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S21-Montagsdemos: Gekommen, um noch länger zu bleiben

Seit siebzehn Jahren demonstrieren Bahnhofsgegner gegen das Projekt Stuttgart 21. Sie wollen den bisherigen Kopfbahnhof erhalten und den Tiefbahnhof verhindern.
IMAGO/Arnulf Hettrich)Stuttgart. Winfried Kretschmann war da, Winne Hermann und Boris Palmer, Cem Özdemir sogar zwei Mal. Kabarettisten haben CDU-Projektfans dargestellt, darunter Christine Prayon die frühere Verkehrsministerin Tanja Gönner, Musiker, Schauspieler und Regisseure gaben sich die Ehre, ein Philosoph erläuterte den Unterschied von Ankommen im Kopf- und von Aussteigen im Tiefbahnhof.
Die Montagsdemonstrationen gegen Stuttgart 21 sind seit Beginn im Jahr 2009 auch eine Art Volkshochschule für Leute mit Interesse an neuer Mobilität und Urbanität.
Am Montag kamen mehrere hundert Kopfbahnhof-Fans, von denen viele sich schon lange gut kennen. „800 Mal recht gehabt“, steht auf einem der selbstgemalten Plakate. „800 Mal Protest, 800 Mal Beharrlichkeit“, sagt die Moderatorin und Umweltaktivistin Angelika Linckh, „wir sind da, wir geben nicht auf und fordern weiterhin eine Bahnpolitik, die unserer Stadt, den Reisenden und der Vernunft gerecht wird.“
Die ersten Demonstrationen gegen S21 gab es 2009
Begonnen hat die Geschichte im Oktober 2009. Die Entwicklung der Demonstrationen läuft gerade in den Anfangsjahren parallel zur Entwicklung des Projekts. Im April 2009 hatten unter anderen Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) für Baden-Württemberg und Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) für den Bund den Finanzierungsvertrag unterzeichnet.
Der Kostenrahmen lag bei gut drei Milliarden Euro, ein Deckel wurde bei 4,5 Milliarden festgelegt, bei dessen Überschreitung das Land nicht mehr würde zahlen müssen. Bis heute steht Oettinger zu dem Projekt, weil Baden-Württemberg sonst von der europäischen Magistrale zwischen Paris und Budapest abgehängt worden wäre. Als Eröffnungstermin, ohnehin schon deutlich verzögert gegenüber den ursprünglichen Planungen von Anfang der Neunzigerjahre, wird das Jahr 2019 genannt.
Die Demos der Gegner schwellen schnell an. Kaum ein halbes Dutzend kam zum ersten Stelldichein. Schon am 1. Februar 2010 waren es mehrere Tausend. Nach dem „Schwarzen Donnerstag“ Ende September, mit dem verunglückten Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten und mehreren hundert Verletzten, waren es zwischen 50.000 und 100.000.
Am 30. März 2026 wird erinnert an das, was die Innenstadtbezirke der Landeshauptstadt im Sommer 2010 jeden Tag mitprägte. Regisseur Volker Lösch und Schauspieler Walter Sittler hatten Ende Juli den „Schwabenstreich“ neu interpretiert und zum Auftakt inszeniert: sogar mit 13 Chören, im antiken Theater tanzende und singende Begleiter der Handlung, und Tausende Demonstranten machen sich akustisch mächtig bemerkbar.
Von da an gingen allabendlich um sieben die Fenster und Türen auf, um eine Minute lang so richtig zu lärmen, mit Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Töpfen und Deckeln. Bei der Landtagswahl 2011 lag die Wahlbeteiligung in Stuttgart zehn Prozentpunkte überm Landesdurchschnitt. Selbst die Pleite beim verlorenen Bürgerentscheid überstand das Ritual noch um einige Monate, dann wurde es leiser – wie überhaupt der Protest. „Obwohl wir“, wie Winfried Kretschmann heute sagt, „mit allen unseren Einwänden recht hatten.“ In der Tendenz trifft das auch auf die Kostenschätzungen von damals rund sechs Milliarden Euro zu, ein Betrag, den die Befürworter vehement bestritten. Heute ist er doppelt so hoch.
Die größte Protestbewegung in der Bundesrepublik
Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, ist „stolz“, Teil dieser größten Protestbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik zu sein. Sein Wunsch: „Bleibt unbequem, ein Stachel im Fleisch, mit Witz, Charme und Hartnäckigkeit.“
Das Ziel der Montagsdemos wird wohl noch lange dasselbe bleiben: den Stuttgarter Kopfbahnhof erhalten und den Anschluss zur Gäubahn in Richtung Süden. Sowie die vielen guten Gründe nicht zu vergessen, die gegen den Tiefbahnhof sprachen.