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„NS-Gedenkstätten sind Schutzräume der Demokratie“

Die Gedenkstätten Grafeneck ist eine wichtige Instanz für die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.
dpa/Stefan Puchner)Stuttgart. Mit umgerechnet 40 000 Euro ist Baden-Württemberg in die Förderung von Projekten eingestiegen, mit etwa drei Mal soviel ab dem Jahr 2000 auch in die institutionelle Unterstützung. In den vergangenen 15 Jahren wurden Gedenkstätten mit zehn Millionen Euro unterstützt. Allein für das laufende Jahr stehen dem Staatsministerium zufolge gut zwei Millionen Euro zur Verfügung.
„Erinnerungskultur ist staatliche und auch gesellschaftliche Verantwortung“, erklärt Fadime Tuncer als zuständige Fachpolitikerin der Grünen-Fraktion den starken Anstieg der Ausgaben: „Wer will, dass unsere Demokratie lebt, muss die Orte schützen, die uns an die Gräueltaten der NS-Zeit gemahnen.“
Gedenkstätten sind Teil der politischen Kultur
Mit einer umfangreichen parlamentarischen Anfrage wollten die Grünen eine Zwischenbilanz ziehen. „Die Gedenkstätten in Baden-Württemberg sind Teil unserer politischen Kultur“, heißt es in der Begründung. Ziel der weiteren Arbeit müsse sein, sie zu zukunftsfähigen und resilienten Lernorten auszugestalten, um gerade junge Menschen zu erreichen dank der Verknüpfung von Bildung, Kultur, Gesellschaft und Politik.
Die LpB hält ein eigenes Gedenkstättenportal vor (https://www.gedenkstaetten-bw.de/angebote-wanderaustellungen/virtuelle-ausstellung-der-lagg), eine Liste aller Einrichtungen im Land sowie umfangreiche Informationen, darunter auch eine virtuelle Ausstellung.
Zunehmend sind in der Landeszentrale allerdings auch Übergriffe ein Thema. Seit einigen Jahren werden von den Verantwortlichen in den Gedenkstätten Vorfälle gemeldet. In den Jahren 2021 bis 2024 kam es unter anderem an zwei im freien Gelände stehenden Informationstafeln der KZ-Gedenkstätte Vaihingen/Enz fünfmal zu Schmierereien.
Im April 2023 wurde das Gebäude, in dem die KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen ihre Dauerausstellung zeigt, mit dem Satz „Ihr könnt nix außer lügen“ und dem Wort „Satire“ beschmiert. In der Alten Synagoge Hechingen und am Lernort gab es ebenfalls Schmierereien und eine eingeworfene Fensterscheibe. Und in Grafeneck wurde im Juli 2024 vor dem Dokumentationszentrum der Gedenkstätte ein Stein deponiert, der bemalt war mit Hakenkreuz, blauem Herz, Deutschland-Flagge und der Aufschrift „FCK Grüne“.
„Angriffe auf Gedenkstätten sind Angriffe auf unsere Demokratie“, sagt Tuncer. Gedenkstätten seien „Schutzräume unserer Demokratie“. Wer sie angreife, greife unsere offene Gesellschaft an, „und wer sie stärkt, investiert in eine demokratische und lebendige Erinnerungskultur“.
Dementsprechend ist gerade die Bildungsarbeit in den vergangenen Jahren verstärkt worden, die schon 2010 noch unter der CDU/FDP-Landesregierung im Rahmen der „Kunstkonzeption 2020“ als „Teil unserer demokratischen Traditionsbildung“ festgeschrieben wurde mit Hinweis auf den Auftrag nach Artikel 12 der Landesverfassung, ,zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen’. Zahlreiche Materialien werden vorgehalten, Projekte und Führungen angeboten.
Neue Website des „Arbeitskreises Zwangsarbeit“
Für die dauerhafte Weiterentwicklung der Arbeit steht derzeit ein neues Angebot der Landeshauptstadt. Seit Ende Januar ist die Website des „Arbeitskreises Zwangsarbeit in Stuttgart“ online. In mehrjähriger ehrenamtlicher Arbeit ist in Archiven, in der Literatur und bei Ortskundigen recherchiert worden, wie es in einer Selbstdarstellung heißt. Mit dem Ziel, alle verfügbaren Informationen zum so lange vernachlässigten Thema Zwangsarbeit in Stuttgart zusammenzutragen.
Die gesammelten Fakten und Daten sind jetzt frei zugänglich und werden nun auf der Homepage der Öffentlichkeit detailliert zur Verfügung gestellt, einschließlich von Namen und Adressen vieler Unternehmen. So war die Materialprüfungsanstalt der Technischen Hochschule am Werk der Daimler-Benz AG in Untertürkheim Unterbringungs- und Einsatzort für 34 Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen.
Raum für Trauer
Die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen (LAGG) hat sich der Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen in Baden-Württemberg verschrieben, die die Erinnerung an Verfolgung und Widerstand während der NS-Gewaltherrschaft als zentrales Element ihrer Arbeit verstehen. „Solche Stätten“, heißt es in der LAGG-Präambel, „können durch sinnliche Wahrnehmung Wissen und Einsicht vermitteln und bieten Raum für Trauer und Gedenken.“