falschen Pass gelang ihm 1941 die Ausreise. Wolf erhielt die sowjetische Staatsbürgerschaft und kehrte nach Moskau zurück, wo er im Juli 1943 Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Wolf 1945 aus der Emigration nach (Ost-)Berlin zurück.

Und dann – am 17. Mai 1946 – besuchte er jene Stadt, in der dieser unstete Geist, dieser Weltbürger doch einmal Wurzeln geschlagen hatte. Sechs Jahre, zwischen 1927 und 1933, hatte er in der Metropole zwischen Wald und Reben verbracht – und diese Zeit konnte, mochte er nicht vergessen. Hier im Furtbachhaus, dem einzigen von den Bomben verschonten Saal in der Innenstadt, hielt er vor 80 Jahren seine Rede „Mut zum Leben“, und die Menschen strömten von überall her, um diesem Mutmacher zu lauschen. Es ist eine Rede, die immer wieder mäandert – hier das Unbegreifliche und die deutsche Schuld, da die große deutsche Geistesgeschichte, auf die man doch eigentlich stolz sein könnte, wenn das andere nicht wäre. Auch im Abstand von einem Menschenleben spürt man die Zerrissenheit dieses Emigranten, der erst vor einem Jahr aus dem Moskauer Exil zurückgekehrt ist und jetzt zu jenen spricht, bei denen er vor einer gefühlten halben Ewigkeit glücklich war.

Die Rede vor 80 Jahren markierte den Schlusspunkt

Stuttgart, so Wolf, werde „den frischen geistigen Wettkampf mit Berlin nicht zu scheuen haben“, falls die Stadt wieder ein Kulturzentrum wie in den 1920er-Jahren werde, sagte er und weiter: „Mich selbst zieht es mit magischer Kraft wieder nach Stuttgart, die Schwaben sind Hartschädel, aber Menschen, mit einem tiefen Sinn für Gerechtigkeit, für menschliche Anständigkeit, für wahren Mut und für Treue im besten Sinne! Hier in Schwaben kann der Staat vom Menschen her aufgebaut werden, auf der Grundlage eines persönlichen Vertrauensverhältnisses von Mensch zu Mensch und was zum Leben unerlässlich ist, mit dem Streben nach Freiheit und nach Glück.“

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Frei nach Goethe hatte Friedrich Wolf sich ein Elysium errichtet und kehrte doch nicht dorthin zurück, sondern mühte sich stattdessen, in der sowjetischen Besatzungszone, ein neues, kommunistisches Deutschland aufzubauen. Die Rede im Furtbachhaus war der symbolische Schlusspunkt jener Verbindung zwischen Friedrich Wolf und Stuttgart, die nur wenige Jahre gedauert hatte, deren Wirkung aber bis heute nachhallt.

Nach Stuttgart hatte ihn zunächst ein verlegerisches Projekt gezogen. Für die Deutsche Verlagsanstalt schrieb er das Gesundheitsbuch „Die Natur als Arzt und Helfer“, das zu einem Bestseller wurde. Der Erfolg verschaffte ihm wirtschaftliche Unabhängigkeit. In der Neckarstraße bezog er zunächst eine Verlagswohnung, später ließ er sich ein modernes Wohn- und Praxishaus in der Zeppelinstraße errichten, das er mit einem Wüstenrot-Bausparvertrag finanzierte. Es entstand ein kubischer Bau, der schnell zu einem Treffpunkt für Künstler, Intellektuelle und politische Aktivisten wurde.

Wolf kultivierte dort einen Lebensstil, der seine Zeitgenossen zugleich faszinierte und befremdete. Er predigte vegetarische Ernährung, Kaltwasseranwendungen, Bewegung und Naturheilkunde. Besucher berichteten von einem strengen Alltag, kalten Duschen und gymnastischen Übungen. Für Wolf waren Gesundheit und gesellschaftliche Verhältnisse untrennbar miteinander verbunden. Krankheiten betrachtete er nicht nur als individuelles Problem, sondern auch als Folge sozialer Missstände. Gesundheit sah er als Menschenrecht.

Diese Haltung machte ihn in Stuttgart populär, besonders bei Arbeitern und sozial Benachteiligten. Zeitzeugen erinnern sich an einen Arzt, der Menschen auch dann behandelte, wenn sie kaum Geld hatten. Seine Praxis wurde zu einem Ort sozialer Hilfe. Gleichzeitig sammelte Wolf Anhänger weit über die Medizin hinaus. Sein Auftreten – groß, sportlich, oft in kurzer Hose und Sandalen – beeindruckte viele junge Menschen, die in ihm eine moderne Alternative zum autoritären Gesellschaftsbild der Zeit sahen.

Stuttgart war damals ein Labor neuer Lebensentwürfe

Doch Wolf war nicht nur Arzt, sondern auch ein äußerst produktiver Schriftsteller. In Stuttgart entstanden zahlreiche Texte, Broschüren und Theaterstücke. Sein bekanntestes Werk dieser Zeit war „Cyankali“, ein Drama gegen Paragraf 218, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellte. Das Stück machte Wolf deutschlandweit bekannt. Es griff die soziale Not von Frauen auf und verband künstlerische Mittel mit politischer Agitation. Die Aufführungen lösten heftige Debatten aus und machten Wolf endgültig zu einer öffentlichen Figur.

1928 trat er der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Anders als viele Intellektuelle blieb er nicht Beobachter, sondern beteiligte sich aktiv an politischen Kampagnen.

Dabei bewegte sich Wolf in einem bemerkenswerten Milieu. Er war mit Architekten, Künstlern und Intellektuellen der Moderne vernetzt. Sein Haus wurde zum Treffpunkt von Persönlichkeiten aus Kultur und Politik. Die Grenzen zwischen avantgardistischer Architektur, Reformbewegung, Gesundheitslehre und politischem Engagement waren fließend. Stuttgart war in den späten 1920er-Jahren ein Labor neuer Lebensentwürfe, man denke nur an die Anthroposophie von Rudolf Steiner – und Wolf gehörte zu denen, die die Epoche und diese Stadt geprägt haben.

Der Sohn leitete den DDR-Auslandsgeheimdienst

Zweimal war Friedrich Wolf (1888-1953) verheiratet. Aus der Ehe mit Käthe Gumpold entsprangen Johanna (geboren 1915) und Lukas (geboren 1919). Mit seiner zweiten Frau Else bekam er Markus (1923-2006) und Konrad (1925-1982); der eine wurde Chef des Auslandsgeheimdienstes der DDR, der andere Filmregisseur. In Stuttgart lernte er Lotte Strub-Rayß kennen, mit der er Lena (geboren 1934) zeugte. Catherine Gittis (1940-1988) entstammte einer Beziehung mit einer jüdischen Emigrantin. Thomas Naumann (geboren 1953) ist der Sohn von Wolf und der Tanzpädagogin Irmgard Schaaf.

Da stehen sie aufgereiht wie die Orgelpfeifen vor dem „Würfelhaus“ in der Zeppelinstraße im Stuttgarter Westen: Friedrich Wolfs erste vier Kinder Johanna, Lukas, Markus und Konrad (von links).
Privatarchiv Familie Wolf)

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